
Mit Erfahrung begleiten: Chancen und Voraussetzungen
Acht soziale Organisationen führen diesen Sommer Peer-Arbeit in Bern, Biel, Neuenburg und im Kanton Glarus ein. Die armutsbetroffenen Personen (Peers) besuchten zunächst eine Weiterbildung der Berner Fachhochschule, die Raum bot das eigene Erfahrungswissen und die Begleitungsaufgabe zu reflektieren und anzueignen.
Wer in der Schweiz von Armut betroffen ist, nimmt oft keine Hilfe in Anspruch, obwohl ein Anrecht darauf bestünde. Studien zufolge verzichten zwischen 20 und 40 Prozent der berechtigten Personen auf Sozialleistungen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Scham, mangelndes Vertrauen gegenüber Behörden, fehlende Informationen über vorhandene Angebote oder fehlende niederschwellige Unterstützungsangebote. Peer-Arbeit setzt genau an diesen Hürden an und fokussiert auf den Abbau von Schamgefühlen, Identifizierung mit den weitergebildeten Peers und dem Abbau von Hierarchien. Peers, die selbst Erfahrungen mit Armut machen oder gemacht haben, begleiten nach einer entsprechenden Weiterbildung andere Armutsbetroffene. Sie begleiten auf Augenhöhe, um sie in der Bearbeitung der im Zusammenhang mit ihrer Armutssituation bestehenden Schwierigkeiten zu unterstützen.
Qualitätskriterien und Voraussetzungen
Die Nationale Plattform gegen Armut hat bereits 2019 erkannt, dass in der Armutspolitik Beteiligungsprozesse stärker ins Zentrum gerückt werden sollten. Deshalb vergab sie verschiedene Aufträge, um geeignete Grundlagen zu erarbeiten, um damit Beteiligungsprozesse zu fördern, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist. Damit die Wirkungspotentiale von Beteiligungsprozessen ausgeschöpft werden können, sind auch Lernräume für armutsbetroffene Personen und Fachpersonen nötig, in denen sie ohne Handlungsdruck ihre Beteiligungskompetenzen einüben können. Bislang sind Weiterbildungskurse im Bereich der Peer-Arbeit in der stationären Psychiatrie und punktuell in der Armutspolitik bekannt. Basierend auf diesen Grundlagen entwickelte ein Forschungsteam der Berner Fachhochschule zusammen mit Peers eine Weiterbildung für Peers. Die Kontaktpersonen der jeweiligen sozialen Organisation, welche oft Fachpersonen sind, wurden separat vorbereitet.
Ausgestaltung der Weiterbildung
Die Weiterbildung, welche auf dem entwickelten Konzept «Mit Erfahrung begleiten – eine Weiterbildung für Peer-Arbeit von und für armutserfahrene Personen» beruht, umfasst Vorbereitungs-, Haupt- und Anschlussmodule. Die Weiterbildung wurde so konzipiert, dass diese an die vorhandenen Ressourcen, Erfahrungen und Wissensbestände der Peers anknüpft und zugleich deren Heterogenität berücksichtigt. Das Ziel der Weiterbildung ist es, die Peers auf ihre zukünftige Rolle vorzubereiten, erlebte Erfahrungen im Bereich Armut zu reflektieren und zentrale Fragen zu Aufgaben, Rollen, Erwartungen, Prozessen und Grenzen gemeinsam zu klären.
Die Vorbereitungsmodule bestehen aus vier Workshops mit den Peers sowie Austauschtreffen mit Fachpersonen der beteiligten Organisationen und den Peers. Diese dienten zur inhaltlichen Klärung, zum Verständnis und zur Umsetzung der Peer-Arbeit in den jeweiligen organisationalen Rahmenbedingungen sowie für die Skizzierung der Inhalte für den Fachkurs. Anschliessend folgten drei Hauptmodule zu drei thematischen Schwerpunkten: die Rolle als Peer, die Gestaltung der Kommunikation als Peer und die Umsetzung von Peer-Arbeit in sozialen Organisationen.
Zwischen den Modulen fanden Einzelbegleitungen statt, um die Inhalte der Hauptmodule zu reflektieren und individuelle Fragen der Peers aufzunehmen und zu besprechen. Die Anschlussmodule dienen dazu die Peers während ihrer Tätigkeit in den sozialen Organisationen zu begleiten. Gegenwärtig sind zwei Reflexionsworkshops, selbstgesteuerte lokale Austauschmöglichkeiten, Einzelgespräche und gegenseitige Hospitationen der Peers vorgesehen. Im Mittelpunkt stehen das gegenseitige Lernen von gemachten positiven und negativen Erfahrungen aus Sicht der Peers, der sozialen Organisationen und der Forschenden sowie die erfahrungs- und fachliche Weiterentwicklung der Peers.
Erkenntnisse der Weiterbildung
Die Weiterbildung zeigt, dass die armutsbetroffenen Personen (Peers) wertvolles Erfahrungswissen mitbringen und es darum geht dieses innerhalb der Weiterbildung bewusst zu machen, einschliesslich der eigenen Bewältigungsstrategien. Deshalb liegt der Schwerpunkt der Weiterbildung auf der Reflexion erlebter Erfahrungen, unabhängig davon, ob die Teilnehmenden bereits als Peer tätig waren oder nicht.
Im Verlauf der Weiterbildung nahm das gegenseitige Vertrauen und die Offenheit eigene Erfahrungen zu teilen kontinuierlich zu. Gefördert wird dies, indem die Weiterbildung gerahmt wurde. Jedes Modul startete mit einem gemeinsamen Mittagessen, das Raum für offenen Austausch bot. Zudem bewährte sich die zeitliche Struktur der Module: Zwei Arbeitsblöcke von je 1,5 Stunden mit einem jeweiligen thematischen Schwerpunkt sowie mit einer Pause inklusive Verpflegung und Getränke. Die vielfältigen Methoden, Gruppenarbeiten, Arbeiten und Präsentationen im Plenum, Einzelarbeiten sowie individuelle Einzelbegleitung zwischen den drei Hauptmodulen bewährten sich, da diese dem Wunsch der Peers nach abwechslungsreichem und gegenseitigem Lernen Rechnung trägt. Damit ist zum einen ein individuelles Eingehen auf ihre Anliegen sowie das Berücksichtigen von heterogenen Erfahrungshintergründen der Teilnehmenden möglich. Zum anderen ermöglichte das gegenseitige Teilen der Erkenntnisse im Plenum einen erfahrungsbasierten Wissenstransfer und weiterführende Impulse und Diskussionen. Die Peers wiesen sich gegenseitig sowie die Forschenden auf blinde Flecken der Peer-Arbeit hin. So entstand in einer Arbeitsgruppe das Bedürfnis eines selbstorganisierten und lokalen Treffpunkts unter Peers, um sich unmittelbar über gemachte Erfahrungen als Peers auszutauschen. Dieser Impuls wurde in das Konzept der Peer-Arbeit aufgenommen.
In der Weiterbildung zeichneten sich einzelne Herausforderungen in der Einführung von Peer-Arbeit heraus, die bearbeitet wurden: Wie ordnet sich das Erfahrungswissen der Peers gegenüber dem Fachwissen der Fachpersonen ein. Die Peers wissen, was es heisst, armutsbetroffen zu sein. Mit diesem unmittelbaren Erfahrungswissen sprechen sie armutsbetroffene Personen anders an, als dies Fachpersonen tun, und können sie dadurch alltagsnah erreichen und begleiten. Sowohl das Erfahrungswissen der Peers als auch das Fachwissen der Fachpersonen sind sichtbar zu machen, denn beide Wissensformen ergänzen sich gegenseitig. Ein Peer veranschaulicht dies mit dem Bild der Brücke: Die Peers stehen in der Mitte zwischen armutsbetroffenen Personen, die Unterstützung suchen, und sozialen Organisationen, welche die armutsbetroffenen Personen erreichen und unterstützen wollen.
Entlöhnung
Unbestritten ist, dass die Peers für ihre Arbeit ein Honorar erhalten. Allerdings steckt darin eine weitere Herausforderung der Peer-Arbeit für Peers, die Sozialhilfe beziehen. Aufgrund der unterschiedlichen kantonalen Sozialpolitiken bestehen in einzelnen Städten Ausnahmeregelungen der Freibeträge für Forschungsprojekte, für andere jedoch nicht, was zu einer ungleichen Behandlung der Peers führt, welche dieselbe Begleitarbeit ausführen. Dies haben wir individuell mit den Peers und den Fachpersonen der Sozialen Arbeit geklärt und besprochen, damit trotz ungleicher Behandlung die Motivation der Peers dennoch hoch bleibt. Eine Herausforderung, die auf sozialpolitischer Ebene zu lösen ist.
Eine Weiterbildung für Fachpersonen der beteiligten Organisationen ist wichtig und fand durch Besprechungen zusammen mit den Peers und auch separat statt. Dort war die lokale Umsetzung des Konzepts Peer-Arbeit und die Inhalte der Weiterbildung Thema. Zukünftig wäre eine zeitgleiche Weiterbildung für beide Zielgruppen nötig, wobei Fragen der zeitlichen und personellen Ressourcen zu klären sind. Einzelne Fachpersonen äusserten den Bedarf nach einer solchen Weiterbildung.
Das Forschungsprojekt
Das laufende Forschungsprojekt «Peer-Arbeit für und von armutsbetroffenen Personen: Konzept, Einführung und Wirkung» der Berner Fachhochschule, gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds, untersucht die Konzeptentwicklung, Einführung und Wirkung von Peer-Arbeit hinsichtlich eines besseren Zugangs zu Unterstützungsangeboten sowie das Wohlbefinden armutsbetroffener Personen. Ab August 2026 führen acht soziale Organisationen in Bern, Biel, Neuenburg und im Kanton Glarus Peer-Arbeit ein, welche vom Forschungsteam untersucht wird.