
«Objectif jeunes»: Reintegration von Jugendlichen mit Ausbildungsabbruch
Das Genfer Programm «Objectif jeunes» umfasst rund 20 verschiedene Integrationsprogramme für junge Erwachsene mit Bildungsabbruch. Die ermutigenden Ergebnisse haben den Kanton dazu veranlasst, ein neues Programm zur Sozialhilfe für diese Jugendlichen zu erproben.
Die Zahl der Sozialhilfeempfänger im Alter von 18 bis 25 Jahren hat sich innerhalb von vier Jahren fast verdoppelt: Im Dezember 2021 waren es 1663 junge Menschen, Ende 2025 hingegen 2921, was einem Anstieg von 75,6 Prozent entspricht. Diese rasante Entwicklung stellt die Eignung der aktuellen Massnahmen zur Verhinderung von Bildungsabbrüchen in Frage. Die Situation junger Erwachsener in Genf wird als besorgniserregend eingestuft, und es werden gezielte Massnahmen gefordert.
Die Daten des Genfer Sozialdienstes (Hospice général) zeigen zudem, dass 45 Prozent der betreuten Jugendlichen eine familiäre Vorgeschichte im Zusammenhang mit Sozialhilfe aufweisen, gegenüber 38 Prozent im Jahr 2020. Dieser Anstieg verdeutlicht ein Phänomen der sozialen Reproduktion von Prekarität, bei der die Abhängigkeit von Sozialleistungen tendenziell von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.
Daher sollte der Grundsatz, dass «kein Jugendlicher sein Erwachsenenleben mit dem Status und der Identität eines Sozialhilfeempfängers beginnen sollte» zu einem Leitmotiv werden. Die Aussagen der betroffenen Jugendlichen unterstreichen, wie sehr der Bezug von Sozialhilfe ihr Selbstbild beeinträchtigt, ihr Selbstvertrauen untergräbt und ihren Eintritt ins Erwachsenenleben negativ beeinflusst. Mit 18 Jahren führt das zudem zu einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Rolle in der Gesellschaft und ihrer Beziehung zu Institutionen.
Schulabbruch und erhöhte Gefährdung
Der Abbruch der Ausbildung ist ein entscheidender Risikofaktor für Prekarität. Unter den jungen Erwachsenen, die Sozialhilfe beziehen, haben 74 Prozent keine Ausbildung oder verfügen lediglich über einen Primarschulabschluss. Mit der Einführung der Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr (FO18) in Genf ist die Schulabbruchquote bei Minderjährigen stark zurückgegangen, bei Volljährigen jedoch deutlich gestiegen und erreichte 2024 8,6 Prozent.
Demobilisierung verstehen: die «demobilisierende Vierergruppe»
Im Rahmen des Programms «Ecojeunes» haben Jugendliche, die Sozialhilfe beziehen, selbst die Hauptfaktoren für ihre Demobilisierung identifiziert und ein Modell entwickelt, das sie als «demobilisierende Vierergruppe» bezeichneten. Dieses Modell hebt vier Arten zeitgenössischer Fallen hervor, die als Demobilisierungsfaktoren wirken:
- grenzenlose Unterhaltung, geprägt durch den übermässigen Konsum digitaler Inhalte (soziale Netzwerke, Videospiele, Plattformen);
- Konsumismus und risikoreiches Verhalten (Kaufsucht, Mode, Partys, Alkohol, Cannabis);
- eine Form von Sicherheit und Ansprüchen ohne Gegenleistung, die an bestimmte Hilfsmassnahmen geknüpft ist und die die Mobilisierung bremsen kann;
- Gefühl der Hoffnungslosigkeit gegenüber der Zukunft, das insbesondere durch Informationsüberflutung, Arbeitslosigkeit, Konflikte und andere wirtschaftliche, klimatische und technologische Unsicherheiten genährt wird.
Dieser Interpretationsrahmen, der aus den eigenen Erfahrungen der Jugendlichen hervorgeht, ermöglicht ein besseres Verständnis der Hindernisse, die ihrem Engagement in prägenden Lebenswegen im Wege stehen.
Remobilisierung durch sinnstiftende Aktivitäten
Auf der Grundlage dieser Kontextelemente wurde 2022 in Genf das Programm «Objectif jeunes» ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, junge Menschen, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, wieder zu mobilisieren, indem auf ihre Interessen und ihre inneren Motivationen zurückgegriffen wird. Es geht darum, für sie geeignete Einstiegsmöglichkeiten zu schaffen, etwa durch Sport, Kunst und Kultur, Aktivitäten im Zusammenhang mit Natur und Umweltschutz oder auch im digitalen Bereich.
Diese Aktivitäten dienen als Hebel, um wieder einen Lebensrhythmus zu finden, Selbstvertrauen zurückzugewinnen, das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, Talente zu fördern und Potenziale zu entwickeln. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die wichtigsten Triebkräfte für die Integration Motivation und Selbstvertrauen sind; diese Aktivitäten bieten somit eine Grundlage, um eine Begleitung bei der Ausarbeitung eines Ausbildungs- und beruflichen Integrationsprojekts einzuleiten. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin profitiert von einer individuellen Betreuung durch Fachkräfte in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk.
Ein strukturiertes und vielfältiges Angebot
Für das Schuljahr 2025–2026 werden 25 Wiedereingliederungsprogramme angeboten, die zusammen mehr als 560 Plätze umfassen. Sieben Programme basieren auf sportlichen Aktivitäten, sechs auf künstlerischen und kulturellen Aktivitäten, sechs auf der Verbindung zur Natur und dem ökologischen Wandel, fünf bieten gemischte Ansätze, und ein Programm konzentriert sich auf die digitale Welt und Online-Wettkampfspiele. Alle Programme werden auf der Website objectifjeunes.ge.ch vorgestellt.
Die Programme werden von einem Netzwerk von Vereinen getragen, das es ermöglicht, Zielgruppen zu erreichen, die häufig keinen Zugang zu Institutionen haben. Dies gelingt insbesondere dank deren Kontakte, der Mund-zu-Mund-Propaganda unter Jugendlichen und der Arbeit von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern vor Ort, die mit sozial benachteiligten Jugendlichen auf der Strasse in Kontakt stehen.
Ermutigende Ergebnisse
Nach drei Schuljahren der Umsetzung des Angebots sind die Ergebnisse beachtlich. Insgesamt haben 1547 Jugendliche an einem Mobilisierungsprogramm teilgenommen. Davon haben 840 das Programm abgeschlossen. Die anderen haben ihren Weg aus verschiedenen Gründen unterbrochen, manchmal aus positiven Gründen, wie einer vorzeitigen Wiederaufnahme einer Ausbildung oder einer Beschäftigung.
Von den Jugendlichen, die ein Programm abgeschlossen haben, gelang 474 eine erfolgreiche Integration, sei es durch eine qualifizierende Ausbildung, eine Lehre oder eine Beschäftigung. Dies entspricht 58 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eines der Programme abgeschlossen haben – ein besonders ermutigendes Ergebnis angesichts der anfänglichen Schwierigkeiten.
Bemerkenswert ist, dass fast 40 Prozent der Jugendlichen, die an einem der Programme teilnahmen, zuvor bei keiner sozialen Einrichtung oder Bildungseinrichtung bekannt waren. Dies unterstreicht die Fähigkeit des Programms, Zielgruppen zu erreichen, die für traditionelle öffentliche Angebote oft unsichtbar bleiben.
Das JAFA-Programm als Alternative zur Sozialhilfe
Aufgrund dieser Ergebnisse startete der Genfer Staatsrat Ende 2024 ein Pilotprojekt namens JAFA (Jeunes adultes en formation), das darauf abzielt, die Sozialhilfe durch ein Vorbereitungsstipendium für junge Erwachsene ohne Abschluss zu ersetzen. Inspiriert vom Waadtländer Modell FORJAD bietet dieses Programm eine intensive Begleitung, die Coaching, schulische Nachhilfe, administrative Unterstützung und psychologische Betreuung kombiniert – individuell und auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Jugendlichen zugeschnitten.
Die Teilnehmenden sind verpflichtet, sich aktiv an einem Programm von «Objectif jeunes» und am Coaching zu beteiligen. Diese Anforderung geht mit einem grundlegenden Perspektivwechsel einher: Die Jugendlichen werden nicht mehr als Sozialhilfeempfänger betrachtet, sondern als Personen in Ausbildung.
Über die finanzielle Unterstützung hinaus spielt diese symbolische Umdeutung eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau der Identität und bei der Zukunftsplanung. Sie stellt einen vielversprechenden Ansatz dar, um die öffentliche Politik zugunsten von Jugendlichen, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, neu zu überdenken.
Einzigartigkeit anerkennen
Das im Kanton Genf eingeführte Programm für junge Erwachsene in einer Bildungs- oder Berufsunterbrechung setzt auf eine Vielfalt an Programmen und eine individuelle Begleitung, um die Einzigartigkeit jedes jungen Menschen – Stärken, Schwächen, Werdegang, Ziele – anzuerkennen. Denn ein standardisierter Ansatz birgt die Gefahr, das Gefühl der Ausgrenzung zu verstärken, während eine personalisierte Betreuung den Bedürfnissen und dem Tempo jedes Einzelnen besser gerecht wird. Schliesslich wird durch die zentrale Stellung von Respekt, Zuhören und Würde in diesen Massnahmen ein positiver Wiederaufbau gefördert.
🔗 objectifjeunes.ge.ch; https://www.ideavox.org/node/277; https://www.ge.ch/document/programmes-remobilisation-du-dispositif-jeunes-adultes-formation-actifs-actives-jafa