
Stabile Armut ist kein Fortschritt
Im Gespräch Armut ist in der Schweiz stabil – und genau das ist das Problem. Im Gespräch mit dem Fachmagazin «Die Sozialhilfe» ordnet Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider die Ergebnisse des ersten Armutsmonitoring-Berichts des Bundes ein. Sie spricht über strukturelle Ursachen von Armut, über Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen und über die politische Verantwortung, Armut in einem wohlhabenden Land nicht als gegeben hinzunehmen.
«Die Sozialhilfe»: Sehr geehrte Frau Bundesrätin, Ende 2025 hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) den ersten Bericht zur Armutsüberwachung veröffentlicht. Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste Ergebnis?
Elisabeth Baume-Schneider: Die Armut hat zwar nicht zugenommen, aber leider auch nicht abgenommen. Die Sozialversicherungen und die Sozialhilfe erfüllen ihre Aufgabe. Das Netz ist wirksam und bietet Menschen in finanziellen Schwierigkeiten Hilfe. Aber mit dieser Feststellung dürfen wir uns nicht zufriedengeben. In einem so wohlhabenden Land wie der Schweiz kann die Tatsache, dass das Armutsrisiko stabil bleibt, nicht als Fortschritt gewertet werden! Ausserdem wissen Sie bei der SKOS besser als jeder andere, dass schon eine geringfügige Änderung der Armutsgrenze dazu führt, dass die Zahl der Armutsbetroffenen stark ansteigt. Würde man diese Schwelle um 500 Franken pro Monat anheben, würde sich die Armutsquote in der Schweiz verdoppeln. Das muss uns zu denken geben.
Die Schweiz hat die Agenda 2030 unterzeichnet, deren Ziel ist sogar die komplette Beseitigung der Armut. Ist das realistisch?
Das Ziel der Sozialpolitik ist es, Armut so weit wie möglich zu verhindern und zu verringern, indem das soziale Netz gestärkt wird. Dennoch wird es weiterhin prekäre Situationen geben. Eine Gemeinsamkeit der verschiedenen Studien zur Armut ist, dass sie keine starke Verschlechterung, sondern eine große Fragilität in der Gesellschaft feststellen. Man kann sehr sich schnell in einer schwierigen, schmerzhaften Situation am Rande der Gesellschaft wiederfinden. Die Berichte zeigen deutlich: Armut beschränkt sich nicht nur auf einen Mangel an finanziellen Mitteln, sondern beeinflusst auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Chancengleichheit. Sie wirft daher die Frage nach Integration, Anerkennung und dem Platz in der Gesellschaft auf, insbesondere in Bezug auf den zentralen Aspekt des Zugangs zu Bildung. Armutsbekämpfung bedeutet nicht nur den Zugang zu den Sozialleistungen sicherzustellen, sondern auch den betroffenen Menschen die Freiheit zu erhalten ihr Leben zu gestalten. Die Debatten um das bedingungslose Grundeinkommen sind Teil dieser Überlegungen. Über den finanziellen Betrag hinaus muss eine gerechte Gesellschaft ihren Mitgliedern mehr Sicherheit, Autonomie und Würde bieten.
«Ich habe die Verantwortung, zu handeln, zu informieren, und immer wieder zu sagen, dass Armut existiert und dass sie inakzeptabel ist.»
Es gibt nun umfangreiche Daten zur Armut in der Schweiz. Welche Bedeutung haben diese Statistiken für Sie?
Ich schätze die Professionalität, mit der diese Dokumentations- und Analysearbeit durchgeführt wurde, sehr. Der Bundesrat hat diese Berichte Ende November 2025 verabschiedet. Zum ersten Mal verfügen wir über eine Fülle qualitativer und quantitativer Daten, die es uns ermöglichen sollten, Fortschritte zu erzielen, indem wir an Gesetzesverbesserungen, spezifischen Programmen und konkreten Massnahmen arbeiten. Diese Daten ermöglichen es uns, bestimmte Situationen besser zu verstehen und die wichtigsten strukturellen Probleme zu identifizieren, die wir anschliessend angehen können. Ich denke dabei insbesondere an die Armut von Jugendlichen und Kindern oder an die Frage der Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen – Themen, bei denen wir gemeinsam mit den Städten und Kantonen wirklich Verbesserungen erzielen müssen. Was die Zahlen angeht, können wir nicht mehr sagen, dass wir nichts gewusst hätten. Und diese Feststellung ist wirklich wichtig.
Aber wie kann man das erreichen?
Hier muss das soziale Netz schneller greifen, und die Menschen müssen Vertrauen in das System haben können. Manche Menschen nehmen die ihnen zustehende Hilfe nicht in Anspruch, aus Scham oder aus Mangel an Selbstvertrauen oder weil sie Nebenwirkungen befürchten.
Am Ende des Monitoringberichts des BSV steht geschrieben, dass «Armut ein inakzeptabler Zustand ist, der politisches Handeln erfordert». Was kann man von der Strategie erwarten, die Ihr Departement nun ausarbeiten muss?
Diese Strategie wird kein Katalog konkreter Massnahmen sein, die sofort umgesetzt werden müssen. Sie wird vor allem den Willen und die Verantwortung zur Koordination und Abstimmung zum Ausdruck bringen, insbesondere mit den Kantonen und Städten sowie zwischen den verschiedenen Bundesämtern, die für die Verbesserung der Situation der betroffenen Personen zuständig sind. Es geht darum, relevante und nützliche Präventionsmassnahmen zu identifizieren, insbesondere solche, die den Zugang zu Leistungen erleichtern. So ist beispielsweise festzustellen, dass bestimmte Personengruppen – insbesondere ältere Menschen oder Bezügerinnen und Bezüger einer IV-Rente – darauf verzichten, Ergänzungsleistungen zu beantragen, obwohl sie einen Anspruch darauf haben. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die bestehenden Instrumente und Hilfsmittel zu überprüfen, die Informationsprogramme zu verstärken und eine bessere Kommunikation zu fördern. Bewährte Praktiken müssen als Vorbild dienen, aufgewertet und noch bekannter gemacht werden. Dazu muss analysiert werden, was wirklich funktioniert, und umgekehrt müssen Massnahmen identifiziert werden, deren Wirkung geringer ist als gewünscht. Über die Informationen hinaus liegt die Herausforderung im Prozess selbst. Das heisst, in der Art und Weise, wie die Akteure mobilisiert werden. Dies setzt eine kontinuierliche Zusammenarbeit, Räume für Konsultationen und eine regelmässige Überwachung voraus. Die Überwachung darf sich nicht auf eine punktuelle Momentaufnahme der Situation beschränken, sondern muss es ermöglichen, Entwicklungen zu verstehen und die Massnahmen im Laufe der Zeit anzupassen.
Leider machte die Bundespolitik im Kampf gegen die Armut bisher keine wirklichen Fortschritte.
Tatsächlich befinden wir uns in einer Phase, in der sich Fortschritte und Rückschläge abwechseln. So hat das Parlament beispielsweise die parlamentarische Initiative der sozialdemokratischen Nationalrätin Samira Marti, die sich gegen die Stigmatisierung von Armut einsetzte, endgültig abgelehnt. Der Text forderte, dass Ausländerinnen und Ausländer, die ohne eigenes Verschulden Sozialhilfe beziehen, keine negativen Auswirkungen auf ihre Aufenthaltsbewilligung mehr haben sollten.
Sie haben gesagt, dass die Gesellschaft heute fragiler ist. Die Lebenshaltungskosten steigen und treffen insbesondere Menschen mit geringem Einkommen, die die gleichen Prämien zahlen und auf dem gleichen Immobilienmarkt konkurrieren wie Menschen mit hohem Einkommen.
Unsere Strategie muss genau diese strukturellen Probleme angehen. Die Kosten für Mieten, Transport oder Krankenversicherung nehmen einen immer grösseren Teil des Haushaltsbudgets ein, insbesondere für Familien mit geringem Einkommen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, diese gesellschaftlichen Faktoren zu identifizieren, ohne den Menschen, die nicht mehr über die Runden kommen, Schuldgefühle einzureden. Wenn die Kosten steigen, gibt es keine Wunderlösung: Man muss auf seine Ersparnisse zurückgreifen und dann vorübergehend – oder längerfristig – Sozialhilfe in Anspruch nehmen. Da ihnen zusätzliche Einnahmen fehlen, verzichten viele Familien auf bestimmte Ausgaben. Am besorgniserregendsten ist der Verzicht auf Gesundheitsleistungen, beispielsweise wenn man wegen zu hoher Selbstbehalte nicht zum Zahnarzt geht oder eine medizinische Behandlung aufschiebt. Dies wirft wichtige ethische Fragen auf.
Sozialpolitik und Armut begleiten Sie schon seit langem in Ihrem Berufsleben. Was hat Sie dazu bewogen, sich hier zu engagieren?
Ich wurde insbesondere durch die Situation der Saisonarbeiter, die auf dem Bauernhof meiner Familie arbeiteten, für Fragen der Prekarität sensibilisiert. Als Kind sah ich Arbeiter aus der Türkei oder Jugoslawien, die neun Monate lang fern von ihren Familien lebten und nur bescheidene Löhne erhielten. Das erschien mir äusserst ungerecht. Später als Sozialarbeiterin, vertiefte sich dieses Bewusstsein noch. Ich konnte konkret erleben, was es bedeutet, mit wenig Geld auszukommen, und wie anstrengend es ist, ständig jede noch so kleine Ausgabe rechtfertigen zu müssen. Später wurde mir auch bewusst, wie Menschen in prekären Verhältnissen angesehen werden: Von ihnen wird erwartet, dass sie sich „richtig” verhalten, bis hin zu ihren intimsten Entscheidungen. Schliesslich hat mich meine Arbeit gelehrt, dass Armut nicht nur ein Mangel an Geld ist. Es geht auch um soziale Isolation, fehlende Orientierung und ein Gefühl von Unsicherheit. Selbst gut gemeinte Hilfsangebote, wie zum Beispiel ein Urlaub, können zu einer zusätzlichen Stressquelle werden. Das hat mir klar gemacht, dass man eine Familie nicht einfach in eine andere Welt „versetzen” kann und glauben, dass dies ausreicht, um sie glücklich zu machen. Begleitende Massnahmen sind notwendig.
Glauben Sie, dass Sie als Bundesrätin, wirklich etwas bewegen können?
Ja, dafür bin ich verantwortlich. Es geht nicht nur darum, diesen Bericht über Armut fertiggestellt zu haben. Meine Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass die parlamentarische Arbeit konkrete Vorschläge und Ergebnisse erzeugt, statt den Ball einfach an die Kantone oder die SKOS zurückzuspielen. Die Bedeutung und der Nutzen der Armutsbekämpfung müssen anerkannt werden. Es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Dieses Anliegen teilen wir auch mit unserer aktuellen Kampagne gegen häusliche Gewalt, die ebenfalls die gesamte Gesellschaft betrifft. Ich habe zwar nicht die Macht, die Normen für die Sozialhilfebudgets zu ändern, aber ja: Ich habe die Verantwortung, zu handeln, zu informieren, und immer wieder zu sagen, dass Armut existiert und dass sie inakzeptabel ist.
Vor Ihrer Wahl in den Bundesrat waren Sie Vizepräsidentin der SKOS. Was halten Sie von ihrer Arbeit?
Ich finde, sie leistet hervorragende und unverzichtbare Arbeit. Die SKOS besteht aus Menschen aus der Praxis, aus Forscherinnen und Forschern, aus Personen, die öffentliche Ämter bekleiden. Die Armutsquote, wie sie in unserer Studie verwendet wird, basiert auf den Arbeiten der SKOS. Mit ihrem Sozialhilfereglement ermöglicht die SKOS allen Kantonen, sich an einem gemeinsamen Rahmen zu orientieren. Das ist die Stärke der SKOS. Auf institutioneller Ebene könnte eine noch engere Zusammenarbeit mit der ARTIAS (Association romande et tessinoise des institutions d'action sociale) für beide Institutionen von Vorteil sein.
Das Gespräch wurde auf Französisch geführt
Ingrid Hess
Redaktionsleiterin