Mit 18 Jahren endet die engmaschige Betreuung in den Wohngruppen der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Die Unterstützung fällt dann plötzlich weg. Die meisten würden sie jedoch durchaus noch benötigen.
Schwerpunkt

Junge Geflüchtete in die Selbständigkeit begleiten - stufenweise und interdisziplinär

28.05.2026
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Mit dem 18. Geburtstag fällt für viele junge Geflüchtete, die als Minderjährige ohne Begleitung in die Schweiz eingereist sind, ein grosser Teil der bisherigen Unterstützung weg.  Das Programm BBJE (Betreuung und Begleitung junge Erwachsene) setzt hier an und unterstützt den Übergang in ein selbstständiges Leben.

Der Übergang ins Erwachsenenalter ist für viele junge Menschen herausfordernd. Für junge Erwachsene, die als Minderjährige ohne Begleitung (MNA/UMA) in die Schweiz gekommen sind, bedeutet es oft einen erneuten Beziehungsabbruch. Mit 18 Jahren endet die engmaschige Betreuung in MNA/UMA-Wohngruppen. Die Unterstützung fällt weg, obwohl sie in den meisten Fällen weiterhin benötigt wird. Denn gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Selbstständigkeit.

Bedarfsgerechte Stufen der Betreuung und Begleitung

Hier setzt das Angebot Betreuung und Begleitung junge Erwachsene (BBJE) der AOZ an. Ziel ist es, diesen Übergang aktiv zu gestalten und junge Erwachsene auf dem Weg in eine eigenständige Lebensführung zu begleiten. Im Fokus stehen Stabilisierung, Integration und die Ablösung von der Sozialhilfe. Das Angebot richtet sich an 18- bis 25-Jährige, die nach ihrer Zeit in MNA/UMA-Strukturen weiterhin Unterstützung benötigen. Zudem ist es auch offen für junge Geflüchtete mit Unterstützungsbedarf, die allein eingereist sind oder nicht im Familiensystem wohnen und über die Sozialberatung der Stadt Zürich im Programm angemeldet werden. Viele junge Erwachsene sehen sich gleichzeitig mit vielfältigen Anforderungen konfrontiert: Sprache, Ausbildung, Orientierung im System und persönliche Entwicklung. Oft haben sie kein zuverlässiges soziales Netz.

Vier Wohn- und Betreuungssettings

Sie orientieren sich am individuellen Bedarf der jungen Erwachsenen: In der intensiven Betreuungsstufe ist rund um die Uhr eine Betreuungsperson präsent, tagsüber sind es zwei. In den zwei mittleren Stufen findet die Begleitung ebenfalls vor Ort tagsüber oder wöchentlich zu festgelegten Zeiten statt. In der vierten Stufe findet eine bedarfsorientierte aufsuchende Begleitung zu vereinbarten Zeiten im regulären Wohnraum statt. Wechsel zwischen den Angeboten sind jederzeit möglich. Sie bilden die individuelle Entwicklung der jungen Erwachsenen ab, ohne dass es zu einem Systembruch kommt. Diese stufengerechte Ausgestaltung ermöglicht es, Überforderung zu vermeiden und die jungen Menschen in ihrer Entwicklung bedarfsgerecht zu fördern. Zusätzlich zum Wohnangebot gibt es einen Tagestreff und ein Zusatzteam. Beide fördern Freizeitaktivitäten und Begegnung im sozialen Raum.

Begleitung stärkt Alltagskompetenzen und fördert Vertrauensaufbau

Wie sich der Unterstützungsbedarf konkret zeigt, wird im Alltag des jungen Manns oder der jungen Frau sichtbar: In den ersten Wochen im BBJE-Angebot benötigen junge Erwachsene beispielsweise Unterstützung, um morgens aufzustehen. Weil Tagesstruktur und Zeitgefühl fehlen, müssen junge Erwachsene mehrfach geweckt werden, um Termine nicht zu verpassen. Briefe von Behörden bleiben oft ungeöffnet, da sie nicht verstanden werden oder Unsicherheit auslösen. Gemeinsam mit der sozialpädagogischen Fachperson wird deshalb die Post geöffnet, gelesen und eingeordnet. Wenn Fristen verpasst sind, erzeugt dies zusätzlichen Druck. Auch weitere administrative Anforderungen stellen eine grosse Herausforderung dar. Formulare, digitale Abläufe und behördliche Prozesse sind häufig schwer verständlich und überfordern viele junge Erwachsene. Rechnungen werden liegen gelassen oder falsch eingeschätzt, was zu Mahnungen führt.

Gleichzeitig fehlt es oft an Erfahrung im Umgang mit Geld sowie im Setzen von Prioritäten. Auch im Alltag zeigen sich Unsicherheiten: Einkaufen, Kochen, Haushaltsführung oder das Einhalten von Abmachungen sind nicht selbstverständlich, sondern müssen erst eingeübt werden. Hinzu kommen psychische Belastungen. Schlafprobleme, Antriebslosigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten beeinflussen den Alltag stark. Manche ziehen sich zurück, andere reagieren impulsiv. Konflikte im Zusammenleben entstehen häufig aus Überforderung oder Missverständnissen.

Vertrauensaufbau und Geduld als Schlüssel zum Erfolg

Unterstützung kann nur dann greifen, wenn sie im richtigen Moment und in einer für die jungen Erwachsenen verständlichen Form erfolgt. Der Vertrauensaufbau ist deshalb zentral und braucht Zeit. Ohne tragfähige Beziehung bleibt Unterstützung oft wirkungslos. Zu hohe Anforderungen oder zu hohe Erwartungen verstärken häufig Reaktionen von Rückzug oder Vermeidung, die nach traumatischen Erfahrungen entstehen können. Unterstützung muss deshalb kontinuierlich angepasst werden und orientiert sich eng an der aktuellen Belastbarkeit und den vorhandenen Ressourcen.  

Komplexe Herausforderungen

Die Begleitung im Programm BBJE sorgt dafür, dass mit sozialpädagogischer Unterstützung Tagesstrukturen gemeinsam aufgebaut, Termine vorbereitet und administrative Abläufe eingeübt werden. Schritt für Schritt entstehen Handlungssicherheit und Orientierung. Kleine Fortschritte sind zentral: selbstständig Termine wahrnehmen, Post öffnen, Unterstützung einfordern. Diese Erfahrungen stärken die Selbstwirksamkeit der jungen Erwachsenen, sind eine zentrale Grundlage für nachhaltige Entwicklung und ermöglichen es ihnen, schrittweise wieder Einfluss auf die eigene Lebenssituation zu gewinnen. Parallel dazu entwickeln sich Sprachkompetenzen und Perspektiven in Richtung Ausbildung oder Arbeit.

Diese Entwicklungen verlaufen nicht linear. Rückschritte gehören dazu. Entscheidend ist, dass sie aufgefangen werden können und nicht zum Abbruch führen. Mit zunehmender Stabilität kann die Begleitung reduziert und ein Wechsel in ein weniger intensives Wohnangebot erfolgen. Selbstständigkeit wird nicht vorausgesetzt, sondern aufgebaut. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen einzelner Fähigkeiten, sondern um die schrittweise Entwicklung von Verantwortung, Orientierung und Entscheidungskompetenz im Alltag. Selbstständigkeit zeigt sich in kleinen, oft unscheinbaren Schritten, die jedoch langfristig entscheidend sind für eine stabile Lebensführung.

Ohne eine kontinuierliche und verlässliche Begleitung besteht das Risiko, dass Integrationsprozesse ins Stocken geraten oder ganz abbrechen. Fehlende Strukturen, verpasste Fristen oder ungelöste administrative und gesundheitliche Herausforderungen können sich rasch kumulieren und zu einer Verfestigung von Problemlagen führen, die später nur schwer wieder aufzulösen sind.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachstellen

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des BBJE ist die enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachstellen. Sozialpädagogik, Integrationscoaching, Gesundheitsbereich und psychosozialer Dienst der AOZ arbeiten eng und interdisziplinär zusammen. Gemeinsam setzen sie das traumapädagogische Konzept um, welches zum Ziel hat, jungen Menschen im BBJE das Erleben eines sicheren Ortes zu ermöglichen. Der Austausch erfolgt sowohl fallbezogen als auch strukturiert im Rahmen von Standortgesprächen, wodurch Entwicklungen früh erkannt und gemeinsam eingeordnet werden können. Unterstützungsbedarfe werden so nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrem Zusammenspiel verstanden und abgestimmt bearbeitet.

Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Themen wie Ausbildung, Gesundheit, psychische Stabilisierung und Alltagsbewältigung greifen ineinander und werden gemeinsam wirksam bearbeitet. Diese enge Abstimmung reduziert Schnittstellenverluste und erhöht die Qualität der Unterstützung im Alltag der jungen Erwachsenen. Gleichzeitig sorgt die Koordination mit der fallführenden Sozialberatung für Klarheit, Verbindlichkeit und eine gemeinsame und nachhaltige Ausrichtung der Ziele.  

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich der Ansatz des BBJE bewährt hat. 93 Prozent der jungen Erwachsenen haben aktuell eine stabile Tagesstruktur und entwickeln im BBJE-Angebot konkrete Perspektiven im Bildungs- oder Arbeitsbereich. Damit entstehen zentrale Voraussetzungen für eine nachhaltige Integration und eine schrittweise Ablösung von der Sozialhilfe. Entscheidend ist dabei, dass Selbstständigkeit nicht vorausgesetzt, sondern gezielt gefördert wird, Schritt für Schritt und entlang des individuellen Bedarfs.

Damit wird deutlich: Der Übergang ins Erwachsenenleben ist ein Prozess, der Zeit, verlässliche Beziehungen und abgestimmte interprofessionelle Unterstützung braucht, so wie dies im BBJE erfolgreich geleistet wird, mit dem klaren Ziel, dass sich die jungen Erwachsenen nachhaltig von der Sozialhilfe ablösen.

Das Projekt

In der Stadt Zürich wurde das Projekt im Jahr 2020 gestartet. Seither ist es stark gewachsen. In den Jahren 2024 und 2025 haben durchschnittlich 240 junge Erwachsene im Programm BBJE mit interdisziplinärer Unterstützung teilgenommen. Aktuell befinden sich 256 junge Erwachsene im Programm der AOZ. Es wird im Rahmen besonderer städtischer Leistungen durch das Sozialdepartement der Stadt Zürich finanziert aus der politischen Überzeugung, dass eine Investition in jungen Jahren besonders lohnend ist und Folgekosten einspart.

Perica Jelisavac 
Programmleiter AOZ
Martine Scholer 
Fachbereichsleiterin BBJE