
Der neue Berufskodex für die Soziale Arbeit
Mit dem neuen Berufskodex schafft AvenirSocial einen aktuellen Orientierungsrahmen für die Praxis der Sozialen Arbeit. Der Kodex und seine digitalen Begleitressourcen fördern einen lebendigen berufsethischen Diskurs.
Der Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz ist mehr als ein normatives Referenzdokument: Er ist ein praxisnahes Instrument und zugleich ein zentraler Beitrag zum berufsethischen Diskurs der Profession. Mit der vorliegenden Revision verfolgt AvenirSocial das Ziel, den Kodex inhaltlich zu aktualisieren, strukturell zu schärfen und stärker an den realen Herausforderungen des Berufsalltags auszurichten. Die Vollversammlung von AvenirSocial hat den revidierten Berufskodex am 16. Mai 2025 verabschiedet. Die offizielle Lancierung erfolgte am 1. Januar 2026. Seither wird der Kodex schrittweise in die Praxis eingeführt: Die Fachzeitschrift SozialAktuell widmet sich in einer thematischen Ausgabe der Berufsethik, an der Nationalen Plattform von AvenirSocial finden Workshops zu berufsethischen Fragestellungen statt, und Webinare sowie weitere Umsetzungsinstrumente unterstützen die Verankerung des Kodex im Berufsalltag.
Zentrale Neuerungen der Revision
Die Überarbeitung des Berufskodex baut auf der Fassung von 2010 auf, nimmt jedoch zentrale Prinzipien aus den auf internationaler Ebene erarbeiteten «Ethical Principles» der Internationalen Vereinigung der Schulen für Sozialarbeit (IASSW) von 2018 auf und passt diese für den Schweizer Kontext an. Eine der wichtigsten Neuerungen ist die klarere und übersichtlichere Struktur: Grundprinzipien, Prinzipien und Handlungsleitlinien sind deutlicher voneinander abgegrenzt und in ihrer Funktion für die Praxis nachvollziehbarer dargestellt. Damit soll Fachpersonen die Orientierung erleichtert werden.
Inhaltlich greift der Kodex Themen auf, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen haben. Dazu gehören unter anderem der professionelle Umgang mit digitalen Technologien und Daten, Fragen der Nachhaltigkeit und der sozialen Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, präventive Ansätze in unterschiedlichen Handlungsfeldern sowie die Arbeit mit Gemeinschaften und sozialen Räumen.
Neu ist zudem die enge Verknüpfung des Kerndokuments mit digitalen Begleitressourcen. Neben theoretischen Grundlagen stehen praxisnahe Fallbeispiele und ein Leitfaden zur systematischen Bearbeitung berufsethischer Dilemmata zur Verfügung. Ein zentrales Instrument bildet dabei das Modell AVENIR, das Fachpersonen dabei unterstützt, ethisch relevante Situationen strukturiert zu analysieren, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und begründete Entscheidungen zu treffen.
Digitale Begleitressourcen und Umsetzungsinstrumente
Der neue Berufskodex ist bewusst als mehrteiliges System konzipiert. Das Kerndokument in Form einer Broschüre bildet den normativen Rahmen und beschreibt die grundlegenden Prinzipien und Handlungsleitlinien der Sozialen Arbeit. Die digitalen Begleitressourcen vertiefen diesen Rahmen durch weiterführende Texte, Fallanalysen, Podcasts und thematische Dossiers. Ergänzt wird dieses Angebot durch Umsetzungsinstrumente wie Webinare, Workshops und visuelle Materialien, die den Transfer in den Berufsalltag unterstützen.
Alle Elemente sind über die Website von AvenirSocial zugänglich und werden laufend weiterentwickelt. Rückmeldungen aus der Praxis sind ausdrücklich erwünscht. Die Fachkommission Berufsethik und die Arbeitsgruppe Begleitressourcen prüfen eingehende Hinweise fortlaufend und nehmen bei Bedarf inhaltliche Präzisierungen vor oder erarbeiten neue Materialien. AvenirSocial versteht den Kodex damit nicht als statisches Regelwerk, sondern als lernendes System, das sich im Dialog mit der Praxis weiterentwickelt.
Auf die Praxis ausgerichtet
Die Soziale Arbeit ist geprägt von vielfältigen Mandaten und komplexen Problemlagen. Fachpersonen begleiten Menschen in vulnerablen Lebenssituationen, vermitteln zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen und sind häufig mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert. Der neue Berufskodex trägt dieser Realität Rechnung, indem er nicht nur normative Leitlinien formuliert, sondern auch Räume für Diskussion, Unsicherheit und professionelle Urteilsbildung eröffnet.
Ein lebendiger berufsethischer Diskurs entsteht dort, wo Praxis und Profession kontinuierlich in Austausch treten. Mit der Revision des Berufskodex und dem Ausbau der digitalen Begleitressourcen möchte AvenirSocial diesen Austausch aktiv fördern. Der Kodex soll nicht nur gelesen, sondern genutzt, hinterfragt und weiterentwickelt werden. Der Berufskodex als gemeinsames und gelebtes Fundament für eine verantwortungsvolle, reflektierte und zukunftsorientierte Soziale Arbeit in der Schweiz.
Kommentar zur Revision
Aus Sicht von AvenirSocial stellt die Revision einen wichtigen Schritt dar, um die berufsethische Orientierung der Sozialen Arbeit in einer sich wandelnden Gesellschaft zu stärken. Besonders positiv zu bewerten ist die stärkere Praxisnähe des Kodex. Die klarere Sprache, die verbesserte Struktur und die systematische Verbindung mit konkreten Arbeitsinstrumenten erleichtern es Fachpersonen, den Kodex nicht nur zu kennen, sondern ihn aktiv in ihre Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Gleichzeitig macht die Revision deutlich, dass berufsethische Fragen nicht abschliessend beantwortet werden können. Die Aufnahme neuer Themenfelder wie Digitalität oder Nachhaltigkeit eröffnet wichtige Diskussionsräume, bringt aber auch neue Spannungsfelder mit sich. So stehen Fachpersonen vermehrt vor Fragen des Datenschutzes oder der ökologischen Verantwortung von Organisationen.
AvenirSocial bewertet es als Stärke des neuen Kodex, dass er diese Ambivalenzen nicht auflöst, sondern sichtbar macht. Der Kodex versteht sich weniger als Katalog eindeutiger Handlungsanweisungen, sondern als Orientierungsrahmen, der professionelles Ermessen ausdrücklich zulässt und zur reflektierten Auseinandersetzung ermutigt. Diese Haltung entspricht dem professionellen Selbstverständnis der Sozialen Arbeit als reflexive Praxis, die sich im Spannungsfeld von individuellen Bedürfnissen, gesellschaftlichen Erwartungen und institutionellen Vorgaben bewegt.