
«Wir sind alle nur auf der Durchreise auf diesem Schiff.»
Das Bateau-Genève ist ein Ort der bedingungslosen Aufnahme und Begleitung für Erwachsene in grosser Notlage. Es liegt zentral im Genfer Hafen und öffnet von Montag bis Freitag seine Türen für rund 200 Passagiere pro Tag.
Gegenüber dem Jet d’Eau in Genf und den Gebäuden der grossen Bankhäuser, liegt das Bateau-Genève am Kai vertäut, direkt vor dem Jardin Anglais. Mehrere Nutzer, die auf den Geländern der Gangway sitzen, grüssen die Menschen, die am Vormittag an oder von Bord gehen. Die unterstützten Personen werden als Passagiere bezeichnet, sobald sie an Bord kommen.
Wie jeden Morgen von Montag bis Freitag öffnet das Schiff seine Türen für Bedürftige. Sie erhalten eine kostenlose Mahlzeit erhalten. Ein reichhaltiges Frühstück steht als Selbstbedienung auf einer Theke oben an der Treppe zum Oberdeck bereit. Gleich daneben sind zwei Besatzungsmitglieder, Mathilde ist Verwaltungsangestellte und Christian Sozialarbeiter. Sie sind hinter zwei Kisten voller Akten sehr beschäftigt und beantworten die Fragen der Passagiere. Obdachlose können persönliche Post abholen. Die Adresse des Vereins Bateau-Genève – eine private soziale Einrichtung, die als gemeinnützig anerkannt ist – können Besucher:innen, die regelmässig auf dem Schiff sind, als Korrespondenzadresse angegeben. Sobald die Post bei der Poststelle eingegangen ist, kann sie während der morgendlichen Sprechstunden mit Hilfe einer Fachkraft aus dem Team des Schiffes bearbeitet werden. Bussgelder wegen Bettelns, Briefe vom Sozialamt oder auch von der Migrationsbehörde: Es ist besser, schnell zu reagieren, um negative Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Passagiere zu vermeiden, deren Alltag aufgrund ihrer grossen prekären Lage ohnehin schon mit genügend Hindernissen gefüllt ist.
Diese Art von persönlicher sozialer Beratung findet an einem Tisch am Rand, auf der Terrasse oder im Hauptraum auf dem Oberdeck des Schiffes statt, während andere mit einem Freund oder einer Freundin Kaffee trinken, Musik hören, Karten spielen, Spässe machen oder einfach nur still da sind und beobachten. An den verschiedenen Tischen, an denen sich ein bunt gemischtes Publikum versammelt : ältere Menschen, eine Gruppe junger (aber volljähriger) Menschen unterschiedlicher Herkunft, Randgruppen aller Art, Männer und Frauen , finden auch andere regelmässige soziale Sprechstunden statt, wie beispielsweise eine Rechtsberatung und die Unterstützung durch Peers für drogenabhängige Menschen. Zahlreiche weitere Aktivitäten und kleine Hilfsangebote werden bei diesen Treffen ebenfalls angeboten: Zugang zu einem Festnetztelefon, Verteilung von Hygieneartikeln, verschiedene Workshops. Zusätzlich zum Frühstücksbuffet wird montags und donnerstags morgens sowie jeden zweiten Sonntagabend eine warme Mahlzeit angeboten.
Das Bateau Genève bietet somit eine niederschwellige Anlaufstelle für Menschen in prekären Lebenssituationen, die den Ort vor allem aufsuchen, um sich zu verpflegen und einen geselligen Moment in einem geschützten Innenraum zu verbringen. Die Möglichkeit, etwas zu trinken, zu essen und sich an einem sicheren Ort aufzuhalten, ist in der Tat eine wesentliche Voraussetzung dafür, anschliessend gemeinsam – im Austausch mit Sozialarbeiter:innen, Freiwilligen oder unter Gleichgesinnten – an einer möglichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Besucher:innen zu arbeiten.
Publikum und Nutzung im Wandel
Auch wenn das übliche Publikum des Bateau Genève heute zunehmend aus Menschen besteht, die aufgrund ihrer Migrationsgeschichte in prekären Lebensverhältnissen leben, war dies früher anders. Nachdem das Schiff von 1896 bis 1973 für die Compagnie Générale de Navigation (CGN) in Betrieb war und zahlreiche Touristen sowie wohlhabende Einheimische auf dem Genfer See befördert hatte, waren es zwei Pfarrer und Gefängnisseelsorger, die dort 1974 einen Verein gründeten und ein soziales Projekt ins Leben riefen. Das Schiff wurde gekauft und beherbergte seitdem Menschen am Rande der Gesellschaft, oft mit Suchtproblemen, und Personen, die aus dem Gefängnis entlassen wurden. Begleitet von einem Sozialteam erholen sie sich und renovieren das Schiff, das ein bemerkenswertes maritimes Kulturgut darstellt. Damals und bis in die 1980er Jahre beherbergte das Schiff etwa zehn Menschen, die an Bord lebten und das Schiff restaurierten. Doch der Bedarf an solchen Einrichtungen stieg mit der Zeit, und der Verein wurde nach und nach von den Anfragen überfordert. Aus diesem Grund und aufgrund wiederholter Auflagen der Gesundheits- und Sicherheitsbehörden (keine Heizung, im Winter gefrierendes Wasser usw.) wurde die Unterbringung von Menschen eingestellt. Ende der 1980er Jahre entstanden dann die Solidaritätsmahlzeiten, die bis heute angeboten werden.
Ab den 1990er Jahren verändert sich die Form der Obdachlosigkeit. Die am stärksten benachteiligte Bevölkerungsgruppe, die auch auf dem Schiff stark vertreten ist, besteht aus Menschen ohne Aufenthaltsstatus (Sans-Papiers). Sie machen mehr als 80 Prozent der obdachlosen Bevölkerung in Genf aus, wie eine Studie zum Bedarf an Notunterkünften aufzeigte, die 2021 gemeinsam im Auftrag des Departements für sozialen Zusammenhalt und Solidarität der Stadt Genf durchgeführt wurde.
Selbstverwaltung und Mitbestimmung
Auch wenn sich die Bevölkerung verändert hat, arbeitet der Verein Bateau Genève weiterhin nach den Ideen und Einstellungen, die ihn ursprünglich geprägt haben. Das Ziel ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Passagier:innen wie zu Hause fühlen und aktiv am Leben und an der Organisation des Schiffes mitwirken können.
«Wir sind alle Passagiere und nur auf der Durchreise auf dem Schiff», betont Christian, während er ausführlich erklärt, wie die Selbstverwaltung des Ortes funktioniert. Einmal alle zwei Wochen findet eine Versammlung der Passagiere statt. Eine Gelegenheit, Informationen auszutauschen und Meinungen einzuholen, aber auch, um die Vorschläge aller zu diskutieren. «Wir fragen die Passagier:innen, was sie sich für den Ort wünschen und ob sie konkrete Projekte umsetzen möchten.» So entstanden ehrenamtliche Angebote zum gegenseitigen Austausch, wie zum Beispiel gemeinsame Bart- und Haarschnitte unter Gleichgesinnten mit der Möglichkeit zum Selbstlernen, Englisch- und Französischkurse, Näh- und Computerkurse usw. Diese Aktivitäten zielen darauf ab, die Sozialisierung und die soziale Integration der Menschen zu verbessern.
Über Mahlzeiten und soziale Beratung hinaus bietet das Schiff also noch viel mehr: einen gemeinsamen Raum, den man sich gemeinsam aneignen kann und in dem mittel- oder langfristig auf selbstverwaltete Weise kulturelle und soziale Projekte aller Art entstehen.
Das Team aus Freiwilligen und Angestellten (Sozialarbeit, Hausmeister:innen, Verwaltungsleiter:in, Buchhalter:in, Küche) arbeitet ebenfalls hierarchiefrei. Die Verantwortlichkeiten werden weitgehend geteilt, und die Gehälter der bezahlten Angestellten werden auf einer einheitlichen Gehaltsbasis festgelegt.
Sich weiterbilden, um der Prekarität zu entkommen
Damit das Schiff kein «Ghetto der Prekarität» in der Stadt Genf darstellt, öffnet es zudem abends seine Türen für ein ganz anderes Publikum. Eine kostenpflichtige Sommerbar bietet Speisen und musikalische Veranstaltungen an, um den Ort zu einem aktiven Teil des Genfer Kultur- und Nachtlebens zu machen. Zudem wird dort das ganze Jahr über ein Catering-Service angeboten. Diese Aktivitäten tragen dazu bei, einen Grossteil der Eigenfinanzierung des Vereins zu sichern, dessen Betriebseinnahmen ansonsten in erster Linie aus Spendensammlungen sowie zu einem kleinen Teil aus Zuschüssen der Stadt Genf stammen.
Jede Tätigkeit auf dem Schiff – sei es der Service an der Bar oder in der Küche ebenso wie soziale Aktivitäten und Renovierungsarbeiten am Schiff – bietet zudem die Gelegenheit, Praktika zur Förderung der sozialen und beruflichen Integration anzubieten. Für Passagiere und Passagierinnen, die eine Ausbildung absolvieren möchten, stehen jederzeit 10 bis 12 Plätze zu reduzierten Tarifen zur Verfügung.
Um die Selbstregulierung des Ortes weiter zu verbessern und möglichen Ausschreitungen oder Gewalttaten vorzubeugen, übernehmen fünf «Schiffsführer:innen» die Rolle von Vermittler:innen an Bord. Diese Personen, die sich selbst in einer prekären Situation befinden, sind vertrauenswürdige Passagierinnen und Passagiere aus verschiedenen Gemeinschaften, die Teil des Teams sind und für ihre Arbeit an zwei Tagen pro Woche eine Aufwandsentschädigung erhalten. Sie empfangen die Passagiere an den Türen des Schiffes und sorgen so für Sicherheit am Ort, anstatt externe Sicherheitsdienste hinzuzuziehen, die weitaus weniger in der Lage sind, die für diesen Ort charakteristische Toleranz und Selbstverwaltung zu wahren.
Dank dieser von Fairness und Mitgestaltung geprägten Haltung setzt der Verein seit fast 50 Jahren seinen Kampf gegen soziale Ausgrenzung fort und engagiert sich für die Achtung der Menschenwürde der am stärksten benachteiligten Menschen in Genf – durch seine Aufnahme- und Begleitaktivitäten, die Entwicklung von Massnahmen zur sozialen und beruflichen Eingliederung sowie die gemeinsame Arbeit zur Erhaltung und Förderung des Kulturerbes des «Bateau Genève».
Link als QR-Code: www.bateaugeneve.ch