16 Prozent aller Familienhaushalte sind heute Einelternfamilien.
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Wenig Unterstützung für Familien: Es besteht erheblicher Nachholbedarf

06.06.2022
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Einelternfamilien, Patchworkfamilien – Familien sind heute weit vielfältiger als noch vor 50 Jahren. Damit einher gehen neue spezifische Armutsrisiken. Doch Familien in der Schweiz werden im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nur in bescheidenem Umfang mit Massnahmen der sozialen Sicherheit unterstützt. Eine solide Familienpolitik ist aber ein wichtiges Element einer präventiven Armutspolitik.

Im Zuge der Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen sind Familien vielfältiger geworden. Noch bis in die 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts wuchsen Kinder in der Regel in Haushalten mit verheirateten Eltern auf. Der Vater ging zur Arbeit, und die Mutter schaute zu den Kindern. Als Folge zunehmender Scheidungen, erweiterter Formen von Paarbeziehung, aber auch der veränderten Rollenteilung hat sich die Stabilität und Ausschliesslichkeit der traditionellen Familie grundlegend verändert. Gemäss dem letzten Familienbericht des Bundes machen Einelternfamilien heute 16 Prozent aller Familienhaushalte aus und stellen unter den neuen Familienformen die grösste Gruppe. Auch Konsensualpaare und Fortsetzungsfamilien sind mit je 7 Prozent weitverbreitet. Ebenso sind gleichgeschlechtliche Paare und Familien in Wohngemeinschaften auf dem Vormarsch. Familien in diesen neuen Formen sind aber einem besonderen Armutsrisiko ausgesetzt, weil sich die soziale Sicherheit nach wie vor am traditionellen Modell des «Male-Breadwinner» orientiert. Dieses Familienmodell ist allerdings längst nicht mehr die Regel.

In drei von vier Paarhaushalten (75 Prozent) mit jüngstem Kind unter 25 Jahren sind heute beide Elternteile erwerbstätig. Nach wie vor sind es aber die Mütter, die mehr Familienarbeit verrichten, während sich die Väter auf das Erwerbsleben konzentrieren. So arbeitet bei fast drei Vierteln (71,3 Prozent) der Paare mit Kindern der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit oder gar nicht. Das egalitäre Doppelversorgermodell, bei dem sich beide Elternteile zu ähnlichen Teilen dem Erwerbsleben widmen, ist weit seltener (15,3 Prozent). Bei fast 70 Prozent der Paarhaushalte mit Kind(ern) werden die Haushaltsarbeiten hauptsächlich von der Frau erledigt. Wenn Betreuungsaufgaben für Kinder anstehen, ziehen sich meistens die Frauen von der Erwerbstätigkeit zurück, was sich auf ihre späteren Erwerbschancen und damit auf ihr Armutsrisiko auswirken kann. So haben Einelternhaushalte und besonders alleinerziehende Mütter ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko.

Kinder benötigen Zeit und Geld

Familienarmut ist dabei grundsätzlich eng mit Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familienarbeit verknüpft, denn durch Kinder wird es an zwei Fronten eng. Zunächst kosten Kinder Geld. Es ist mehr Wohnraum nötig, es fallen mehr Krankenkassenprämien an, und es werden mehr Lebensmittel und andere Auslagen für das tägliche Leben benötigt. Gleichzeitig brauchen Kinder Zeit, weshalb der Spielraum abnimmt, einer Erwerbsmöglichkeit nachzugehen. Unter dem Strich führt die Familiengründung zu weniger Einkünften und höheren Auslagen. Es erstaunt deswegen nicht, wenn Familien und Kinder in einschlägigen Untersuchungen als besondere Risikogruppe identifiziert werden. Dabei sind besonders Familien mit Kleinkindern – das heisst solche mit einem hohen Betreuungsbedarf – einem überdurchschnittlichen Armutsrisiko ausgesetzt, wie das Caritas/BFH-Armutsmonitoring zeigt (vgl. Abbildung).

Auch aus der Sozialhilfeempfängerstatistik des Bundes geht hervor, dass Minderjährige mit 5,2 Prozent über alle Altersgruppen das höchste Sozialhilferisiko haben (Gesamtbevölkerung: 3,2 Prozent). Besonders häufig sind darunter Kinder mit nur einem Elternteil und Kinder aus Grossfamilien – also Haushaltskonstellationen, in denen die Vereinbarkeit von Betreuungs- und Erwerbsarbeit besonders schwierig ist. Auch die Armutsstatistik des Bundes verweist auf überdurchschnittliche Armutsrisiken von Einelternhaushalten und Familien mit vielen Kindern. Klassische Paarhaushalte mit Kind(ern) fallen darin allerdings nicht auf. Die BFH hat allerdings jüngst die Sozialstruktur der Haushalte in der Zone unmittelbar oberhalb der Armutsgrenze untersucht; in diesem Bereich befinden sich ausserordentlich viele Paarhaushalte mit Kindern. Das heisst, diese Familien gelten gerade nicht als arm, sie sind aber stark armutsgefährdet. Mit nur geringen Einkommensverminderungen oder unerwarteten Auslagen rutschen diese Haushalte unter die Armutsgrenze. 

Der lange Schatten der Familienarmut

Im Sinn einer nachhaltigen Sozialpolitik sollte dabei längst klar sein, dass die Bekämpfung von Familienarmut eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Die Folgen von Familienarmut sind zwar zunächst nur für die Betroffenen spürbar und werden individuell erfahren. Die Kinder von heute sind jedoch die Bürgerinnen und Bürger von morgen, und die Chancen, ein eigenständiges Leben führen zu können, sind stark durch das Umfeld des Elternhauses geprägt. So zeigen internationale und nationale Studien auf, dass sich eine prekäre finanzielle Lage der Familie negativ auf die Kinder auswirkt. Wenige finanzielle Mittel sind mit einer schlechteren Wohnlage, weniger Fördermöglichkeiten und einem erhöhten Risiko für häusliche Gewalt und innerfamiliäre Konflikte verbunden.

Jüngst zeigte eine Studie der BFH, dass sich eine Zunahme des finanziellen Stresses gar auf das Geburtsgewicht von Kindern auswirken kann: Die Forschenden haben dazu die Folgen der vierten Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes untersucht, die eine Kürzung der Bezugsdauer für einzelne Gruppen vorsah. Den betroffenen werdenden Müttern wurden nach dieser Revision rund 10 000 CHF weniger Taggeld zugesprochen. Die damit verbundene Zunahme des finanziellen Stresses wirkte sich negativ auf Geburtsgewicht und Körperlänge der Neugeborenen aus, was wiederum mit langfristig negativen Folgen für die Entwicklung der betreffenden Kinder assoziiert ist. Insgesamt sollte es heute selbstverständlich sein, dass allen Familien ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen müssten, um den Nachkömmlingen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Beschränkte Unterstützung der Familien in der Schweiz

Tatsächlich nahmen die Sozialausgaben für Familien und Kinder in den letzten beiden Jahrzehnten auch zu. Es besteht allerdings Nachholbedarf. Aufgrund des ausgeprägten Subsidiaritätsprinzips und des Föderalismus ist die Familienpolitik in der Schweiz nach wie vor schwach ausgebildet, und Familien werden zu grossen Teilen sich selbst überlassen. Dies zeigt sich im internationalen Vergleich der Gesamtrechnung der sozialen Sicherheit. Darin werden 10,5 Milliarden CHF Sozialausgaben für Familien und Kinder ausgewiesen. Dies entspricht 1,5 Prozent des BIP, womit die Schweiz deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 2,2 Prozent liegt. Familienarmut könnte besonders wirksam durch Familienergänzungsleistungen bekämpft werden, wie Berechnungen im Rahmen des Caritas/BFH-Armutsmonitorings zeigen. Familienergänzungsleistungen kennen heute allerdings lediglich vier Kantone.

Auch bei den Möglichkeiten der familienexternen Betreuung von Kindern besteht Nachholbedarf. Der Ausbau von Kitas durch die öffentliche Hand wurde in den letzten Jahren zwar stark gefördert, es bestehen aber grosse regionale Unterschiede. Zudem wird externe Kinderbetreuung von wohlhabenden Schichten weit häufiger und von Familien mit bescheidenen Einkünften deutlich weniger genutzt, wie eine Auswertung des Caritas/BFH-Armutsmonitorings zeigt. Es stellt sich also die Frage, wem der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze zugutekommt. Damit möglichst alle Bevölkerungsschichten davon profitieren, muss deren Zugänglichkeit sichergestellt sein. Dies wurde jüngst durch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) kritisiert. So sind die Kosten für externe Kinderbetreuung in der Schweiz im OECD-Vergleich überdurchschnittlich. Der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollte in der Armutsbekämpfung deswegen in Form von umfassenden und bezahlbaren Betreuungsstrukturen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Ins Gewicht fällt schliesslich auch die zunehmende Belastung der Familien durch die steigenden Krankenversicherungsprämien. Zwar werden die Prämien von einkommensschwachen Haushalten verbilligt. Seit 1997 haben sich die Prämien jedoch mehr als verdoppelt, während die Verbilligung der Prämien nur um 49 Prozent zugenommen hat. Deshalb hat die Prämienlast der gering Verdienenden sogar überdurchschnittlich zugenommen, und Familien werden zunehmend belastet. Betrug die Nettoprämie für eine Familie mit eher bescheidenem Einkommen (Haushaltseinkommen von 75 000 CHF) im Jahr 2000 noch 4 Prozent des Bruttolohns, so ist diese Belastung bis heute auf 14 Prozent angestiegen, wie der Verteilungsbericht des Gewerkschaftsbundes zeigt.

Dringender Handlungsbedarf

Eine Familienpolitik, die genügend finanzielle Ressourcen für Familien und Kinder sicherstellt sowie Rahmenbedingungen für eine gelingende Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet, ist ein entscheidendes Element einer präventiven Armutspolitik. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Es müsste das Ziel sein, dass möglichst alle Kinder in einem Umfeld oberhalb der Armutsgrenze aufwachsen. Ein optimaler Start ins Leben vermindert Armutsrisiken im Erwachsenenalter, was sowohl den Betroffenen als auch der Gesellschaft zugutekommt.

  Prof. Oliver Hümbelin und Prof. Robert Fluder
Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit