
«Jeder trägt das Potenzial für ein selbstbestimmtes Leben in sich»
Drei junge Sozialarbeiter haben in der Stadt Bern innerhalb kurzer Zeit ein Projekt für das begleitete Wohnen aufgezogen: «Wohnen im Griff» unterstützt die Bewohnenden, zurück zur Selbständigkeit zu finden. Es ist schnell zu einem sehr gefragten Angebot geworden.
Licht scheint durch das grosse Schaufenster an der Berner Muristrasse 89. Wo früher ein Reisebüro die Räumlichkeiten nutzte, ist kurz vor Jahresende «WiG – Wohnen im Griff» eingezogen. Die WiG bietet begleitetes Wohnen an, bei dem Fertigkeiten trainiert werden, die zur Eigenständigkeit befähigen. Nur zwei Wohnmöglichkeiten der insgesamt 37 Einzelstudios und 4 Wohngemeinschaften für je zwei Personen sind nicht besetzt.
Die drei Freunde und ehemaligen Studienkollegen der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Thanusan Selvanayagam, David Freiburghaus und Merlin Mast gründeten im April 2024 das Unternehmen. Ihre ersten Jahre Berufserfahrung hatten den drei jungen Männern gezeigt, dass es eine Lücke gab, die sie füllen wollten: Menschen können am besten an sich arbeiten und sich um sich kümmern, wenn sie sich nicht bevormundet fühlen. Zu dritt haben sie ein Konzept niedergeschrieben, das auf das Prinzip der Freiwilligkeit setzt. Diese Überzeugung ist die Basis für die Arbeit der Gründer von WiG.
«Wir sind überzeugt, dass jede und jeder von uns das Potenzial in sich trägt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen», erklärt Merlin Mast. Vor der Gründung von WiG hat der 32-Jährige mehrjährige Arbeitserfahrung in der Suchttherapie und der Krisenintervention gesammelt. «Unsere Aufgabe ist es, dieses zu erkennen und angepasst an die Lebensumstände der jeweiligen Person zu fördern», ergänzt David Freiburghaus. Er wiederum bringt Arbeitserfahrung im Bereich der Sozialhilfe, der Delinquenz und der Jugendarbeit mit. «Wir möchten den Menschen auf Augenhöhe begegnen», führt Thanusan Selvanayagam weiter aus. Der 27-Jährige war vor der Gründung von WiG in der Sozialhilfe, der Jugendarbeit und in der Migrationsarbeit tätig.
Die drei Sozialarbeiter gehen durch die neuen Räumlichkeiten. Bis Ende 2025 lag der Geschäftssitz in Stettlen, und somit weiter weg von den Wohnungen, die sich mehrheitlich in der Stadt Bern befinden; ein fertig eingerichtetes Büro, weisse Tische, ein Sitzungsraum, bereit für Besprechungen. Nachdem Mast, Freiburghaus und Selvanayagam in Eigenregie alles aufgebaut und gleichzeitig an der Basis gewirkt haben, ist es Zeit, weitere Personen ins WiG-Boot zu holen. «Drei Teilzeitstellen von insgesamt 200% werden nun besetzt.» Sozialarbeiter und Co-Geschäftsführer David Freiburghaus schmunzelt. «Wir lassen es uns aber nicht nehmen, weiterhin mit unseren Bewohnenden zu arbeiten.»
Rückzugsort ist Gold wert
Einige Strassen weiter lebt Nathan. Seit ungefähr acht Monaten nimmt er auf Initiative des Sozialamts das Angebot von WiG in Anspruch. Er führt von der Eingangstür die Treppe hoch, hinein in sein eigenes kleines Reich; wenige Quadratmeter, auf denen der 20-Jährige findet, was er braucht: eine Kochnische, einen kleinen Tisch, ein Sofa, ein grosses Bett, davor ein Fernseher und eine Playstation. «Ich schätze es sehr, dass ich allein wohnen kann.» sagt Nathan. «Die Nachfrage nach eigenem Raum ist riesig. Selbst wenn die Studios nicht gross sind, wird es geschätzt, Zeit für sich zu haben und sich nicht noch mit anderen Personen und deren Themen arrangieren zu müssen», erklärt Merlin Mast. «Gerade, wenn eigene Krisen oder Herausforderungen überwunden werden müssen, ist ein Rückzugsort Gold wert.»
Viel Wert legen die Geschäftsführer auch auf eine starke und vertrauensvolle Begleitung im passenden Mass. Sie wird bei «Wohnen im Griff» sehr individuell gestaltet und an die Lebensumstände der Bewohnenden angepasst. Thanusan Selvanayagam ist die Bezugsperson von Nathan. Dessen Familie brach auseinander, als er 19 Jahre alt war. «Ich war allein und auf mich gestellt, hatte noch keine Ausbildung und auch keine Arbeit.» Er kiffte und tat sich schwer, Fuss zu fassen. Schliesslich war er gezwungen, Sozialhilfe zu beantragen. Selvanayagam kommt einmal in der Woche zu ihm nach Hause, in der Folgewoche treffen sie sich in der Muristrasse. «Falls Thanusan das Telefon nicht abnehmen kann, ruft er innerhalb von zwei Stunden zurück.» Für Nathan ist es eine neue Erfahrung, jederzeit jemanden anrufen zu können. Dass die Geschäftsräume von WiG nun in der Stadt Bern sind, ist ein Vorteil. «Wir sind im Notfall schneller vor Ort», bestätigt Freiburghaus. Nathan lernte heute im Büro der WiG. Sich allein zuhause in die Aufgaben der Berufsschule zu vertiefen, fällt ihm schwer. Es hilft ihm, Menschen um sich zu haben, die ebenfalls am Arbeiten sind. Nathan möchte jetzt seine erste Lehre als Fachangestellter Gesundheit in einem Spital abschliessen.
Beziehungsarbeit statt Machtgefälle
Nicht nur beim Lernen unterstützt WiG, den Weg in die Selbständigkeit zu bahnen. Selvanayagam hilft Nathan dabei, seine Post zu bearbeiten, Rechnungen rechtzeitig zu bezahlen, Unterlagen geordnet im Ordner abzulegen und den Überblick über Termine zu behalten. «Manchmal weist mich Thanusan auch zurecht, wenn meine Wohnung allzu unordentlich ist, oder ich einen Termin vergesse. Ich kann das aber gut annehmen, weil die Art, wie er das macht, ok ist.» Trotz eher kleinem Altersunterschied sind die Rollen geklärt. Darauf legen die Geschäftsführer Wert. «In einem professionellen Setting ist es wichtig, dies gleich zu Beginn klarzustellen», führt Mast aus. «Gleichzeitig möchten wir kein Machtgefälle generieren, sondern setzen klar auf Beziehungsarbeit.»
Beziehung soll nicht nur mit den Sozialarbeitern entstehen, sondern ein tragendes soziales Netz gewoben werden. So gehört laut Konzept nicht nur der Aufbau von Handlungskompetenzen, die Förderung von Selbstständigkeit, die Stabilisierung der Gesundheit, die Strukturierung des Alltags und die Schaffung von langfristigen Perspektiven zum Plan, sondern die gezielte soziale und berufliche Integration. «Das Wissen, wie wichtig soziale Kontakte für die körperliche und mentale Gesundheit sind, ist längst belegt», erklärt Selvanayagam. Eine offene Turnhalle sorgt nicht nur für gesundheitliche Aktivitäten und die Möglichkeit, einen Fixpunkt in der Woche zu setzen, sondern auch, mit Menschen ausserhalb von WiG in Kontakt zu kommen. «Wir möchten Möglichkeiten schaffen, dass Bewohnende mit Nachbarinnen und Nachbarn im Quartier in Kontakt kommen», führt Mast aus. Ein Erfolg, wie sich seit der Initiierung der Halle zeigt: Die Quartierbevölkerung schätzt die offene Turnhalle ebenfalls und nimmt am wöchentlichen Fussballtraining teil.
Körperbewusstsein schaffen
«Bewegung im Griff» heisst das WiG-Projekt, das nicht nur die offene Turnhalle beinhaltet, sondern auch die Möglichkeit bietet, im Fitnesscenter einen individuellen Trainingsplan zu erarbeiten. Ein Steckenpferd von Merlin Mast, der auch schon während Studienzeiten als Personal Trainer aktiv war. Nathan liess sich von ihm die Kraftgeräte zeigen und gleichzeitig von seiner Begeisterung anstecken. «Beginnt man sich mit der eigenen Fitness auseinanderzusetzen, wirkt sich das nach und nach auf alle Lebensbereiche aus», ist auch Freiburghaus überzeugt. «Die Ernährung wird ein Thema, die Schädlichkeit von Zigaretten, der Wert von Bewegung allgemein.» «Plötzlich ist die Motivation da, etwas ändern zu wollen», sagt Nathan. «Das Dranbleiben im Fitnesscenter hat mir zudem gezeigt, dass ich etwas durchziehen kann. Das hat mich auch für meine Lehre gestärkt, ich glaube wieder an mich.»
Zurück an der Muristrasse 89, schauen sich die Geschäftsleiter in den Räumlichkeiten um. Kisten müssen noch ausgepackt werden. Eine Holztreppe führt hinab in zwei weitere Räume. Darin sollen eine Textil- und eine Holzwerkstatt entstehen. «Wir möchten unser Angebot weiter ausbauen», erklärt Selvanayagam. Im sonst noch leeren Raum sind bemalte Leinwände aufgereiht. Es sind Bilder, die Bewohnende von WiG nach dem gemeinsamen Pizzaessen vor Weihnachten gemalt haben und nun die neuen Räumlichkeiten schmücken sollen. «Gemeinschaft ist uns wichtig, deshalb veranstalten wir immer wieder Zusammenkünfte, zu denen alle eingeladen sind», führt Mast aus. Ob Bowlingabend, Sommerfest oder eben das Pizzaessen zum Jahresabschluss: Bei «Wohnen im Griff» sollen sich alle zugehörig fühlen, solange sie Zeit brauchen, wieder Fuss zu fassen. Mast, Freiburghaus und Selvanayagam werden sich weiter dafür einsetzen, dass Menschen auf ihrem Weg begleitet werden. Mit dem Ziel, das Leben wieder im Griff zu haben.