Bestehende Hitzeschutzmassnahmen für die Allgemeinheit sind oft nicht auf die Lebensrealitäten prekärer Gruppen abgestimmt .
Forschung

Hitze: Armutsbetroffene und Obdachlose als Risikogruppe

01.06.2026
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Hitzewellen zählen zu den gravierendsten Folgen des Klimawandels und nehmen auch in der Schweiz an Häufigkeit und Intensität zu. Die gesundheitlichen Auswirkungen reichen von Hitzestress und Erschöpfung bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen. Eine Studie der Fachhochschule OST hat die Auswirkungen auf Risikogruppen, zu denen auch Obdachlose und Armutsbetroffene gehören, gezogen und Handlungsempfehlungen formuliert.

Die Höchsttemperaturen in der Schweiz steigen, extreme Hitzeereignisse treten häufiger und intensiver auf. In tiefen Lagen und städtischen Gebieten hat die Belastung durch extreme Hitze für die Bevölkerung bereits deutlich zugenommen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, heisst es in der Broschüre «Klimazukunft Schweiz» (2025). Eine massive Hitzewelle gehört zu den relevantesten Risiken der nationalen Risikoanalyse des Bundes, insb. in Bezug auf Todesopfer und Kranke. Bereits heute zeigt sich eine erhöhte hitzebedingte Sterblichkeit. Während klassische Risikogruppen wie ältere Menschen oder chronisch Kranke in den Empfehlungen des Bundes im Zusammenhang mit Hitzewellen zunehmend berücksichtigt werden, bleiben armutsbetroffene Menschen sowie obdachlose und wohnungslose Personen häufig unzureichend im Fokus. Doch auch sie gehören zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Zahlreiche Untersuchungen weisen darauf hin, dass ein niedriger sozioökonomischer Status, prekäre Wohnverhältnisse oder Obdachlosigkeit zentrale Risikofaktoren darstellen.

Fehlender Zugang zu kühlen Rückzugsorten

«Im Sommer beobachten wir immer häufiger, dass Menschen auf der Strasse an ihre körperliche Grenzen stossen, weil sie  permanenten der Hitze ausgeliefert sind», sagt Mats Müller vom Schwarzen Peter, dem Basler Verein für die Gassenarbeit. Sie verbringen viel Zeit im öffentlichen Raum und haben kaum Möglichkeiten zur Regeneration. Sie haben ferner eingeschränkten Zugang zu kühlen Rückzugsorten, mangelhafte Wohnqualität oder fehlende Ressourcen zur Selbstschutzfähigkeit. Untersuchungen zeigen, dass sich diese Personengruppe an Hitzetagen häufig zwischen verschiedenen Orten bewegt und dabei gezielt Schattenplätze oder kühlere Aussenräume aufsucht – jedoch ohne verlässlichen Zugang zu ausreichend kühlen Innenräumen.

Die Gassenarbeiter:innen vom Schwarzen Peter in Basel haben hautnah miterlebt, dass sich die Situation für manche Bevölkerungsgruppen in der Stadt in den letzten Jahren erheblich verschlechtert hat. Die Gassenarbeiter:innen versorgen Betroffene daher auf ihren Touren mit Wasser, Sprühflaschen und Sonnenhüten etc. und es werde auch versucht zu sensiblisieren, sagt Mats Müller. Der Schwarze Peter ist einer den Mitinitiatoren der Studie «Kühle Räume in der Stadt».

Hitzeinseleffekte

Auch Menschen in prekären Wohnsituationen – etwa in überhitzten Wohnungen, beengten Verhältnissen oder ohne ausreichende isolierte Wohn- und Arbeitsräume – sind stark betroffen, wie die Untersuchung der OST im Raum Basel zeigt. Gerade in dicht bebauten Quartieren mit hoher sozialer Belastung kumulieren sich Risiken: Hitzeinseleffekte treffen hier auf sozioökonomische Benachteiligung, was das Gesundheitsrisiko laut der Studie erheblich erhöht. Diese Überschneidung von Umwelt- und Sozialfaktoren macht Hitze zu einer Frage der sozialen Ungleichheit.

Ein zentrales Problem besteht darin, dass bestehende Hitzeschutzmassnahmen für die Allgemeinheit oft nicht auf die Lebensrealitäten dieser Gruppen abgestimmt sind. Empfehlungen wie «viel trinken und Obst und Gemüse essen» oder «kühle Orte aufsuchen» lassen sich ohne finanzielle Mittel, soziale Einbindung oder Zugang zu geeigneten Räumen nur schwer umsetzen. Kommerzielle Orte wie Einkaufszentren oder Kinos sind häufig mit Konsumzwang verbunden oder liegen nicht in erreichbarer Nähe. Für viele Betroffene bleibt der Zugang zu effektiven Schutzmassnahmen somit eingeschränkt.

Vor diesem Hintergrund gewinnen niederschwellige, konsumfreie und gut erreichbare kühle Räume an Bedeutung. Sie können eine zentrale Lücke im Gesundheitsschutz schliessen – insbesondere für Personen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten oder in unzureichend geschützten Wohnungen leben. Internationale Beispiele zeigen, dass solche Angebote wirksam sein können, wenn sie gezielt auf vulnerable Gruppen ausgerichtet sind und neben Kühlung auch soziale Unterstützung bieten, wie Mats Müller ausführt.

Konkrete Massnahmen ausstehend

Bisher haben viele Kantone zwar Klimastrategien erarbeitet, die Klimaanpassungen im Siedlungsgebiet umfassen. Die vom Bund ebenfalls empfohlenen Hitzeaktionspläne wurden bisher jedoch erst von 8 Kantonen (gem. Bund) geschaffen. Die Sofortmassnahme «kühle Räume» wurde auf kantonaler Ebene bisher nirgends umgesetzt. Sofortmassnahmen beschränken sich vorwiegend auf die Veröffentlichung von Karten und Listen mit potenziell kühlen Orten in einigen grösseren Städten (5). Informationen und Karten treffen jedoch keine Aussagen dazu, ob die Anforderungen an die erforderlichen Temperaturen während Hitzewellen eingehalten werden können. Über die Information hinaus fehlt es zudem an Managementstrategien, die besonders gefährdeten Personengruppen während Hitzewellen den konsumfreien Zugang zu kühlen Orten ermöglichen würden. Allein in der Stadt Genf existiert bislang ein Sofortmassnahme-Management, das die konsumfreie Bereitstellung kühler Räume in klimatisierten Innenräumen umfasst.

Empfehlungen an Städte und Kantone

Die vorliegenden Erkenntnisse verdeutlichen: Um besonders gefährdete Gruppen wirksam zu schützen, müssen Massnahmen gezielt auf armutsbetroffene und obdachlose Menschen ausgerichtet werden. Die Wissenschaftler:innen geben auf der Grundlagenforschung und der Fallstudie in der Stadt Basel 10 Empfehlungen ab. Dazu gehören die Anpassung der Definition der Risikogruppen, sodass auch wohnungslose und Menschen mit prekärem Wohnen erfasst werden; die Erarbeitung von Hitzeaktionsplänen, zielgruppengerechte Information und Kommunikation.

Einen Fokus legen die Autor:innen auf den Ausbau niedrigschwelliger Angebote zu kühlen Räumen und die zielgruppenspezifische und bedürfnisgerechte Auswahl der Räumlichkeiten. Angebote wie die sogenannten Cooling Centers in den USA sind als Notfallmassnahmen während Extremwetterereignissen konzipiert und dienen daher primär dem Gesundheitsschutz. Im Gegensatz dazu bieten Projekte wie die «Coolen Zonen» der Stadt Wien Angebote an sozialen Aktivitäten sowie Beratungsleistungen zur Gesundheitsprävention an und erfüllen so eine doppelte Funktion als Präventions- und Schutzmassnahme. Der Organisation von Sofortmassnahmen zum Hitzeschutz geht daher die Entscheidung voraus, ob das Angebot auf Krisenintervention und Gesundheitsschutz ausgerichtet ist oder eine Kombination aus Gesundheitsschutz, Präventionsmassnahmen und sozialen Angeboten anbietet.

Forschungsprojekt Basel lanciert

Der Basler Verein Schwarzer Peter und das Institut für Raumentwicklung der OST – Ostschweizer Fachhochschule haben ein praxisorientiertes Forschungsprojekt gestartet. Im Rahmen des Pilotprojekts wurden in der Stadt Basel öffentlich zugängliche Räume gesucht, die Obdachlosen und anderen vulnerablen Bevölkerungsgruppen zum Schutz vor Sommerhitze bereitgestellt werden können. Das Projekt zielt darauf ab, bereits bestehende «kühle Räume» in öffentlichen Einrichtungen im Kanton Basel-Stadt zu identifizieren und im Rahmen eines Aktionsplans diese Räume als Sofortmassnahme für die betroffenen Personengruppen zugänglich zu machen. Es sollen kühle Räume in beispielsweise Quartierszentren, Bibliotheken, Museen, Theatern und anderen öffentlichen Einrichtungen bereitgestellt werden. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden in einem Leitfaden zusammengefasst und anderen Schweizer Städten zur Verfügung gestellt.

Ingrid Hess
Redaktionsleiterin