Amanda Ioset blickt auf ihre Arbeit für die Artias zurück.

«Wir müssen eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis für unsere jeweiligen Lebensrealitäten entwickeln.»

11.08.2026
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Amanda Ioset war Geschäftsleiterin der Artias von 2021 bis 2026. Mit einem kleinen Team setzte sie sich dafür ein, die lateinische Schweiz als Akteurin der Sozialen Arbeit zu festigen. Die Stärkung der Beziehung zur SKOS war für sie ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. «Es geht darum, Verbindungen zu knüpfen, den Austausch zu fördern und das Netzwerk mit Leben zu füllen», sagte Amanda Ioset im Gespräch mit der SKOS.

Die Sozialhilfe: Wenn du heute auf deine fünf Jahre bei der Artias zurückblickst, was war für dich das Wichtigste an deiner Arbeit?

Amanda Ioset: Was mir besonders am Herzen liegt, ist die Rolle der Artias als Plattform für den Austausch. Der Verein bringt die kantonalen Ämter für Soziales der gesamten lateinischen Schweiz sowie öffentliche und private Sozialdienste zusammen. Einer der Erfolge der letzten fünf Jahre ist daher für mich die Rückkehr des Tessins in die Artias. Das ist wichtig, denn unsere Aufgabe ist es, ein gemeinsames Fundament für die Soziale Arbeit in der lateinischen Schweiz aufzubauen. Wir sind ständig bestrebt, die verschiedenen Akteure zusammenzubringen, herauszufinden, was uns verbindet, und gemeinsam nützliche Instrumente für die Sozialarbeit zu entwickeln. Es geht nicht nur darum, Publikationen zu erstellen, sondern auch darum, Verbindungen zu knüpfen, den Austausch zu fördern und dieses Netzwerk mit Leben zu füllen. Für ein kleines Team mit weniger als drei Vollzeitäquivalenten ist das eine echte Herausforderung. Doch ich schätzte diese Arbeit sehr.

Du hast dich auch sehr für eine engere Zusammenarbeit mit der SKOS eingesetzt.

Die Stärkung der Beziehung zur SKOS war für mich ein weiterer wichtiger Aspekt meiner Arbeit. Wir haben viel in diese Zusammenarbeit investiert, die sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt hat. Die Sozialarbeit ist nicht gerade der Bereich, der in der öffentlichen Politik am meisten gefördert wird: Je besser wir in der Lage sind, zusammenzuarbeiten, Gemeinsamkeiten zu suchen und in dieselbe Richtung voranzukommen, desto stärker sind wir.

Wie würdest du die Zusammenarbeit mit der SKOS beschreiben?

Für mich bedeutet eine gute Zusammenarbeit nicht, dass es nie Meinungsverschiedenheiten gibt. Im Gegenteil: Sie setzt voraus, dass jede oder jeder seine Standpunkte offen darlegen kann und sagen kann, wie weit er bereit ist zu gehen, und wir dann gemeinsam nach der besten Lösung suchen. Ich habe keine Angst vor Konflikten. Ich glaube sogar, dass sie Teil gesunder Beziehungen sind. Spannungen ermöglichen Fortschritte, vorausgesetzt, sie werden respektvoll angegangen.

Gibt es wirklich so grosse Unterschiede zwischen der Westschweiz und der Deutschschweiz auf dem Gebiet der Sozialhilfe, wie oft gesagt wird?

Ja, die gibt es, und man darf sie nicht leugnen. Aber sie sind oft nuancierter, als man denkt. Das zeigt das jüngste Monitoring zu den Richtlinen deutlich. Die Kantone, in denen die Sozialhilfe am stärksten auf die Gemeinden verteilt ist, sind zwar allesamt deutschsprachige Kantone. In der Westschweiz geht der Trend eher in Richtung Kantonalisierung. Dennoch gibt es auch Deutschschweizer Kantone, in denen die Sozialhilfe in der Kompetenz der Kantone liegt, und Kantone in der Romandie, in denen die Gemeinden ein grösseres Gewicht haben. Die Realitäten und Herausforderungen überschneiden sich stärker, als man denkt. Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, sind die Herausforderungen im Zusammenhang mit Armut oder gesellschaftlichen Veränderungen – und die betreffen das ganze Land.

Du hast viel Positives über deine Arbeit berichtet, was war eher hinderlich?

Es gibt tatsächlich eine Sache, die ich nicht geschätzt habe: den Wettbewerb und das Kleinstadtdenken, das in unserem Bereich – wie natürlich auch in anderen – manchmal vorherrschen kann. Aus meiner Sicht sind wir dazu da, der Sozialen Arbeit und den Menschen, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen, zu dienen. Diese Einstellung sollte all unsere Entscheidungen leiten.

Artias ist ein relativ kleiner Verein. Da kann man nicht alles umsetzen, was man vielleicht gerne möchte. Das ist sicher eine Herausforderung.

Ja, das ist so. Aber wir haben dennoch zahlreiche Projekte umgesetzt. Wir haben die Website komplett überarbeitet, mehrere Arbeitsinstrumente modernisiert und 2025 ein interkantonales Projekt mit vier Sozialdiensten ins Leben gerufen, um Formen der kollektiven und partizipativen Sozialen Arbeit im Rahmen der Sozialhilfe zu erproben. Eines der Projekte, auf das ich besonders stolz bin, ist die historische Forschungsarbeit, die anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Artias in Angriff genommen wurde. Für mich ist das Gedächtnis einer Organisation von entscheidender Bedeutung. Zu verstehen, woher eine Institution stammt, ermöglicht es, ihre heutige Rolle besser zu begreifen. Dank dieses Projekts konnten wir die Entwicklung der Vorgängerorganisationen von Artias nachzeichnen und besser verstehen, warum die Sozialhilfe heute so funktioniert, wie sie es tut. Diese historische Kontinuität ist von grundlegender Bedeutung. Menschen wechseln, Teams erneuern sich, aber es ist wichtig, dass das kollektive Gedächtnis und die Daseinsgründe der Organisation weitergegeben werden. Nur so kann eine Institution ihre Relevanz bewahren. Wäre ich länger geblieben, hätte ich diese historischen Überlegungen gerne weiterverfolgt. Eine Reihe von weiteren Themen, an denen wir bereits intensiv gearbeitet haben, hätte ich gerne vertieft, insbesondere die Überschuldung, Kinder in der Sozialhilfe sowie die Zusammenhänge zwischen Sozialpolitik und Arbeitsrecht. Vor allem aber hätte ich gerne eine umfassendere Debatte über die Zukunft der Sozialversicherung angestossen.

Damit sprichst du die politische Arbeit an. Welche Massnahmen wären dir besonders wichtig für die Prävention der Armut?

Meiner Meinung nach müsste darüber nachgedacht werden, wie der Versicherungsschutz der Sozialversicherungen ausgeweitet werden kann, damit weniger Menschen auf Sozialhilfe angewiesen sind. Auch heute noch geraten manche Menschen in die Sozialhilfe, obwohl sie eigentlich durch andere Mechanismen der sozialen Sicherheit abgesichert sein sollten. Sehr wichtig erscheint mir auch der Zusammenhang zwischen Familienpolitik und Armut. Wir sprechen oft über die individuellen Lebenswege, die Menschen in die Sozialhilfe führen. Dagegen sprechen wir viel weniger über die strukturellen Ursachen der Armut und die Organisation unserer Gesellschaft. Ich finde, dass die Schweiz noch zu wenig für Familien tut. Kinder zu haben, ist auch heute noch ein Armutsrisiko – was ich in einem Land, das sich rühmt, eines der reichsten der Welt zu sein, absurd finde.

Wie könnte die Prävention der Armut ganzheitlicher angegangen werden?

Im Rahmen eines Seminars, an dem ich kürzlich teilgenommen habe, erklärte eine Teilnehmerin, man müsse aufhören, Armut ausschliesslich unter finanziellen Gesichtspunkten zu betrachten, denn sie sei in erster Linie ein extremer Ausdruck sozialer Ungleichheit. Ich teile diese relationale Analyse von Armut. Heute sind wir in der Lage, präzise Analysen zur Armut zu erstellen, was sehr wertvoll ist. Wir verfügen über zahlreiche statistische Daten und kennen die Zusammenhänge zwischen Armut, psychischer Gesundheit, Bildung oder auch Wohnsituation. Dagegen fällt es uns schwerer, die Mechanismen aufzudecken, die diese Ungleichheiten hervorrufen. Wir beschreiben die Folgen gut, sprechen aber noch zu wenig über die Ursachen.

Weil sie zu beseitigen bedeuten würde, das ganze Feld der Sozialpolitik zu bearbeiten.

Die Sozialhilfe bildet das letzte soziale Sicherheitsnetz. Gerade weil sie als letztes eingreift, deckt sie die Lücken unseres Sozialversicherungssystems, aber auch der Familienpolitik oder des Arbeitsrechts auf. Wir stellen jeden Tag fest, dass es nach wie vor soziale Risiken gibt, die nicht ausreichend abgedeckt sind. Ich denke dabei insbesondere an die Folgen von Scheidungen, an die Situation von Familien mit Kindern, aber auch an den Gesundheitsbereich. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in der Schweiz auch heute noch keine obligatorische Krankentaggeldversicherung gibt. Was die Invalidenversicherung betrifft, so sind die Kriterien streng. Viele Menschen, die Sozialhilfe beziehen, sind gesundheitlich angeschlagen, und ihre Situation müsste eigentlich bereits durch andere, vorgelagerte Systeme abgedeckt sein. Das Gleiche gilt für bestimmte neue Beschäftigungsformen und Niedriglöhne. Die Sozialhilfe muss oft unzureichende Einkommen aufstocken. In gewisser Weise übernimmt sie die Löhne, die manche Unternehmen nicht zu zahlen bereit sind. Es ist zutiefst beunruhigend, dass in der Schweiz im 21. Jahrhundert Menschen, die arbeiten, nicht von ihrem Einkommen leben können. 

Lass uns noch über die Beziehungen zwischen Artias und SKOS sprechen. Für ein wirkungsvolles Engagement für die Sozialhilfe ist eine gute  Zusammenarbeit zwischen Ost und West zentral.

Ich glaube, wir würden alle davon profitieren, wenn wir uns in der Westschweiz und der Deutschschweiz besser kennenlernen würden. Das erfordert echtes Engagement. Es reicht nicht aus, eine Vertretung der Westschweiz in den nationalen Gremien vorzusehen. Wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Wir müssen eine gemeinsame Sprache und vor allem ein gemeinsames Verständnis für unsere jeweiligen Lebensrealitäten entwickeln. Es wurden bereits grosse Anstrengungen unternommen. Die nationalen Kommissionen sind ein Beispiel dafür. Aber es bleibt noch viel zu tun, um zu verstehen, wie jeder die Sozialhilfe in seinem eigenen Kontext versteht. Nur so können wir die Themen definieren, bei denen wir wirklich gemeinsam vorankommen wollen. Mit anderen Worten: Es geht nicht nur darum, einer bestehenden Struktur eine Sichtweise aus der Romandie hinzuzufügen. Es geht darum, gemeinsam Räume zu schaffen, in denen die Anliegen beider Regionen ganz selbstverständlich ihren Platz finden und in denen gemeinsame Überlegungen entstehen können.

…unter anderem mit dem Fachmagazin der SKOS, das nach über 120 Jahren seit 2025 auch auf Französisch erscheint.

Ich finde, das ist eine sehr gute Initiative. In der Romandie kommt das Fachmagazin sehr gut an. Wir verteilen sie regelmässig bei Veranstaltungen, und die Rückmeldungen sind sehr positiv. Sie hat sich zu einer echten nationalen Zeitschrift entwickelt. Das setzt auch voraus, dass die Romands Themen vorschlagen und aktiv an ihrer Weiterentwicklung mitwirken. Jede Region bringt ihre eigenen Besonderheiten ein, und genau diese Vielfalt macht den Reichtum der Zeitschrift aus. Insgesamt finde ich, dass die Ausgewogenheit heute gut gelungen ist.

Inwiefern unterscheiden sich für dich die Rollen von Artias und der SKOS?

Unsere Rollen ergänzen sich. Die SKOS ist eine nationale Organisation, deren Aufgabe insbesondere darin besteht, Sozialhilfestandards festzulegen, die landesweit als Referenz dienen. Die Artias ist eine Organisation im Dienste der Sozialen Arbeit in der Romandie, die sich durch ihre Aufgaben in den Bereichen Information, Zukunftsanalyse, Vernetzung und soziale Innovation auszeichnet, jedoch nicht für die Festlegung der Richtlinien zuständig ist. Einige unserer Tätigkeitsbereiche überschneiden sich, doch jede unserer Organisationen hat ihre Besonderheiten, sowohl was die Aufgaben als auch die Aktivitäten betrifft. Auch wenn die Beziehungen zwischen der SKOS und der Artias manchmal angespannt waren, ziehen wir heute am gleichen Strang und respektieren dabei die Besonderheiten und die Unabhängigkeit der jeweils anderen.

Was möchtest du denjenigen, die diese Arbeit fortsetzen werden, mit auf den Weg geben?

Erstens darf man nie vergessen, warum wir diese Arbeit tun: um dazu beizutragen, die soziale Absicherung zu erhalten und zu verbessern, damit jede und jeder ein würdiges Leben führen und einen Platz in der Gesellschaft finden kann. Zweitens denke ich, dass wir weiterhin den Beziehungen zwischen den Akteuren Beachtung schenken müssen. Vertrauen entsteht nicht von selbst. Es erfordert Zeit, Zuhören und den echten Willen, die Lebensrealitäten der anderen zu verstehen. Es entsteht in der Praxis, bei der gemeinsamen Arbeit an konkreten Projekten. Es gibt Unterschiede zwischen der Westschweiz und der Deutschschweiz. Diese werden auch weiterhin bestehen bleiben. Sie dürfen jedoch nicht als Hindernisse wahrgenommen werden. Im Gegenteil: Sie stellen eine Bereicherung dar, vorausgesetzt, wir akzeptieren, dass wir alle voneinander lernen können. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zukunft von dieser Fähigkeit abhängt, gemeinsam eine gemeinsame Vision der Sozialarbeit zu entwickeln – unter Achtung der Besonderheiten jedes Einzelnen und stets mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.