Obdachlosigkeit in der Schweiz

Neue Gäste für Genfer Hotels

06.12.2021
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Der Kanton Genf hat letzten Winter ein innovatives Projekt ins Leben gerufen, um wohnungslosen Menschen eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Die Initiative sah vor, dass Hotels Obdachlosen Zimmer zur Verfügung stellen. Damit sollten sowohl Menschen in äusserst prekären Lebenslagen als auch die von der Corona-Krise stark betroffene Hotellerie konkret unterstützt werden. Bislang konnten 818 Personen davon profitieren.

Im Oktober 2020 erlebte die Covid-19-Pandemie ihre zweite Welle und zwang die Behörden, erneut einen Lockdown zu verhängen. Die Corona-Krise stellte die sozialen Notfalldienste vor riesige Herausforderungen. Die Situation von Menschen, die bereits vor Ausbruch der Pandemie gefährdet waren, drohte sich weiter zu verschlechtern. Im November legte der Genfer Staatsrat dem Grossen Rat deshalb einen Gesetzesentwurf vor, der 1,4 Millionen Franken zur Verfügung stellte, um Obdachlosen während der Winterzeit eine Unterkunft zu gewähren.

Seit mehreren Jahren ist «Collectif d’associations pour l’urgence sociale, CausE» (Kollektiv der Vereine für soziale Notlagen) einer der wichtigsten Akteure auf dem Gebiet der Obdachlosigkeit in Genf. Die Genfer Regierung war fest davon überzeugt, dass das Kollektiv CausE die am besten geeignete Organisation war, diese neuartige Lösung umzusetzen. Da das Projekt in der Schweiz einmalig war, hiess das, bei null anzufangen. «Die neuen Schutzmassnahmen wurden zwar für Anfang November 2020 angekündigt, es war jedoch unerlässlich, vor dem Einsetzen der Kälte zu handeln», erklärt Thierry Apothéloz, zuständiger Staatsrat des Genfer Departements für sozialen Zusammenhalt. Nach Ansicht des Staatsrats zeigte das Beispiel des ersten, im Frühjahr 2020 beschlossenen Lockdowns, dass die Schutzmassnahmen starke Auswirkungen sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die von den wirtschaftlichen Veränderungen stark betroffenen Personen haben.

Unterkunft, Verpflegung und soziale Unterstützung

Die Unterbringung von Wohnungslosen in Hotels war eine Premiere für alle, auch für die zur Teilnahme am Projekt eingeladenen Hotelbetriebe. CausE gelang es jedoch rasch, das Interesse zahlreicher Hotels zu wecken, obdachlose Menschen aufzunehmen. Für die Genfer Regierung war dies der zentrale Pluspunkt dieser Massnahme. Denn diese Lösung trug auch dazu bei, dem Genfer Hotelgewerbe, das besonders unter der Gesundheitskrise litt, finanziell zu unterstützen. In Genf erlitt die Branche im Jahr 2020 einen Umsatzverlust von bis zu 90 Prozent. Notunterkünfte fallen in Genf traditionell in die Zuständigkeit der Gemeinden und werden seit vielen Jahren von der Stadt Genf bereitgestellt. «Doch eine aussergewöhnliche Lage erfordert eine aussergewöhnliche Reaktion», sagte Staatsrat Thierry Apothéloz.

Von Dezember 2020 bis Mai 2021 wurden 541 wohnungslose Personen in Hotels untergebracht. Auch 30 Familien profitierten von diesem Service, der auch die täglichen Mahlzeiten beinhaltete. Das tägliche Management übernahm CausE direkt vor Ort. Das System funktioniert, und die an diesem Projekt beteiligten Akteure waren mit den Ergebnissen zufrieden. Gleichzeitig blieb die gesundheitliche und damit auch die wirtschaftliche und soziale Lage angespannt. So sehr, dass das Konzept für Juni bis Oktober dieses Jahres erneuert wurde, dank einem neuen Kredit von 1,4 Millionen Franken, der vom Staatsrat beantragt und vom Kantonsparlament verabschiedet wurde.

Das Projekt funktionierte auch deshalb so gut, weil es von Anfang an eine 24-stündige sozialpädagogische Unterstützung vorsah, die die notwendige individuelle Betreuung der betroffenen Bevölkerungsgruppe gewährleistete. Dies war auch deshalb wichtig, da sich, wie allgemein bekannt ist, die psychische Gesundheit unter den Auswirkungen der Krise nachweislich häufig verschlechtert. Durch diese mit privaten Mitteln ermöglichte Begleitung (die öffentlichen Gelder finanzieren die Übernachtungen) waren die Betroffenen häufig in der Lage, wieder Arbeit und/oder eine Wohnung zu suchen.

«Die soziale Unterstützung, die wir anbieten, ist sehr wichtig», betont Aude Bumbacher, Geschäftsleiterin von CausE. Zum ersten Mal profitieren alle der von CausE aufgenommenen Obdachlosen von einer individuellen Betreuung, um aus der Armutsspirale auszubrechen. Bis heute haben fast 20 Prozent der «Hotelgäste» nach dem dreimonatigen Aufenthalt eine feste Wohnung gefunden.

Ein klarer rechtlicher Rahmen

Und nun? Wenn das Projekt fortgesetzt werden soll, müssten nun die Kommunen die Finanzierung sicherstellen. Im September hat der Kanton Genf das erste Gesetz seiner Geschichte über die Obdachlosenhilfe (Lapsa) verabschiedet. Er sendet damit ein starkes Signal für die Würde der betroffenen Menschen aus und klärt nun die rechtlichen Kompetenzen zwischen Kanton und Gemeinden. Letztere sind künftig ausschliesslich für die Notunterkünfte und die soziale Erstorientierung zuständig, während der Kanton weiterhin die Betreuung der untergebrachten Menschen und die mobile ambulante Sprechstunde übernimmt.

Als Initiator des verabschiedeten Gesetzesentwurfs freut sich Thierry Apothéloz über die Aufnahme des Themas Obdachlosigkeit in das Genfer Gesetz: «Das neue Gesetz verleiht Obdachlosen eindeutige Rechte und erkennt damit ihre Existenz an.»

Henri Della Casa
Département de la cohésion sociale Kanton Genf