Die beiden Peer-Berater:innen helfen mit, Barrieren sichtbar zu machen, Informationen verständlicher zu gestalten und Prozesse kritisch zu hinterfragen.
Schwerpunkt

Gemeinsam mehr bewegen – Peer-Arbeit als Chance für die Sozialhilfe

07.09.2026
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Menschen mit Armutserfahrung verfügen über Wissen, das in der Sozialhilfe oft zu wenig genutzt wird. Der Kanton Glarus hat deshalb einen neuen Weg eingeschlagen: Betroffene und Fachpersonen entwickelten gemeinsam Ideen zur Weiterentwicklung sozialer Angebote: ausgebildete Peer-Berater:innen und die Vision einer dauerhaften Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung.

In der Sozialhilfe beschäftigen wir uns täglich mit den Lebensrealitäten von Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, ob wir die Bedürfnisse der Betroffenen tatsächlich kennen. Oder betrachten wir viele Fragestellungen in erster Linie aus der Sicht der Verwaltung und der Fachpersonen? Diese Überlegung war der Ausgangspunkt für ein Projekt, das die Hauptabteilung Soziales und die Fachstelle Berufs- und Laufbahnberatung des Kantons Glarus gemeinsam mit der Berner Fachhochschule (BFH) ins Leben gerufen haben. Ziel war es, Menschen mit Armutserfahrung aktiv in die Weiterentwicklung bestehender Angebote einzubeziehen und ihr Erfahrungswissen zu nutzen.

Auslöser waren Fragen, die viele Sozialdienste beschäftigen: Weshalb nehmen armutsbetroffene Menschen bestehende Angebote nicht wahr? Wie können Unterstützungsleistungen besser zugänglich gemacht werden? Wie gelingt es, Angebote zu entwickeln, die für die Betroffenen tatsächlich einen Nutzen haben? Und vor allem: Wie können Menschen, die von Armut betroffen sind, von Betroffenen zu Beteiligten werden?

Der Peer-Gedanke: Erfahrung als Expertise

Im Zentrum stand dabei der Gedanke der Peer-Arbeit. Menschen mit eigener Armutserfahrung verfügen über Wissen, das Fachpersonen nicht erwerben können. Sie kennen die Herausforderungen des Alltags, die Schwierigkeiten im Kontakt mit Behörden, die Unsicherheiten beim Ausfüllen von Formularen und die Hürden beim Zugang zu Unterstützungsangeboten aus eigener Erfahrung.

Peer-Arbeit bedeutet, dieses Erfahrungswissen als gleichwertige Expertise anzuerkennen. Menschen mit Armutserfahrung werden nicht lediglich angehört, sondern gestalten aktiv mit. Sie werden zu Partnern bei der Entwicklung von Angeboten und Dienstleistungen.

Dieser Ansatz ist in der Armutsprävention und Armutsbekämpfung noch vergleichsweise jung. Dabei zeigen nationale und internationale Erfahrungen, dass Beteiligungsprozesse zu wirksameren Angeboten führen können. Fachpersonen erhalten Zugang zu Sichtweisen, die ihnen sonst verborgen bleiben. Gleichzeitig erleben die beteiligten Personen Wertschätzung, Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe.

Gemeinsam mehr wissen und bewegen

Um diesen Ansatz praktisch umzusetzen, wurde der Fachkurs «Gemeinsam mehr wissen und bewegen» durchgeführt. Über mehrere Monate arbeiteten Mitarbeitende der Sozialen Dienste, der Berufs- und Laufbahnberatung, RAV und aus der Volksschule gemeinsam mit Menschen mit Armutserfahrung an konkreten Fragestellungen.

Von Beginn an war klar, dass dies kein klassischer Weiterbildungskurs werden sollte. Ziel war nicht die Vermittlung von Fachwissen, sondern die gemeinsame Entwicklung von Ideen. Fachpersonen und Betroffene trafen sich auf Augenhöhe, diskutierten Herausforderungen, tauschten Erfahrungen aus und entwickelten gemeinsam Lösungsansätze.

Eine wichtige Voraussetzung war dabei die Schaffung eines geschützten Rahmens. Gemeinsam wurden Regeln für die Zusammenarbeit definiert: respektvoller Umgang, verständliche Sprache, Offenheit für unterschiedliche Perspektiven und die Bereitschaft zuzuhören. Gerade diese Haltung erwies sich als zentral für den Erfolg des Projekts.

Im Verlauf des Fachkurses entstanden drei Projektskizzen. Die Themen reichten von einem vereinfachten Zugang zu Sozialversicherungsleistungen über einen Lernraum für armutsbetroffene Kinder und Jugendliche bis hin zu einer Orientierungshilfe im oft unübersichtlichen Netz von Fachstellen und Unterstützungsangeboten.

Besonders beeindruckend war die Qualität der entwickelten Ideenskizzen. Die Projektgruppen diskutierten nicht nur Probleme, sondern entwickelten konkrete und realistische Lösungsansätze. Dabei zeigte sich deutlich, welchen Mehrwert die Kombination von Fachwissen und Erfahrungswissen schaffen kann.

Ein besonderer Höhepunkt des Fachkurses war die öffentliche Präsentation der Projektskizzen am Nahtstellenforum des Kantons Glarus. Vor Fachpersonen aus Verwaltung, Bildung, Industrie und Politik stellten die Teilnehmenden ihre gemeinsam entwickelten Ideen vor und holten wertvolle Rückmeldungen für die weitere Ausarbeitung ein. Für viele der beteiligten Peers war es das erste Mal, dass sie ihre Erfahrungen und Lösungsansätze in einem solchen Rahmen präsentieren konnten.

Herausforderungen und Lernerfahrungen

Der Aufbau eines solchen Beteiligungsprozesses ist anspruchsvoll. Menschen mit Armutserfahrung für eine Mitwirkung zu gewinnen, braucht Zeit und Vertrauen. Nicht alle Betroffenen sind es gewohnt, ihre Meinung in einem solchen Rahmen einzubringen. Gleichzeitig müssen Fachpersonen bereit sein, eigene Annahmen zu hinterfragen und Verantwortung zu teilen.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, eine echte Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu ermöglichen. Dies gelingt nicht allein durch gute Absichten. Beteiligung muss bewusst gestaltet und begleitet werden. Gerade deshalb war die Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule von grosser Bedeutung. Das Team rund um Prof. Dr. Emanuela Chiapparini brachte umfangreiche Erfahrungen im Bereich der Partizipation armutsbetroffener Menschen mit und unterstützte den gesamten Prozess fachlich und methodisch.

Die Erfahrungen waren für alle Beteiligten bereichernd. Fachpersonen erhielten neue Einblicke in die Lebensrealität der Betroffenen. Gleichzeitig konnten die beteiligten Personen erleben, dass ihre Erfahrungen gefragt sind und einen konkreten Beitrag zur Weiterentwicklung sozialer Angebote leisten.

Aus Projektideen werden konkrete Angebote

Die Arbeit war nicht mit der Präsentation der Projektskizzen abgeschlossen. Bereits im Sommer 2026 werden zwei der drei entwickelten Projekte umgesetzt. Mit dem Projekt «Lernhelden» entsteht während zunächst zwei Jahren ein Angebot für armutsbetroffene Kinder und Jugendliche an zwei Schulen in Glarus Nord. Ziel ist es, die Chancengerechtigkeit zu fördern und Kinder sowie Jugendliche gezielt beim Lernen zu unterstützen.

Gleichzeitig startet das Projekt «Kompass» in Zusammenarbeit mit der Lernstube. Das Angebot soll Menschen dabei unterstützen, sich im Netz von Fachstellen, Bildungsangeboten und Unterstützungsleistungen besser zurechtzufinden und schneller die passende Hilfe zu erhalten.

Von der Beteiligung zur dauerhaften Peer-Struktur

In Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule konnten zwei Personen mit eigener Armutserfahrung zu Peer-Beratern ausgebildet werden. Beide werden künftig im Projekt «Kompass» gemeinsam mit einer ausgebildeten Sozialarbeiterin vor Ort Beratung anbieten.

Damit wird aus einem zeitlich begrenzten Beteiligungsprojekt eine nachhaltige Struktur. Die Peer-Berater:innen tragen dazu bei, dass Angebote aus Sicht der Zielgruppen geprüft und weiterentwickelt werden. Sie helfen mit, Barrieren sichtbar zu machen, Informationen verständlicher zu gestalten und Prozesse kritisch zu hinterfragen.

Die beiden Peer-Berater:innen könnten künftig nicht nur in der Hauptabteilung Soziales, sondern auch in anderen Bereichen der Verwaltung beigezogen werden. Sie verfügen über wertvolle Perspektiven, die weit über die Sozialhilfe hinaus von Bedeutung sind. Sie erkennen Hindernisse in Abläufen, Formularen oder Kommunikationsprozessen oft schneller als Fachpersonen, weil sie diese selbst erlebt haben.

Neue Perspektiven für tragfähigere Lösungen

Die Erfahrungen aus dem Kanton Glarus zeigen, dass Peer-Arbeit grosses Potenzial für die Weiterentwicklung sozialer Angebote bietet. Wenn Menschen mit Armutserfahrung als Experten in eigener Sache anerkannt werden, entstehen neue Perspektiven, tragfähigere Lösungen und ein besseres gegenseitiges Verständnis.

Partizipation ist dabei kein Selbstzweck. Sie ist ein Weg, um Angebote wirksamer, zugänglicher und näher an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Gleichzeitig stärkt sie die Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe der beteiligten Personen.

Der eingeschlagene Weg hat den Glarner Sozialdienst darin bestärkt, den Peer-Gedanken weiterzuverfolgen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Wenn Fachwissen und Erfahrungswissen zusammenkommen, entsteht mehr als die Summe ihrer Teile. Oder anders gesagt: Gemeinsam wissen wir mehr und gemeinsam können wir mehr bewegen.

Audrey Hauri
Leiterin Hauptabteilung Soziales