Eine Befragung bei Sozialdiensten zeigt, dass die meisten Sozialdienste persönliche Hilfe anbieten - auch ohne wirtschaftliche Unterstützung.
Forschung

Persönliche Hilfe weiterdenken – Befunde und Perspektiven für die Sozialhilfe 

07.09.2026
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Eine Vorstudie hat gezeigt, dass die persönliche Hilfe als Teil der Beratung sehr unterschiedlich eingesetzt wird. Die Wirkung von persönlicher Hilfe wird von den involvierten Fachpersonen insgesamt als vor allem präventiv eingeschätzt. Bei den Ressourcen, der Zugänglichkeit sowie bei der strukturellen Verankerung wird Handlungsbedarf verortet.

Die Befragung im Auftrag der SKOS durch die ZHAW bei 156 Sozialdiensten zeigt, dass die Mehrheit der Sozialdienste persönliche Hilfe auch ohne wirtschaftliche Unterstützung anbietet, dies allerdings in sehr unterschiedlicher Art und Weise. Dies kann mitunter auf unterschiedliche gesetzliche Verankerungen, fehlende fachliche Grundlagen und variierende personelle und finanzielle Ressourcen zurückgeführt werden. Zudem geben die befragten Sozialdienste an, dass oftmals nur rudimentäre Definitionen vorlägen und die persönliche Hilfe insgesamt wenig formalisiert sei. Die Wirkung von persönlicher Hilfe wird insbesondere präventiv eingeschätzt, jedoch selten systematisch erfasst. Es überrascht daher kaum, dass es nur ein vages gemeinsames Verständnis davon gibt, was die Persönliche Hilfe genau beinhaltet und wie sie umgesetzt werden soll.

Good Practice und mögliche Modellmassnahmen

Auch in den durchgeführten Fokusdiskussionen zeigt sich deutlich, dass nach Einschätzung der meisten Teilnehmenden im Bereich der persönlichen Hilfe sowohl konzeptioneller als auch struktureller Entwicklungsbedarf besteht. Im Zentrum steht die Notwendigkeit, die präventive Wirkung der Angebote klarer sichtbar zu machen und durch gezielte Massnahmen zur Entstigmatisierung der Sozialhilfe beizutragen. Gleichzeitig möchten die Diskussionsteilnehmenden niederschwellige Zugänge weiter ausbauen, um die frühzeitige Inanspruchnahme zu fördern.

Als weiterer, wesentlicher Bedarf wird die Ausarbeitung konzeptioneller und methodischer Grundlagen genannt. Dazu zählen insbesondere eine präzise Auftragsdefinition (inkl. Klärung, wann ein Fall als solcher gilt), die Systematisierung unterschiedlicher Angebotsformen (Kurzberatungen, Auskünfte, vertiefte Beratungsgespräche) sowie klare Prozesse für Triage und Zusammenarbeit mit Fachstellen. Ebenso werden richtungsweisende Empfehlungen zur Ressourcenplanung und zum Personaleinsatz gewünscht. Angeregt werden ferner konzeptionelle Leitlinien für spezifische Angebotsbereiche wie die freiwillige Einkommens- und Vermögensverwaltung, Onlineberatungen und die Vergabe einmaliger finanzieller Hilfen, wie auch für weitere Themen wie z.B. Schulden, Budgetberatung, Umgang mit Kündigungen sowie Unterstützung junger Erwachsener.

Parallel dazu wird die Entwicklung geeigneter Instrumente für das Reporting und Monitoring von den Diskussionsteilnehmenden als zentral erachtet, insbesondere zur systematischen Erfassung, Dokumentation und Wirkungsmessung immaterieller Hilfen. Zudem könne ein belastbares Argumentarium gegenüber der Politik oder ein schweizweiter Vergleich zwischen den Kantonen die Weiterentwicklung zusätzlich unterstützen.

Zur operativen Umsetzung wurden verschiedene konkrete Massnahmen identifiziert. Dazu gehören die stärkere Bekanntmachung der Angebote über unterschiedliche Kanäle (z. B. Webseiten, Flyer, Lokalmedien, Arztpraxen oder RAV), gezielte Schulungen – auch für administratives Personal – sowie der Aufbau kantonsübergreifender Austauschplattformen zwischen Sozialdiensten. Checklisten, Merkblätter (z. B. der SKOS) und eine Toolbox, die einerseits Grundlagen, aber auch konkrete Hilfsmittel und Hinweise auf ihre Anwendung in Form von Good Practice enthält, wurden begrüsst. Zudem wurde auch der Wunsch nach digitalen Anwendungen in Form eines Beratungs-Bots geäussert.

Gezielte Stärkung der Prävention und Wirksamkeit

In den Diskussionen wurde festgehalten, dass präventive Interventionen – etwa in Form von einmaligen finanziellen Leistungen, wie sie die SKOS-Richtlinien vorsehen – Belastungssituationen entschärfen und verhindern können, bevor Probleme sich verschärfen. Auf diese Weise liessen sich nicht nur individuelle Krisen abfedern, sondern auch administrative Aufwände reduzieren, da aufwändige Weiterverweisungen vermieden werden.

Ein wesentlicher Mehrwert der persönlichen Hilfe wird von den Diskussionsteilnehmenden in ihrer Vielseitigkeit gesehen. Sie umfasst ein breites Spektrum an Unterstützungsleistungen – von administrativer Hilfe, etwa in finanziellen Angelegenheiten oder im Kontakt mit Behörden, über Unterstützung bei Ausbildung und Arbeitsintegration bis hin zur Begleitung in komplexen Lebenssituationen wie Trennung oder Wohnungswechsel. Diese breite Ausrichtung ermögliche massgeschneiderte Lösungen und stärke die Wirksamkeit der Unterstützung. Gleichzeitig stelle wirksame persönliche Hilfe aber auch hohe Anforderungen an die Fachpersonen und bedürfe eines entsprechenden Knowhows, das es zu fördern gelte.

Entstigmatisierung der Sozialhilfe

Der Ausbau persönlicher Hilfe wird von den Fachpersonen nicht nur als fachlich sinnvoll, sondern auch als strategische Chance für Sozialdienste gesehen. Denn ein erweitertes Angebot trage wesentlich zur Imageverbesserung bei und Sozialämter würden so auch in Fachkreisen weniger als kontrollierende oder rein leistungsverwaltende Institutionen wahrgenommen, sondern als unterstützende, lösungsorientierte und innovative Akteure. Positive Rückmeldungen – etwa von Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden – würden diese Einschätzung zusätzlich stärken.

Anstatt den Fokus vorwiegend auf Ressourcenknappheit zu legen, wird im Rahmen der Fokusdiskussionen betont, dass bestehende Handlungsspielräume aktiv genutzt werden können. Persönliche Hilfe eröffne die Möglichkeit, proaktiv zu arbeiten, individuelle Problemlagen ganzheitlich anzugehen und kreative Lösungen zu entwickeln. Diese Erweiterung der Handlungspraxis wirke sich auch positiv auf das berufliche Selbstverständnis aus und trage zu einem attraktiveren Arbeitsimage bei. Ein ausgebautes Angebot an persönlicher Hilfe habe somit auch positive Effekte auf die Personalgewinnung.

Zentrales Element moderner Sozialhilfe

Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse der durchgeführten Befragung und Fokusgruppendiskussionen, dass persönliche Hilfe weit über eine ergänzende Leistung hinausgeht. Sie stellt ein zentrales Element einer modernen, präventiv ausgerichteten Sozialhilfe dar, das sowohl das Erreichen – breiterer und nicht ausschliesslich auf armutsbetroffene und gefährdete Personen beschränkter– ratsuchender Zielgruppen, als auch die Qualität der Unterstützung als auch die institutionelle Wahrnehmung und die Attraktivität des Arbeitsfeldes nachhaltig stärken kann. Für das anstehende Nachfolgeprojekt werden Sozialdienste gesucht, die in Kooperation mit der ZHAW und begleitet von der SKOS bereit sind, einen Schritt weiterzugehen und sich aktiv an der Erarbeitung konkreter Modellmassnahmen zu beteiligen.

Corinne Hutmacher-Perret
SKOS Leitung Grundlagen

Projekt persönliche Hilfe

Im Auftrag der SKOS führte ein Projektteam des Instituts Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Soziale Arbeit (ZHAW) im Herbst 2025 im Rahmen einer Vorstudie eine Vollerhebung bei den Mitgliedern der SKOS zum aktuellen Stand der Umsetzung und Möglichkeiten der Weiterentwicklung der Persönlichen Hilfe durch.

Die Ergebnisse wurden in einer zweiten Phase in sechs Fokusgruppendiskussionen mit Mitarbeitenden und Leiter:innen der involvierten Sozialdienste vertiefend analysiert und im Hinblick auf mögliche Entwicklungsmassnahmen, die in einem Nachfolgeprojekt in Kooperation zwischen der ZHAW, der SKOS und interessierten Sozialdiensten erarbeitet werden sollen, weiterführend diskutiert. Das Nachfolgeprojekt startet voraussichtlich im Januar 2027. Interessierte Sozialdienste können sich via Mail an die Projektleitung wenden: rahel.strohmeier@zhaw.ch