Renato Kaiser, Schweizer Slam Poet, Satiriker und Komiker
Interview

«Armut ist oft gar nicht so weit weg von uns.»

08.03.2021
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  • Interview

Mit dem Shutdown kam auch das künstlerische Leben weitgehend zum Erliegen. Den Künstlerinnen und Künstlern brachen die Einnahmequellen weg. Geredet wird darüber kaum. Satiriker und Komiker Renato Kaiser, der sich gern mit den gesellschaftlich schwierigen Themen und auch mit der Sozialhilfe befasst, findet das nicht richtig. Kaiser wurde letztes Jahr mit dem beliebtesten Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet, dem Salzburger Stier.

ZESO: Herr Kaiser, Künstlerinnen und Künstler sind von der Coronakrise stark betroffen: Sie hingegen scheinen sich in der Krise zu behaupten. Sie haben letztes Jahr sogar den Salzburger Stier, eine der höchsten Auszeichnungen in Ihrem Metier, erhalten. Trotz Krise sind Sie ein äusserst gefragter Künstler, sozusagen ein Coronastar?

Renato Kaiser: Ich würde mich selbst nie als Star bezeichnen, das wäre der Anfang vom Ende. Aber ich habe eine innere Distanz zu schrecklichen Sachen. Je schlimmer etwas ist, desto ruhiger werde ich. Deshalb konnte ich schnell reagieren und machte mit dem Thema Corona Satire, wie ich das eben immer mache. Der Unterschied war und ist, dass es eine sehr monothematische Phase ist, und das weltweit.

Sie waren in den letzten Jahren auf vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum zu sehen. Wie oft konnten Sie im letzten Jahr auftreten?

Ich sags mal ganz lakonisch: Weniger als im Jahr zuvor. Aber ich hatte das Glück, dass ich schon vorher viel Aufmerksamkeit hatte und letztes Jahr eben den Salzburger Stier erhielt. Kommt hinzu, dass ich schon vor drei Jahren anfing, Videos zu machen. Als der Shutdown kam, sagte ich mir: Gut, dann mache ich jetzt halt Videos. Das ist wie bei den Firmen, manche waren gut auf den digitalen Wandel vorbereitet – und ich war das eben auch. Aber das macht man als Künstler nicht von einem Tag auf den anderen.

Via Social-Media-Kanäle haben Kulturschaffende zwar ein Publikum, aber nach wie vor kein Einkommen.

Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Als man merkte, dass Kultur Geld kostet, gab es plötzlich ganz viel Gratiskultur – völlig paradox! Freunde und Fans forderten mich auf, einen Livestream zu machen. Sie sagten, sie würden selbstverständlich dafür bezahlen. Aber das Problem ist: Um mein Programm angemessen als Livestream anzubieten, sodass es einerseits wertig rüberkommt und ich es andererseits auch in Zukunft noch mit gutem Gewissen auf der Bühne spielen kann, braucht es viel Aufwand. Da geht es um Ticketing, Exklusivität, Garantie usw. Ich kann nicht meine Soloshow live streamen in der Hoffnung, dass mir die Leute Geld überweisen, und gleichzeitig Angst haben, dass ich meine Munition verschossen habe. Anders als ein Bühnenauftritt lassen sich Auftritte in Social Media nicht wiederholen. Das ist die Krux bei der Kunst via Social Media. Ich mache auch ohne Auftrag und Gage manchmal Videos und stelle sie dann gratis auf Facebook oder Youtube. Ich mache das einfach, weil es mir Spass macht. Klar könnte es in anderen Zeiten sein, dass jemand das Video sieht und dann ins Theater geht, weil ihm das Video gefallen hat. Das fällt jetzt natürlich weg. Die Frage ist, wo man die Trennlinie zwischen Eigenwerbung und dem eigentlichen künstlerischen Schaffen zieht. Die Kulturszene fängt leider erst jetzt an zu überlegen, wie man mit Auftritten auch dann Geld verdienen kann, wenn man online ist.

Wie viele Auftritte wurden Ihnen abgesagt?

(Lacht...) Das habe ich nicht angefangen zu zählen. Das wäre zu frustrierend. Einige wurden zwar verschoben. Aber selbst, wenn alle 2020 ausgefallenen Auftritte nun 2021 stattfinden, fehlen mir immer noch die Einnahmen für ein ganzes Jahr.

Auch die SKOS musste Ihren Auftritt an der Bieler Tagung schliesslich absagen, weil sie die Tagung absagen musste. Wie überlebt man als Kulturschaffender den für die Kultur nun schon fast einjährigen Shutdown?

Mir hat natürlich ein bisschen geholfen, dass das Schweizer Fernsehen auf mich zukam, um die Videos zu den Coronathemen für seine Online-Plattformen zu machen. Das hat jetzt nicht mein Überleben gesichert, aber man kann sicherlich sagen: Ich bin da in einer privilegierten Position. In der Schweiz ist es ja generell und insbesondere auch unter Kulturschaffenden eher verpönt, über Geld zu jammern.  Man darf sich nur dann beklagen, wenn es um die Existenz geht. Was mich angeht, jammere ich auch nicht gern, und schliesslich geht es mir auch gut. Auch ich habe selbstverständlich durch den Shutdown Einbussen beim Einkommen, aber ich komme immer noch klar.  Hingegen weiss ich nicht, wie es weitergeht. Ich weiss nicht, ob meine Agentur die Coronakrise überlebt, ob meine Veranstalter sie überleben und ob ich in diesem Jahr wieder Auftritte haben werde. Auch wenn ich selbst nicht direkt vor dem Abgrund stehe, finde ich es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass es uns als Gruppe der Kulturschaffenden nicht gut geht. 

Was treibt Sie als Künstler in Ihrem Schaffen an?

Ich denke, das weiss man meist erst hinterher. Sagen wir es so: Einerseits bin ich höchst suchtgefährdet und andererseits sehr mitteilungsbedürftig. Wenn ich etwas mache, dann übertreibe ich es. Egal ob das Sport, Gamen, Trinken oder eben Arbeit ist, wobei der Workaholismus wenigstens eine produktive Sucht ist. Andererseits habe ich mir immer schon gern Gedanken über Absurdes gemacht. Wenn ich etwas absurd, lustig oder ungerecht finde, dann will ich es auseinandernehmen, ergründen und schliesslich eine Lösung dafür finden. Das hat Positives, aber auch Schwieriges, weil ich keine Ruhe gebe, bis ich das Gefühl habe, das Thema ergründet und das Problem gelöst zu haben. Das kann für andere manchmal nervig sein.

Sie haben auch das Thema Sozialhilfe ergründet und ein Video darüber gedreht. Im Rahmen der TV-Serie «Tabu» haben Sie vier Tage mit Armutsbetroffenen am Walensee verbracht. Wie kommen Sie zum Thema Armut, was bedeutet es Ihnen?

Armut hat mich insofern immer schon beschäftigt, als ich eben absurden Dingen auf den Grund gehen will. Und etwas vom Absurdesten ist für mich von jeher die Existenz von Armut in einem reichen Land wie der Schweiz. Hier redet man nicht über Geld, weder als Einzelperson noch als Gesellschaft. Geld hat man, oder man hat es eben nicht, aber man spricht nicht darüber. Und so ist Armut scheinbar nicht vorhanden. Sichtbar sind nur die Obdachlosen. Meine Theorie ist, dass wir deshalb nicht über Armut reden, weil wir zwar wissen, dass es jedem passieren kann, aber meinen, dass es nicht passiert, wenn wir so tun, als gäbe es sie nicht. Es gibt sie nur dann, wenn jemand einen sehr schlechten Charakter hat. Das ist natürlich nicht die Wahrheit. Es gibt viele Dinge, die passieren, vor allem bestimmten Gesellschaftsgruppen, homosexuellen Männern, Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund; Dinge, die ich als weisser heterosexueller Schweizer Mann nicht fürchten muss. Aber Armut kann jedem passieren. Deshalb verdrängen wir das Thema lieber und schieben das Problem bestimmten Bevölkerungsgruppen zu, den Faulen und den Ausländern usw. Das sind alles Abwehrmechanismen, damit man sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen muss.

Wie haben Sie die von Armut betroffenen Menschen erlebt, mit denen Sie Zeit verbrachten?

Ich bin ja nur kurz eingetaucht in das Thema Armut und bin sicher bei Weitem kein Experte. Die Betroffenen scheinen aber alle in ihrem Leben irgendwo einen Moment erlebt zu haben, von dem an es bergab ging. Es kam dann ein schlechter Moment nach dem anderen. Ich konnte überall den Link zu meinem Leben machen, nur dass bei mir eben in jedem kritischen Moment alles richtig und gut lief: die Freunde, die Eltern usw.

Sie selbst sind nie mit Armut in Berührung gekommen?

Ich stamme aus dem Mittelstand, meine Eltern waren weder arm noch reich. Aber wenn man schon eine Generation zurückschaut, sieht es ganz anders aus. Meine Mutter ist Italienerin, und als sie klein war, gab es manchmal auch nur Zucker und Polenta zum Essen. Man sieht, Armut ist oft gar nicht so weit weg von uns.

Sie nehmen sich gerne Tabuthemen an

Bis jetzt noch nicht. Ich habe mir die Themen auch nie nach dem Kriterium ausgesucht, dass es besonders heikel sein muss. Meist merkte ich erst nachher, wie heikel das Thema für andere ist. Satire kann dazu verleiten, dass man meint, man kann alles sagen – und deswegen dann faul wird. Das ist gefährlich. Ich gebe mir sehr Mühe, den Themen auf den Grund zu gehen. Ich gehe immer von mir selber aus, und wenn mir mit einem Thema nicht wohl würde, dann würde ich es fallen lassen. Ich bin aber noch nie an diese Grenze gestossen.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration – aus den Medien?

Eigentlich von überall. Gerade in den letzten fünf bis zehn Jahren waren es wohl in erster Linie Schlagzeilen und Social Media. Man wird ja fast gezwungen, sich eine Meinung zu machen. Wenn ich mich dann für ein Thema entscheide, gehe ich von mir selbst aus. Gerade bei heiklen Themen hilft es, wenn man in sich hineinlauscht und sich fragt: Wie sind eigentlich meine Gefühle zum Beispiel gegenüber Frauen, gegenüber Homosexuellen? Das, was man selbst denkt und fühlt, ist in der Regel ein gutes Abbild der Gesellschaft. Ich bin ja Teil dieser Gesellschaft. Und deshalb ist es wahrer und echter, wenn ich von mir selbst ausgehe. Wenn ich zugebe, dass ich zum Beispiel beim Thema Rassismus gewisse Stereotype reproduziere, bringt das erstens mir mehr, und zweitens erkennen sich wahrscheinlich die Leute auch eher darin wieder.

Wie unterscheiden sich Ihre Auftritte je nachdem, welchen Kanal Sie wählen, also auf Facebook ein Video posten oder auf die Bühne gehen?

Live ist immer besser und wird auch immer besser bleiben. Ich mache mir da keine Sorgen. Jeder, der Liveauftritte erlebt hat, weiss, dass das ein Bonusprogramm ist. Wenn man ein Video macht, bekommt man ein Herz, wenns gut war. Das ist eher eine distanzierte Rückmeldung. Das Schönste ist für mich ein Stirnrunzeln in der ersten Reihe. Wenn über Liveauftritte geredet wird, geht es meist ums Lachen und um den Applaus. Das ist meiner Meinung nach zu kurz gefasst. Applaus und Lachen ist von den Likes auf Facebook nicht so weit weg. Die Reaktionen auf das, was ich sage, in den Gesichtern im Saal zu sehen – und ich lasse immer extra etwas Licht im Saal an –, ist wunderbar. Wenn man jemandem ansieht, dass er sich jetzt denkt: «Oh fuck, stimmt», dann ist das ein extrem intimer Moment. Das bekommt man nicht ansatzweise mit einem digitalen Auftritt.

Manchmal bleibt einem bei Ihren Auftritten das Lachen im Hals stecken, wenn Sie Dinge sagen wie «Sozialschmarotzer», «Sozialhilfe ist einfach geiler». Wird die Ironie immer verstanden?

Es gibt schon Raum für Missverständnisse, wenn man mit Satire arbeitet. Ich hatte bisher Glück und wenig negative Rückmeldungen. Aber ich habe mir die Frage natürlich auch gestellt. Und manchmal scheinen die Leute wirklich erst zu erstarren, bevor sie lachen. Käme diese Reaktion nicht, hätte ich es wohl nicht so gut gemacht.

Sie haben zuerst Germanistik und Geschichte studiert, mit dem Ziel, Lehrer zu werden, bevor Sie das

(Lacht...) Ja, das erwartet man doch von einem Künstler, dass er sein Studium abgebrochen hat. Schliesslich hat es sich einfach so entwickelt, dass die Kunst als Arbeit und Gelderwerb das Studium überholte und seither in Führung geblieben ist. Was in Zukunft passieren wird, weiss ich nicht, und ich denke auch nicht darüber nach.

Was sind Ihre Pläne, oder verzichten Sie wegen Corona darauf, Pläne zu machen?

Corona zwingt mich, verschiedene Optionen zu planen, was eigentlich gar nicht meine Art wäre. Geplant war, dass ich dieses Jahr für das Schweizer Fernsehen die zweite Staffel «Tabu» produzieren würde. Die Arbeiten sollten Anfang März beginnen. Das ist sehr bald, und ich bin sehr skeptisch, ob es sinnvoll ist, das Projekt unter den gegebenen Sicherheitsmassnahmen zu realisieren. Es braucht die Nähe und Vertrautheit, und das ist auf diese Art schwierig zu erreichen. Wenn «Tabu» nicht zustande kommt, dann finde ich vielleicht mit dem SRF eine andere Lösung – oder ich mache selbst Auftritte über Zoom. Das sind die Möglichkeiten, aber die Lage ändert sich ja fast täglich, so muss man eben kurzfristig reagieren.   

Das Gespräch führte:

Ingrid Hess
Redaktionsleitung

Satiriker Renato Kaiser

Seit 2005 steht der heute 35-jährige Renato Kaiser auf der Bühne. Mit Auftritten in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde der St. Galler innert weniger Jahre zu einem der bekanntesten Exponenten der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene und 2012 in Winterthur Poetry-Slam-Schweizer-Meister. Nicht erst seit der Coronakrise sprudeln Kaisers satirische Videokommentare zu Politik, Gesellschaft und Kultur als «Kaiservideos» aus diversen Social-Media-Kanälen. Im Herbst 2019 moderierte er bei SRF 1 die Fernsehsendung «Tabu». Im Rahmen der Sendung verbrachte Kaiser pro Episode vier Tage mit vier Menschen, die zu einer Randgruppe zählen oder als Minderheit wahrgenommen werden. Diese Erlebnisse verarbeitet er in einem kurzen Stand-up-Bühnenprogramm.  Kaiser ist Preisträger des Salzburger Stiers 2020, des renommiertesten Kleinkunstpreises im deutschen Sprachraum.