«Wir möchten einen Raum anbieten, in dem Menschen andere Menschen treffen können, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.», sagt die Präsidentin und Mitbegründerin von «Association Sociale POUR Neuch» Caroline Pillonel.

Von der Sozialhilfe unterstützte Personen gründen eine  Organisation

06.03.2022
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  • Aus der Praxis

Im Kanton Neuenburg haben Sozialhilfeempfänger eine Intressengemeinschaft gegründet. Die Organisation hat primär zwei Aufgaben: Sie soll ein Ort des Austauschs für Menschen sein, die mit prekären Lebensumständen konfrontiert sind, und deren Rechte verteidigen. Ein Treffen mit Carolina Pillonel, der Präsidentin der «Association Sociale POUR Neuch».

ZESO: Die Organisation POUR Neuch wurde offiziell am 15. Dezember 2021 ins Leben gerufen. Mit diesem Tag endete eine lange Zeit der Vorbereitung, die Sie massgeblich vorangetrieben haben. Wie sind Sie vorgegangen?

Carolina Pillonel: Ich bin ausgebildete kaufmännische Angestellte. Während meines Berufslebens hatte ich verschiedene Jobs - in meinem Bereich, aber auch im Verkauf oder im Service. Ich war auch öfter arbeitslos, schaffte es aber immer, wieder eine Stelle zu finden. Wie viele andere Menschen auch, hatte ich extreme Angst davor, in die Sozialhilfe abzurutschen. Etwa 2012-2013 war ich in der Einkaufsabteilung eines grossen Unternehmens angestellt. Leider beschloss das Unternehmen sehr schnell, Geld zu sparen, und als eine der letzten Neuzugänge war ich auch eine der ersten, die gehen mussten. Ich wurde arbeitslos. Die Zeit verging aber ich fand keine neue Anstellung. Schliesslich wurde ich in eine Massnahme eingeteilt. Das war sehr schwierig für mich, da ich zu einer stumpfsinnigen und sich wiederholenden Arbeit gezwungen wurde, die mir nichts brachte und keinen Mehrwert für meinen Lebenslauf darstellte. Ich war mir dessen noch nicht bewusst, aber ich glaube, dass es mich schrecklich ängstigte, das Ende der Arbeitslosigkeit und die Ankunft der Sozialhilfe näher rücken zu sehen.

Mein erster Termin beim Sozialdienst war extrem schwierig für mich, aber ich hatte Glück: Mein Sozialarbeiter war ein Humanist und hörte mir zu. Sehr schnell wurde ich im Rahmen eines Integrationsprogramms an die Association neuchâteloise pour la Défense des Chômeurs (ADCN) vermittelt. Da herrschte eine Arbeitsatmosphäre, die mir zusagte. Nach und nach engagierte ich mich enorm für diesen Verein und nahm mir die Zeit, über mich nachzudenken. Mir wurde klar, dass ich meinen Beruf nicht liebte und dies einer der Gründe war, warum ich beruflich nicht stabil war. Dadurch konnte ich einen Kindheitstraum wieder aufleben lassen, indem ich eine neue Ausbildung zur Sozialpädagogin begann.

Wie kamen Sie dazu, sich an der Gründung der ASPN zu beteiligen?

Ich nahm zusammen mit anderen Sozialhilfeempfängern an einem partizipativen Pilotprojekt von Artias teil. Diese Erfahrung war reich an Begegnungen. Einige Berichte von Betroffenen waren sehr hart und beschäftigten mich sehr. Doch nach und nach stellten wir gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern fest, dass wir alle über eine ausserordentliche Menge an Kompetenzen verfügten. So entstand die Idee, einen eigenen Verein zu gründen. Der erste Verein - "Construire demain" - entstand im Kanton Jura, danach beschlossen wir, etwas ähnliches in Neuchâtel zu machen.

Zudem wollte ich schon immer etwas aufbauen, das von der Basis ausgeht und so egalitär wie möglich ist. Es ist nicht so einfach, das in die Tat umzusetzen. Es ist kompliziert, Menschen, die schon so lange aus dem sozio-professionellen Leben ausgeschieden sind, zur aktiven Teilnahme zu bewegen, auch wenn der Wunsch da ist und das Projekt für sie wichtig ist. Das kostet viel Energie, aber wir haben an diesem Kurs festgehalten. Trotz der Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Covid haben wir uns die Zeit genommen, uns zu treffen und Ziele zu definieren. Die Ausarbeitung der Satzung war langwierig und mühsam. Manchmal trafen wir uns abends bis 22.30 Uhr mitten in der Woche. Das stärkte unsere Verbindung und sorgte dafür, dass jede Person gehört und beachtet wurde. Nach und nach wurde uns allen bewusst, dass wir viel zu bieten hatten. Als wir Ende 2021 unsere Gründungsversammlung abhalten konnten, war die Freude über das Resultat spürbar.

Was sind die Ziele des Vereins?

Zunächst einmal sind uns die Buchstaben POUR wichtig, die in unserem Namen vorkommen und unsere Werte zusammenfassen: Teilen, Öffnen, Verbinden und Zusammenführen. Wir wissen, dass unsere Sozialarbeiter oft nur sehr wenig Zeit für uns haben. Wir haben uns gesagt: Wir haben kein Geld, aber Zeit, die haben wir! Daher möchten wir einen Raum anbieten, in dem Menschen andere Menschen treffen können, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Es wird leichter sein, sich auszudrücken als beim Sozialdienst, weil wir alle auf der gleichen Ebene sind und es keine Machtverhältnisse zwischen uns gibt. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir uns entschieden haben, uns in einem neutralen Raum zu treffen und nicht in den Räumen eines GSR (Guichet social régional).

Was genau bewirkt es, sich mit Menschen auszutauschen, die ebenfalls mit prekären Lebensumständen konfrontiert sind?

Man fühlt sich viel freier. Man darf nicht vergessen, dass Sozialhilfebeziehende unter der Stigmatisierung und dem Urteil leiden, das die Gesellschaft über sie fällt. Man kann auf der sozialen Leiter nicht weiter nach unten fallen, das ist schwer zu ertragen. Manche denken, dass wir Sozialhilfe beziehen, weil wir nicht arbeiten wollen. Die Realität ist, dass die meisten Sozialhilfeempfänger sehr aktiv sind. Sie wollen sich beteiligen, je nach ihren Mitteln und Fähigkeiten im Moment. Jeder hat das Bedürfnis, etwas zu tun, sich nützlich zu fühlen und soziale Bindungen aufrechtzuerhalten. Aber es kommt in der Regel zu einer Selbstisolierung, die Leute verstecken sich, schämen sich schliesslich... Ich versuche, dagegen anzugehen! Indem ich über meine Erfahrungen spreche, ohne mich dafür zu schämen. Das ist wichtig, um seine Würde zu bewahren.

Welche Aktivitäten werden Sie organisieren?

Im Moment machen wir vor allem Werbung und werden eine erste Sprechstunde abhalten. Wir warten sehnsüchtig auf die Rückkehr des schönen Wetters, damit wir auch Veranstaltungen im Freien organisieren können, z. B. Teeverteilungen oder Mahlzeiten, um uns bekannt zu machen. Die Grundlage dessen, was wir tun, ist die Ko-Kreation. Wir schaffen einen Raum, in den die Menschen kommen können, um ihre Fragen zu stellen. Wenn man zum Sozialdienst kommt, ist man ängstlich, man gerät in Panik. Man hat einen Termin, muss Papiere abgeben, um zu beweisen, dass man nichts mehr hat. Niemand ist darauf vorbereitet. Man fühlt sich ist verloren, hilflos und nutzlos. Wenn sich Menschen, denen es so ergeht, an unsere Organisation wenden, werden sie diesen Schritt vielleicht besser erleben. Wir können ihnen die Dinge anders präsentieren, ihnen bestimmte Ratschläge oder Informationen geben, die sie aus Scham nicht wagten, ihren Sozialarbeiter zu fragen. Andererseits wollen wir auch als Kollektiv auftreten, um bestimmte Absurditäten, mit denen wir als Bürgerinnen und Bürger in der Sozialhilfe konfrontiert sind, anprangern zu können. Langfristig hoffen wir, eine Rechtsberatung anbieten zu können.

Wie positionieren Sie sich gegenüber den Sozialdiensten?

Als Experten für unsere Situation, als Sozialhilfeempfänger, haben wir Lösungen aus unserer Erfahrung anzubieten, sofern man uns hören will. Wenn es Diskussionen über Änderungen des Gesetzes oder der Praxis gibt, würden wir gerne konsultiert werden. Den Betroffenen das Wort zu geben, ist der einzige Weg, ihre Bedürfnisse zu verstehen. Wir möchten Partner sein, mit den Sozialdiensten zusammenarbeiten und mit ihnen kommunizieren. Bei dieser Gelegenheit möchte ich die Sozialarbeitenden dazu auffordern, ihren Klienten von uns zu erzählen, denn wir haben Zeit für sie, um ihnen die Erfahrung mit der Sozialhilfe ein wenig zu versüssen. 

Kontakt zur Association Sociale POUR Neuch : aspneuch@gmail.com

 

Das Gespräch führte Amanda Ioset
Generalsekretärin Artias