Anders als beim Sportverein dürfen alle kommen und gehen, wie sie wollen. 
Reportage

Begegnungsort Sporthalle

06.03.2022
1/21
  • Reportage

Die Stiftung IdéeSport öffnet seit 1999 schweizweit Räume für Bewegung und Begegnung für Kinder und Jugendliche. Sie setzt sich für Chancengleichheit, Gesundheitsförderung und Partizipation ein.

Samstagabend kurz vor 19 Uhr, es ist eisig kalt, niemand scheint draussen unterwegs zu sein. In der Turnhalle brennt Licht, am Boden liegt eine riesige blau-rote Hülle. Mädels und Jungs in blauen T-Shirts, angeschrieben in grossen weissen Buchstaben mit «Coach» zerren und ziehen daran, damit die riesige, lärmige Pumpe der Hülle Form einhauchen kann. Aus den Boxen dröhnt ein Lied der Studio Killers in ohrenbetäubender Lautstärke. Im Gang vor der Halle gibt der 37-jährige Marco Maurer den Coaches letzte Anweisungen zum Verkauf von Getränken und Süssigkeiten und wie das iPad zur Registrierung für das Corona-Tracing benutzt werden muss. Heute ist wieder «MidnightSports» angesagt, ein Programm für 13- bis 17-jährige Jugendliche der Oberstufe.

Seit rund 21 Jahren engagiert sich die Stiftung «IdéeSport» im Bereich der Kinder- und Jugendförderung und öffnet im Winterhalbjahr schweizweit Sporthallen, um Kindern, Jugendlichen und Familien am Wochenende Raum für Bewegung, Begegnung und Sport zu bieten. So auch seit Neuestem in Oberdiessbach, einer mittelgrossen Gemeinde am Anfang des Emmentals. Marco – beruflich Leiter eines grossen Lebensmittelmarktes und selbst Vater von drei Mädels – betreut «MidnightSports», muss nicht lange überlegen, warum er nach einem anstrengenden Arbeitstag seinen Feierabend hier verbringt: «Ich engagiere mich schon lange für Jugendliche und Bewegung, habe über 30 Skilager organisiert, war im Turnverein und habe über 20 Jahre eine Jugendriege geleitet. Für mich ist das Entspannung.» Ihm gefalle das Ungezwungene, alle dürfen kommen und gehen, wie sie wollen, es sei viel lockerer. «Im Gegensatz zum Turnverein bereiten wir nichts vor, da wir nie wissen, wie viele kommen werden, es können 4, aber auch 30 sein.»

Integration und Bewegung

Sozioökonomisch benachteiligte Familien haben oft keine Möglichkeiten, ihren Kindern ein sportliches Angebot zu finanzieren. IdéeSport bietet daher verschiedene niederschwellige Programme an. Mit «MiniMove» profitieren an Sonntagnachmittagen zum Beispiel Zwei- bis Fünfjährige und ihre Eltern von einem weiteren kostenlosen Bewegungsprogramm. Damit zielt IdéeSport auf die Gesundheitsförderung, die Bewegungsförderung und Stärkung der Ressourcen von Kindern und indirekt auch deren Eltern ab, leistet so einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit und fördert die soziale Integration der Familien in den Quartieren oder Gemeinden. Im letzten Winterhalbjahr begegneten sich 105 verschiedene Nationen an 190 Veranstaltungen in der ganzen Schweiz. Sind die Kinder in der Primarstufe, haben sie die Möglichkeit, sich im «OpenSunday» auszutoben, was ebenfalls regelmässig an Sonntagnachmittagen im Winterhalbjahr stattfindet. Das fördert die Bewegungsfreude und die Gesundheit der Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Die Kinder haben viele Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, die ihre Sozial- und Selbstkompetenzen stärken. Seit dieser Saison ist «OpenSunday» auch Kindern mit einer Beeinträchtigung zugänglich.

Das heutige «MidnightSports» ist eigentlich von 20 bis 22 Uhr offen. Bereits um 19.10 Uhr strömen jedoch 16 Jugendliche in die Halle und freuen sich riesig über die mittlerweile fertig aufgepumpte Pumptrack. Rasch ziehen zwei Jungen aus dem Geräteraum noch ein Trampolin hervor, alle reihen sich dahinter auf, und los geht es mit Springen. Die Coaches stellen sicher, dass genügend Abstand zwischen den Akrobaten bleibt, damit sich niemand verletzt. Die Sprünge werden immer dreister, höher und weiter, auch der Lärmpegel in der Halle steigt weiter. Einigen Mädels wird es zu wild, sie verziehen sich in die untere Halle zum Basketballspielen. «Toll an dem Programm finde ich, wie alle hier mitmachen», erklärt Marco. «Anfangs kannte ich niemanden, ich wusste überhaupt nicht wie die ticken, wie die Jugendlichen so drauf sind.» In der Regel kommen um 19 Uhr alle auf einmal und gehen auch alle gemeinsam um 22 Uhr wieder nach Hause. Er wisse von anderen Projekten, wo die Kids zu unterschiedlichen Zeiten kommen und gehen, «hier nicht, die können drei Stunden ohne Pause am Stück Fussballspielen, es ist unglaublich». Auch die anfängliche Skepsis der Hausmeister sei mittlerweile unbegründet, alle sind entspannt.

Klassischerweise geht die Stiftung auf die Gemeinden zu und stellt ihr Angebot vor. «In Oberdiessbach forderte jedoch eine Jugendliche die Gemeinde auf, mehr Engagement in der Jugendförderung zu zeigen», erinnert sich Reto Mayer, Geschäftsführer von IdéeSport. «Sie begründete ihre Forderung sogar mit einer Umfrage.» Der Gemeinderat griff die Idee schliesslich auf, und die Zusammenarbeit kam zustande. «Bei der Rekrutierung der Coaches arbeiten wir oft mit der Schulsozialarbeit zusammen, um eine Heterogenität betreffend Geschlecht und sozialen Hintergrund schaffen zu können.» So ist jedes Projekt auf die entsprechende Gemeinde zugeschnitten. Üblicherweise wird das Projekt ein Jahr als Pilot geführt, bevor entschieden wird, ob sich daraus eine längerfristige Zusammenarbeit ergibt. Die Gemeinden tragen dabei 60 bis 80 Prozent der Kosten, das Delta wird aus kantonaler Anschubfinanzierung, Fonds und Geldern von Förderstiftungen finanziert. Alle 99 Projekte von «MidnightSports» in der Schweiz sind niederschwellig, kostenlos und finden am gleichen Tag zur gleichen Zeit statt. Ziel ist es, solche Angebote langfristig zu verankern. «Es gibt Gemeinden, die bereits seit zwölf Jahren dabei sind», präzisiert Reto Mayer.

Projekte von Jugendlichen für Kinder und Jugendliche

Die Mitarbeit und Förderung der Jugendlichen ist ein zentrales Element aller Programme von IdéeSport. Dabei möchte die Stiftung explizit auch Jugendlichen mit tiefen Bildungschancen neue Möglichkeiten bieten. Mit dem «CoachProgramm» werden Jugendliche zwischen 13 und 25 Jahren an die Arbeitswelt herangeführt. Sie lernen, wichtige Sozial-, Sach- und Selbstkompetenzen sowie die Aktivitäten in den Sporthallen zu organisieren und einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Vor Ort übernehmen die Coaches Vorbildfunktionen, indem sie andere Kinder und Jugendliche motivieren, sich einzubringen. Bei jeder Veranstaltung sind jeweils fünf Junior-Coaches in der Halle. Anna-Lena geht in Oberdiessbach in die siebte Klasse und ist an diesem Abend im blauen T-Shirt im Einsatz. Es sei cool, mit Gleichaltrigen und anderen Sport zu machen. Wenn den anderen Ideen ausgehen, könne sie Vorschläge bringen. «Ich möchte gerne Jungscharleiterin werden, was aber erst nach Abschluss der neunten Klasse möglich ist. Als Coach kann ich hierfür schon jetzt wertvolle Erfahrungen sammeln», meint sie. Als Coach erhält sie nicht nur 20 Franken pro Einsatz, sondern auch ein Kursdiplom sowie ein Arbeitszeugnis von IdéeSport.

Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Sozialpartnern kann IdéeSport ihr Angebot vermitteln und so ihre Zielgruppe besser erreichen. In der Saison 2019/2020 hatten 66 Prozent der Coaches einen Migrationshintergrund. Die Stiftung schätzt es sehr, wenn die lokalen Partner die teils in über zehn Sprachen übersetzten Angebotsflyer ihren Klientinnen und Klienten abgeben. Reto Mayer erzählt, dass zum Beispiel Fachpersonen Familien zu den Veranstaltungen begleiten, weil die Hürde, selbst zu kommen sonst zu gross wäre. 

Um 22 Uhr ist Schluss in Oberdiessbach. Die Luft aus der Pumptrack zu kriegen, braucht mehr Zeit als angenommen. Nicht nur die Coaches, alle helfen mit und werfen sich lachend auf den dünner werdenden Rand. Nach weiteren 20 Minuten ist das Ding besiegt, die Luft ist raus und das Ungetüm wieder verpackt. Gemeinsam verlassen alle die Halle und gehen nach Hause. Nächsten Samstag ist ja schon wieder «MidnightSports»!

Von der Gründeridee zur heutigen Stiftung IdéeSport

Auf der Basis einer amerikanischen Idee gründete der Zürcher Robert Schmuki 1999 «MidnightBasketball», um lokal ebenfalls offene Sporttreffpunkte für Jugendliche zu schaffen. Bei der ersten Veranstaltung kamen statt der erwarteten 20 Teilnehmenden deren 140. Aus der Idee wurde erst ein Verein, der öfter den Namen wechselte, bis er zur heutigen Stiftung IdéeSport reifte. Seit 2015 ist die Stiftung mit Standorten in Olten (SO), Lausanne (VD) und Lamone (TI) in den drei Sprachregionen vertreten. Jährlich werden 180 Projekte in rund 127 Gemeinden der Schweiz angeboten. IdéeSport beschäftigt 50 Festangestellte (35 Vollzeitstellen), die konzeptionell arbeiten und die Projekte in den Gemeinden konzipieren. Diese werden von 300 Freischaffenden unterstützt, welche die Projekte an den Wochenenden in den Hallen umsetzen. Geprägt werden die Projekte von 2500 Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die sogenannten Coaches, von denen 2100 noch nicht 18-jährig sind, sorgen für den reibungslosen Ablauf in den Hallen.

Zweck der Stiftung ist es, Menschen unterschiedlichster Herkunft Raum und Möglichkeiten für Bewegung und Begegnung zu ermöglichen. Früher waren die Projekte auf 12- bis 20-Jährige ausgerichtet, heute erstreckt sich das Spektrum von 2 bis 25 Jahren, inklusive der Eltern und Bezugspersonen der Jüngsten. Die Stiftung ist sehr interessiert, auch Angebote für weitere Zielgruppen zu schaffen. Wichtig ist der Stiftung dabei der Peer-to-Peer-Ansatz, das heisst von Gleichen für Gleiche. Interessierte wenden sich an Reto Mayer, Geschäftsführer von IdéeSport (reto.mayer@ideesport.ch). Weitere Informationen: www.ideesport.ch.

Iris Meyer 
Redaktorin