Kommentar

Lassen wir die Jungen nicht im Stich!

08.03.2021
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Mit deutlichen Voten lässt sich derzeit die Zürcher Regierungspräsidentin und Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz Silvia Steiner vernehmen: «Wir haben im vergangenen Frühjahr gesehen, welche negativen Auswirkungen der Fernunterricht auf das Lernverhalten, den Lernerfolg und die Psyche unserer Schülerinnen und Schüler hat. Darum werden wir alles tun, um Schulschliessungen zu vermeiden», sagte sie vor den Präsidien der interkantonalen Konferenzen Mitte Januar. Auch ausserhalb der Schule haben Jugendliche zu kämpfen: Ein Teil von ihnen befindet sich momentan im Berufswahlverfahren. Sie sollten Schnuppertage absolvieren, können aber nicht. Damit wird es schwieriger für sie, eine geeignete Lehrstelle zu finden. Auch viele Junge in der Berufslehre hadern mit den Umständen. Denn in besonders betroffenen Branchen kann der betriebliche Teil der Ausbildung aufgrund der Pandemiesituation oft nicht aufrechterhalten werden, was zu Defiziten führt.

Mindestens so schwer wiegen die Auswirkungen von Corona auf die psychische Gesundheit der Jugendlichen: Die Anzahl der Notfallkonsultationen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Kantons Zürich ist in den letzten Monaten um 40 Prozent angestiegen. In anderen Städten der Schweiz sieht es genauso aus. Die erhöhte Verletzlichkeit von jüngeren Personen zeigt sich zudem in Studien, die das Büro BASS ausgewertet hat: Insbesondere die Einschränkungen der sozialen Kontakte scheinen die Jungen stärker zu treffen. Ähnliches beobachten die kantonalen Fachverantwortlichen der Kinder- und Jugendpolitik, die sich sorgen, weil sie aufgrund der eingeschränkten offenen Jugendarbeit nur erschwerten Zugang zu gefährdeten Jugendlichen haben, aber spüren, dass es ihnen nicht gut geht.

Zurzeit stehen Härtefallregelungen, Finanzspritzen für Unternehmen und Selbstständige sowie Massnahmen der Arbeitslosenversicherung für Angestellte im Vordergrund der politischen Diskussionen. Das ist nachvollziehbar. Doch die Jugend darf nicht vergessen gehen. Schon vor Corona bemerkten einige Sozialdienste – beispielsweise Basel Stadt – dass bei jugendlichen Sozialhilfebezügern die Themen soziale Isolation sowie Spiel- und Mediensucht in den letzten Jahren deutlich an Brisanz gewonnen hatten. Verheerend wirken sich vor allem vorzeitige Abbrüche der Berufsbildung aus: Etliche dieser Jugendlichen finden lange nicht mehr Tritt, wie eine Studie des BFS zeigt. Die Einschränkungen rund um die Pandemie bergen jedoch genau dieses Risiko: dass Jugendliche mangels Motivation, Unterstützung oder geeigneter Möglichkeiten aus dem System fallen. Was tun?

Die gute Nachricht ist, dass etliche Kantone und grössere Städte bereits vor Corona spezifische Unterstützung für Jugendliche aufgebaut haben: Systeme zur Früherkennung und Standortbestimmung, zugeschnittene Coachings und ein Case-Management mit koordinierter und zielgerichteter Begleitung. Während der Pandemie haben einige Berufsberatungszentren (BIZ) ihr Angebot noch ausgebaut, so beispielsweise im Kanton Bern. Das ist ein wichtiger Schritt.

Wir dürfen nicht zulassen, dass noch mehr junge Menschen keine Perspektive für sich erkennen und abtauchen. Denn die Konsequenzen sind hinlänglich bekannt. Jugendliche haben Anspruch darauf, eine geeignete Ausbildung beginnen und sie möglichst unbehelligt beenden zu können, auch in Coronazeiten. Wer dabei spezifische Unterstützung benötigt, ob beruflich oder im Sinne von psychologischer Hilfe, muss diese erhalten. Hierfür braucht es genügend Auffangeinrichtungen für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Problemen – heute besteht vielerorts noch ein Manko. Ebenso tragen Angebote der offenen Jugendarbeit dazu bei, dass Junge die schwere Coronazeit unbeschadet überstehen. Solche Angebote sind mehr denn je eine wichtige Investition in die Zukunft. Andernfalls könnten manche Jugendliche durch die Bekämpfung der Pandemie Kollateralschäden erleiden, die ihren Start ins Leben womöglich auf lange Sicht spürbar beeinträchtigen.

Gaby Szöllösy
Generalsekretärin SODK