Menü
Logo Logo
  • DE
  • FR
  • Entretien 2
  • Im Gespräch 2
  • Ingrid Hess 2
  • 3/21 1
  • 4/21 1
Aktive Filter: Kategorie: Entretien Kategorie: Im Gespräch Alle Filter entfernen
Es wurden 2 Ergebnisse in 1 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 1 bis 2 von 2.
  • 1
Ergebnisse pro Seite:

«Soziales Engagement ist Teil unserer Kultur.»

Martin Volkart: Es war für uns, wie für die Gastroszene überhaupt, natürlich eine sehr schwierige Zeit. Die Genossenschaft war ein gesundes Unternehmen, doch Corona hat uns in einem Mass getroffen, das so nicht vorstellbar war. Aber wir sind froh, leben wir hier in diesem Land. Wir erhielten schnell Kredite und konnten damit die Liquidität sichern. Wir erhielten Kurzarbeitsentschädigung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und waren zum Glück gegen eine Pandemie versichert. Jetzt kommt noch die Härtefallentschädigung, sodass wir schliesslich einigermassen gut über die Runden kommen werden. Im vergangenen Sommer lief es zudem wirklich erfreulich gut. Es kamen erstaunlich viele Touristen, gerade aus der Westschweiz. Ja, das haben wir. Die Stadt kam von sich aus auf uns zu. Bei privaten Vermietern waren es intensive Verhandlungen, aber das ist ja normal, denn das sind Geschäftsbeziehungen. Ein Vorteil für uns war sicher, dass wir eine Genossenschaft sind und nicht shareholderorientiert. Nein, wir mussten niemanden entlassen. Dies war und ist immer unser oberstes Ziel, und ich bin froh, dass es uns tatsächlich gelungen ist. Die Ausbildung unserer 15 Lehrlinge war natürlich nicht ganz problemlos, da man nicht kochen und servieren konnte. Da mussten wir uns etwas überlegen. Unsere sieben Lehrlinge im Abschlussjahr haben ihre Prüfungen dennoch allesamt mit Bravour bestanden. Es hat uns alle aber sehr viel Energie gekostet. Ich denke, das Naturell von Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, ist sicher eher anpackend, offen, kontakt- und festfreudig. Gerade für die Jungen war es eine grosse Belastung, zu Hause eingesperrt zu sein und nichts tun zu können. Zudem scheint die Krise auch ein Moment für Veränderung zu sein. So sind wir davon überrascht worden, wie schwierig es aktuell ist, neue Mitarbeitende zu finden. Arbeiten am Abend und am Wochenende ist offenbar noch einmal unattraktiver geworden. Genossenschaften sind ein geniales Konstrukt. Der Vorteil ist vor allem, dass niemand hinter uns steht, der Gewinne sehen will. Nicht das Kapital herrscht, sondern die Genossenschaftler. Wenn von 400 Genossenschaftsmitgliedern eines das halbe Kapital eingebracht hat, hat er oder sie dennoch nur eine Stimme. Es ist damit eine sehr demokratische Unternehmensform. Es gibt keine Shareholder, denen Gewinn ausgeschüttet werden muss. Man kann Reserven äufnen, die Mitarbeitenden am Gewinn beteiligen oder auch die Betriebe laufend in Schuss halten. Ja. Viele Mitarbeiter sind auch Genossenschafter. Und 2018 erhielt jeder und jede 2000 Franken zusätzlich ausbezahlt, egal welche Funktion oder Aufgabe er oder sie innehatte. Aber es hängt von den Werten ab, die sich die Genossenschaft gibt. Es gibt Genossenschaften die keine gute Wertegrundlage haben und nicht gut funktionieren, und genauso gibt es Aktiengesellschaften die hohe Werte haben. Die Genossenschaft Baseltor hat sich hohe Werte gesetzt. Wir wollen gut zu unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schauen, sie sollen fachlich und menschlich wachsen können. Das gilt besonders für die Lehrlinge. Unsere Mitarbeiter bleiben deshalb überdurchschnittlich lange. Manche bleiben 20, 30 oder 40 Jahre lang bei uns. Die Genossenschaft wurde 1978 im selbst verwalteten, basisdemokratischen «Löwen» gegründet. Man diskutierte, argumentierte und stritt, tage- und nächtelang, heisst es in den Berichten. Was ist über 40 Jahre später aus der Utopie der Pionierzeit – kollektiv zusammenleben und arbeiten, die Gesellschaft durch Gastronomie und Kultur verändern – geworden? Passt zu den ursprünglichen Ideen ein stetig wachsendes Unternehmen? Es ist tatsächlich ein Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Es gab auch einige wenige Genossenschafter, die austraten, weil es die Kollektivbeiz, in die sie mal eingetreten waren, nicht mehr gab. Manche sagen, das Baseltor sei mittlerweile ein Konzern, der sich immer mehr einverleibe. Ich denke, man kann nicht 40 Jahre den Pioniergeist der Gründerzeit bewahren und ansonsten nichts tun, sich nicht weiter entwickeln. Man muss jedoch mit den der Genossenschaft zugrunde gelegten Werten mit Sorgfalt umgehen und darf die Grundwerte nicht verraten. Als wir vor über 20 Jahren beschlossen, das «Solheure» zu übernehmen, gab es heftigen Widerstand. Manche fürchteten, das gefährde das Mutterhaus. Im Nachhinein muss man sagen, dass dieser Entscheid und auch die weiteren richtig waren, denn ohne das Wachstum wäre das Unternehmen heute wohl mit grossen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Aber natürlich darf man auch eine andere Position haben und das falsch finden, was wir machen. Wir wollen hingegen probieren, zu zeigen, dass es möglich ist, mit einem KMU auch in einer schwierigen Branche erfolgreich zu sein und diese Werte gleichzeitig einzuhalten. Und auf die Art, wie wir es machen, können wir eine Ausstrahlung nach aussen haben. Wenn man hingegen nur in einer ganz kleinen Zelle aktiv ist, dann ist die Gefahr gross, dass man nur unter sich bleibt. Dann hätten diese Werte, für die wir stehen, keine Breitenwirkung. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht selbst die Gäste wegnehmen, uns sozusagen kannibalisieren. Wir waren bisher ja nicht diejenigen, die Projekte entwickelten und dann Lokale zum Kauf suchten. Es waren immer Opportunitäten von aussen, die wir prüften und wo wir uns überlegten, ob es zu uns passt. Wir hatten in diesem Sinn nie eine Wachstumsstrategie. Solothurn hat nur 17 000 Einwohner, und dennoch gibt es hier so viele gute Beizen. Das ist schon aussergewöhnlich. Wir werden unsere Strategie aber nächstes Jahr überprüfen und dabei auch die Frage der «guten Grösse» selbstkritisch und auch im Kontext von Covid-19 prüfen. Die Köche der Genossenschaft kochten im Turnus im April immer dienstags für die Gassenküche Adler. Profis kochten also für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Die Gerichte konnten bei der Gassenküche als Take-away abgeholt werden. Welche Rolle spielt das soziale Engagement in der Genossenschaft? Dass das soziale Engagement Teil unserer Kultur ist, ist selbstredend. Wir bilden Lehrlinge aus, und wir bieten pro Betrieb einer Person, die nicht die volle Leistung bringen kann, einen Arbeitsplatz. Immer wieder beschäftigen wir auch Flüchtlinge. Das funktioniert manchmal gut, manchmal auch nicht. Nicht alles läuft nur über Projekte. Es gibt da zum Beispiel einen älteren Mann, der musste ins Altersheim, aber dort gefällt es ihm nicht. Er kommt nun täglich mit dem Rollator in die «Couronne», die ja unser edelster Betrieb ist, und dort sitzt er oft lange, isst etwas, trinkt etwas. Manchmal zahlt er, manchmal wieder nicht. Das ist total schön. Alle lieben ihn und er uns. Dennoch: Wir arbeiten in einer anspruchsvollen Branche, in der man einfach schauen muss, wie man unternehmerisch gut über die Runden kommt, nicht nur in Krisenzeiten, aber dann ganz besonders. Und wir wollen in jedem Fall Entlassungen verhindern. Dennoch sollten wir uns sicher immer wieder fragen, was wir noch tun könnten. Das ist so. Im «Solheure» kann man immerhin für 14 Franken einen Hamburger essen, und man kann auch einfach nur ein Bier trinken. Auch im neuen «Viktor» gibt es preiswerte Kleinigkeiten. Wir versuchen, wie eine Familie zu sein, nach innen, aber auch nach aussen. Es gibt viele Gäste, die kommen seit 10, 20 oder sogar 30 Jahren. Ins «Solheure» kommen manche jeden Tag, es ist ihr Zuhause. Sie sind auch jetzt wieder da und freuen sich, dass wir wieder geöffnet haben. Besonders sind auch die Arbeitsbedingungen. Wir haben einen Minimallohn, der bei 4000 Franken im Monat liegt. Und das Verhältnis tiefster zu höchstem Lohn ist 1 zu 2,5. Ausserdem können unsere Mitarbeitenden inklusive Lehrlingen in allen Betrieben als Gäste zum halben Preis essen und trinken. Auch haben wir eine Parität zwischen Frauen und Männern im Vorstand, und in den Betriebsleitungen und im Kader liegt der Frauenanteil bei 60 Prozent. Dass die Bedingungen gut sind, sieht man auch daran, dass etwa 25 Mitarbeitende schon 10 Jahre im Unternehmen sind, die Hälfte davon seit über 20 Jahren. Am Anfang erhielten wir von vielen Künstlern Kunstwerke. Irgendwann waren die Räume vollgehängt bis zur Küche runter. Klar könnten wir in den Restaurants Ausstellungen organisieren, aber das ist aufwendig, und die Geschmäcke sind sehr unterschiedlich. Und da wir eine Genossenschaft sind, müsste es eine demokratische Geschmacksfindung geben, was ein vielleicht eher komplexes Unterfangen wäre. Es ist auch einfach beschränkt Energie vorhanden, um solche Projekte neben dem Alltäglichen zu realisieren. Ich denke, dass wir ein wertvoller Teil in Solothurn sind. Als Gastrobetrieb leisten wir einen Beitrag an eine lebenswerte Stadt. Das spürte man gerade jetzt durch diese Krise. Ich denke, dass die Werte der Genossenschaft viel mit der lokalen Verbindung mit dem Ort zu tun haben und deshalb wirklich etwas fehlen würde, wären die fünf Beizen und Restaurants der Genossenschaft Baseltor nicht da. Für die Zukunft geht es nach Covid-19 vorerst darum, eine gesunde Basis im Unternehmen zu garantieren. Mit den Herausforderungen rund um die Suche von guten Mitarbeitenden wollen wir uns als wirklich vorbildlicher Arbeitgeber weiter verbessern. Ich denke, es sind schliesslich meist nicht die grossen Würfe, die eine gute Gastronomie und Hotellerie ausmachen, sondern das tägliche engagierte Arbeiten mit viel Herz. Ingrid Hess

«Klimaschutz ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten»

ZESO: Sehr geehrter Herr Stocker, extreme Wetterereignisse haben in allen Regionen der Welt zugenommen, auch hier bei uns. Davon zeugten diesen Sommer die sintflutartigen Regenfälle wie auch die Waldbrände im Süden Europas. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass das eine Folge des Klimawandels ist, wie der sechste Bericht des Weltklimarates IPCC darlegt? THOMAS: STOCKER: Am 9. August 2021 kam der sechste Sachstandsbericht des IPCC heraus. Der erste Bericht des internationalen Forscherrats zum Klimawandel erschien 1990. Der Auftrag lautete damals, das Wissen über den Klimawandel zusammenzutragen und zu beschreiben, was er für die Zukunft bedeutet. Dieser Auftrag hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert. Geändert hat sich in den letzten drei Jahrzehnten hingegen das Klima. Es hat sich weiter erhitzt. Die Folgen der Klimaerwärmung – vermehrt auftretende Extremereignisse wie extreme Hitzeperioden und Niederschläge – wurden schon früh in den Berichten in Aussicht gestellt. Sie sind längst eingetreten. Da gibt es in der Wissenschaft keinen Zweifel mehr. Was wir im vergangenen Sommer erlebt haben, entspricht den Voraussagen der Forschung, was passiert, wenn man keinen Klimaschutz betreibt. Aufgrund neuer Forschungsergebnisse haben wir heute neu die Möglichkeit, zu erkennen, wie wahrscheinlich Extremereignisse wie beispielsweise die Hitzebrände in Nordamerika oder die Hitzewellen in Russland und anderen Gebieten ohne die Klimaerhitzung gewesen wären und welchen Beitrag der Mensch zur Verschärfung der Situation geleistet hat. Wir können heute klar sagen, dass die Klimaentwicklung der letzten 50 Jahre eindeutig auf die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und die dadurch ansteigende Konzentration von CO 2 in der Atmosphäre verursacht wird. Die Temperatur ist in der Schweiz bereits um 2 Grad angestiegen, im globalen Mittel um 1,1 Grad. Das hat damit zu tun, dass wir weiter vom Ozean entfernt sind als beispielsweise Frankreich oder Deutschland. Ausserdem liegt die Schweiz in der Alpenregion, die klare Jahreszeiten kennt. Da die Winter und damit die Schneebedeckung, die die Sonnenstrahlen reflektiert, jetzt später kommen und früher gehen, heizt sich diese Region schneller auf. Das gilt natürlich auch für andere Regionen nördlich des 60. Breitengrades, wo die Schneebedeckung und das Meereis ebenfalls bereits stark zurückgegangen sind. Sie erforschen die Zusammenhänge des Klimas seit vielen Jahren, waren 1998 bis 2015 im IPCC, dem wichtigsten internationalen Forscherrat, der die Grundlagen für die globale Klimapolitik schafft. Sie haben viele Preise und Auszeichnungen erhalten, wie kamen Sie zum Forschungsgegenstand Klimawandel? Ich studierte in Zürich ab 1980 Umweltphysik. Das war damals ein ganz neuer Studiengang. Die ETH wusste noch überhaupt nicht, was genau der Inhalt des Studiengangs sein würde. Das entwickelte sich erst im Laufe des Studiums. Dadurch hatten wir Studierenden bei der Wahl der Studienfächer eine grosse Freiheit. Als dann ein Professor, der in Kanada eine neue Forschungsgruppe aufbaute, die sich mit dem Klimawandel befasste, meinen Chef an der ETH besuchte, begann mich das Thema zu interessieren. Ja natürlich, das war doch bereits 15 Jahre, nachdem der Club of Rome gegründet worden war. In den 1970er-Jahren war das Umweltbewusstsein stärker als heute. Gewässerverschmutzung, Abfallentsorgung … das waren damals grosse Themen. Dennoch wuchs der Konsum infolge der Globalisierung seit Ende der 1990er-Jahre ungebremst und verschärfte diese Probleme weiter. Neben der Frage, wie die Treibhausgaskonzentration das Klima beeinflusst, ist auch die Frage ein grosses Thema, welche Auswirkungen der Klimawandel auf eine Region hat. Durch die Arbeit beim IPCC wurde schnell klar, dass es hier einen riesigen Informationsbedarf gibt. Das betrifft vor allem die verwundbarsten Regionen der Welt, also Regionen, die wie beispielsweise Bangladesch einerseits von der geografischen Lage her besonders exponiert sind und sich andererseits auch schlecht an den Klimawandel anpassen können, weil sie weder die Finanzen besitzen noch über die Technologien verfügen. Die Niederlande sind zwar auch stark exponiert, aber besser gerüstet, um sich vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen. Vor dem, was im 22. Jahrhundert noch auf sie zukommen wird, sind aber auch sie nicht gewappnet. Österreich und die Schweiz sind hier ganz anders aufgestellt. Es geht darum, die Wirkung von Klimaveränderung, Landnutzung und Biodiversität auf Mensch und Natur zu untersuchen. Dazu werden vier Hotspots auf der Erde untersucht. Wir wollen dazu die Menschen vor Ort in Kenia, Peru und Laos miteinbeziehen. Im Fokus stehen die Entwicklung des Klimas und der Wasserressourcen, die Biodiversität, die Landnutzung und die Lebensumstände der Menschen. Ziel ist, «nature conservation» nachhaltig zu gestalten und dabei «human well-being» zu verbessern. Was wissen wir über die sozialen Folgen des Klimawandels? Befürchtet wird oft, dass Klimaschutz teuer ist, und für Haushalte mit geringem Einkommen zu höheren Kosten führt. Die Sturzfluten und die massiven Überschwemmungen im vergangenen Sommer forderten in Deutschland fast 200 Tote und verursachten Schäden in Milliardenhöhe. Vermutlich sind auch solche Ereignisse nicht sozialgerecht? Leider wissen wir darüber noch nicht viel. Deshalb würde ich mir wünschen, dass sich die Sozialwissenschaften ähnlich wie die Klimawissenschaften organisieren würden, um die sozialen Folgen des Klimawandels zu erforschen. Vor 30 Jahren waren wir auch erst einzelne Forscher, die sich mit dem Klima befassten. Heute sind wir eine riesige weltweite Community, die in engem Kontakt ist und einen intensiven Austausch pflegt. Das sollte es auch in den Sozialwissenschaften geben. Auch im IPCC sind Sozialwissenschaftler, Biologen, Ökologen und sogar Philosophen dabei, aber nur eine Handvoll. Vor allem die Wirtschaftswissenschaft scheint sich erst jetzt langsam für das Thema zu interessieren. Das ist bedauerlich, denn die Lösung der Klima- und die Ressourcenproblematik braucht den Input der Wirtschaftswissenschaften dringend. Vor 31 Jahren wurde der erste IPCC-Bericht publiziert, und die Folgen der Klimaerwärmung sind inzwischen deutlich spürbar. Dennoch ziehen Politik und Gesellschaft aus den Erkenntnissen der Wissenschaft nach wie vor nicht die nötigen Konsequenzen. Statt einer CO2-Reduktion wird gemäss einem UNO-Bericht jetzt bis 2030 ein Anstieg der Treibhausgase um 16 Prozent erwartet. In der Schweiz ist das CO2-Gesetz, das kein radikaler Schritt gewesen wäre, letzten Juni an der Urne gescheitert. Ist das nicht frustrierend? Äusserst frustrierend, aber es ist auch einiges passiert. Das Pariser Klimaabkommen legt ja als Ziel fest, den Temperaturanstieg bis 2100 auf unter 2 Grad zu begrenzen. Es scheitert an der Implementierung der Länderziele. Das Problem ist, dass die Zeit nun wirklich drängt. Wir können nicht einfach sagen, wenn das CO 2 -Gesetz gescheitert ist, dann machen wir bis 2030 ein neues. Dann sind uns gewisse Möglichkeiten, etwas für den Klimaschutz zu tun, entglitten. Immerhin gibt es auch Hoffnungssignale: Der Kanton Glarus hat sich ein absolut zukunftsweisendes Energiegesetz gegeben, das den Einbau neuer Ölheizungen verbietet. Klimaschutz ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten. Klimaschutz wäre für die Wirtschaft eigentlich eine Chance. Die Schweiz rühmt sich, Innovationsstandort zu sein. Die Schweiz hat genügend Geld, um in Innovationen zu investieren. Und die brauchen wir. Zum Beispiel eine zu 99 Prozent recycelbare Batterie. Dafür gäbe es einen Weltmarkt. Doch wir sind drauf und dran, diese wirtschaftlichen Chancen zu vergeben. Bei allem Respekt für den Ideenreichtum, über den diese Leute verfügen … hier müssen sie mehr Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen. Flüge ins All sind sicher sinnvoll zur Erweiterung der Kenntnisse im Rahmen der Weltraumforschung. Als Freizeitvergnügen sind sie ein kompletter Unsinn. Es kommt vor, aber bei der CO 2 -Gesetzesrevision wurde die Wissenschaft jedenfalls nicht involviert. Ich sage nicht, dass das Abstimmungsergebnis anders ausgefallen wäre, aber im Vorfeld strategischer Entscheidungen, wie beispielsweise beim CO 2 -Gesetz, wäre ein Austausch über die üblichen politischen Interessenvertretungen hinaus sicher sinnvoll – natürlich nicht einen Monat vor der Abstimmung, sondern möglichst frühzeitig. Interessant ist, dass die Klimajugend immer auf die Wissenschaft Bezug genommen hat. Sie kannte die Ergebnisse und die Argumente der Wissenschaft sehr gut. Das tue ich mir nicht an. Viele meiner Kollegen twittern. Um möglichst viele Follower zu haben, muss man seine Follower ständig unterhalten. Das ist nichts für mich. Wir wollen das älteste Eis in der Antarktis finden. Dazu hoffen wir, einen Eisbohrkern zu bergen, der einen Rückblick auf mehr als 1,5 Millionen Jahre ermöglicht. Das ist ein grosses europäisches Projekt, «Beyond Epica – Oldest Ice», an dem die Schweiz führend beteiligt ist. Es geht darum, eine lückenlose Klimageschichte erzählen zu können. Vor 20 000 Jahren wären wir hier in Bern unter einer 400 Meter dicken Eisdecke. Alle etwa 100 000 Jahre gab es während der letzten 800 000 Jahre eine Eiszeit, davor ereigneten sich diese Eiszeiten zweieinhalbmal schneller, nämlich alle 40 000 Jahre. Wir wollen wissen, wie es zu diesem Wechsel kam. Wir sind überzeugt, dass die Treibhausgase dabei eine wichtige Rolle gespielt haben, aber wir wissen nicht, in welchen Konzentrationen. Diesen Schatz wollen wir heben. Wenn wir verstehen, wie sich die Dynamik der Veränderungen wie Meeresspiegelerhöhung den Treibhausgaskonzentrationen anpasst, können wir auch die Zukunft noch besser abschätzen. Ingrid Hess

  • 1
  • Kontakt
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Cookies
© SKOS
  • Suche
  • SKOS-Shop
  • Archiv
  • Kontakt
  • Impressum
Schliessen