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«Ich würde mir wünschen, dass die Erkenntnisse und die Instrumente noch mehr Verbreitung und Umsetzung erfahren.»

ZESO: Frau Wüthrich, vor zehn Jahren hat der Bund das Nationale Programm gegen Armut lanciert. Seit fünf Jahren gibt es zur Umsetzung der Ziele die Plattform zur Prävention und Bekämpfung von Armut. Sie hat eine Vielzahl von Studien und Veranstaltungen realisiert. Das zweite Fünfjahresprogramm wird nun abgeschlossen. Was hat es bisher gebracht? Astrid Wüthrich: Demnächst wird die Evaluation des Programms veröffentlicht. Sie zeigt, dass wir mit dem Programm im Vergleich zu den zur Verfügung gestellten Mitteln sehr viel erreicht haben. Unser Fokus war es, Grundlagen und Wissen zu ausgewählten Armutsthemen zu schaffen und darauf basierend Leitfäden für die Praxis zu erarbeiten. Die Praxisleitfäden werden offenbar sehr geschätzt. Wichtig war auch die Vernetzung der Akteure über die Plattform und die Begleitgruppen. Ich würde mir wünschen, dass die Erkenntnisse und die Instrumente noch mehr Verbreitung und Umsetzung erfahren. Wir haben zwar eine treue Anhängerschaft, aber wir hätten gerne mehr Kanäle, um breiter bekannt zu werden und zusammen mit den Kantonen an der Umsetzung zu arbeiten. Während der Corona-Pandemie bekam Armut plötzlich ein neues Gesicht via all die Menschen, die für Lebensmittel Schlange standen – ein ungewohntes Bild für die Schweiz. So wurde Armutsprävention ein wichtiges Thema – aus der Warte der Sozialhilfe war die Prävention hier erfolgreich. Was hat die Plattform dazu beigetragen? Zu Beginn war die Sorge – auch seitens der SKOS – gross, dass die Armut infolge der Ereignisse rasch ansteigen würde. Hier hat es sich die Plattform zur Aufgabe gemacht, Wissen zusammenzutragen, die mit dem Thema Armut befassten Stellen zusammenzubringen und herauszufinden, wo es Handlungsbedarf gab. Die Plattform hat bis 2022 dann auch ein Monitoring geführt zu Studien und Veröffentlichungen, die sich der Auswirkung der Pandemie auf die Armutssituation in der Schweiz widmeten. Dazu gibt es einen Synthesebericht. Wenn man die Studie liest, denkt man oft: «Ja, ist ja klar.» Sie trägt aber erstmals die verschiedenen Aspekte des Phänomens strukturiert und wissenschaftlich abgestützt zusammen. Wichtig scheint mir zum Beispiel, dass einzelne Gruppen, die besonders gefährdet sind, beschrieben wurden. Das sind – wenig überraschend – beispielsweise junge Mütter, die nicht nur eine Ausbildung und den Berufseinstieg meistern müssen, sondern zusätzlich durch die Mutterschaft mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Das ist ein Thema, bei dem es Handlungsbedarf gibt, auch wenn vereinzelt bereits gute Praxisbeispiele entstanden sind. Aber es gibt sie vor allem lokal. Angebote sind nicht breit implementiert. Intensiv hat sich die Plattform auch mit dem Thema Bildung/Grundkompetenzen und Armut befasst, was ja auch für die SKOS ein zentrales Thema ist. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, Betroffene ohne Bildung in den Lebenswelten zu erreichen und herauszufinden, warum sie sich nicht bilden. Was ist die Quintessenz? Bildung ist klar der wichtigste Türöffner für den Arbeitsmarkt. Dennoch gibt es Menschen, die keine Berufsausbildung machen. Gemäss einer unserer Studien, die unter Einbezug von Betroffenen verfasst wurde, gibt es unter den Sozialhilfebeziehenden ohne Ausbildung verschiedene Typen. Die einen sind an Bildungsangeboten interessiert und nehmen Angebote wahr. Andere, wie alleinerziehende junge Mütter, haben neben Teilzeitarbeit, familiären Verpflichtungen und dem Stress durch die Armutssituation keine Ressourcen dafür. Wieder andere sind nicht zu weiteren Bildungsmassnahmen bereit, weil sie einen Marathon hinter sich haben, um ihren Anspruch auf Sozialhilfe geltend zu machen. Sie haben dann das Gefühl, dass der Reigen an Forderungen an sie nie endet, um Sozialhilfe zu erhalten. Es ist daher wichtig, die Massnahmen an die Bedürfnisse dieser unterschiedlichen Gruppen anzupassen. Am Anfang stand die Untersuchung zur rechtlichen Situation von Armutsbetroffenen. Sie hatte gezeigt, dass es hier grosse Unterschiede in der Sozialhilfe gibt. Wie werden Betroffene beispielsweise darüber aufgeklärt, dass es sich bei einem Entscheid um eine Verfügung handelt, gegen die Beschwerde eingereicht werden kann? Wie lange sind die Beschwerdefristen? Ich fand es erstaunlich, dass diese Erkenntnisse, die wir an einer partizipativ organisierten Tagung vorgestellt hatten, bei den Akteuren nicht eine grössere Resonanz ausgelöst haben. Auch wenn die Verantwortung für die Sozialhilfe auf der Kantonsebene liegt, müsste man doch für möglichst gleiche Rahmenbedingungen einstehen. Es gibt bereits Städte, die reagiert haben und begannen bspw. eine Rechtsberatung zu finanzieren. Und es gibt auch an verschiedenen Orten private Initiativen. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass unsere Arbeit konkrete Wirkung zeigt. Nach der Tagung, an der auch Betroffene mitgewirkt haben, wollten wir die positiven Erfahrungen nutzen und haben beschlossen, den Schwerpunkt weiterzubearbeiten. Wir liessen eine ebenfalls partizipativ verfasste Studie durchführen, die Möglichkeiten aufzeigen sollte, wie man Armutsbetroffenen eine repräsentative Stimme geben kann. Wir haben uns für die nächste Etappe vorgenommen, konkrete Möglichkeiten hierfür vertieft zu prüfen. Wie eine solche Struktur aussehen könnte und wie sie in politische Prozesse involviert würde, wären zu prüfende Fragen. Wie möchte sich dieses Gremium verstanden wissen, wie möchte es arbeiten, sind weitere. Es sind noch viele Fragen offen. Die Studie zur Familienarmut läuft noch bis kommenden Herbst. Mit ihr werden wir das Fünfjahresprogramm abschliessen. Es wird in letzter Zeit viel über Kinder gesprochen, aber wir möchten die Frage nach der Familienarmut stellen, weil Kinder immer Teil eines Familiensystems sind, selbst wenn sie nicht in der Familie selbst leben. Es ist klar, dass wir uns auch mit der Situation von Kindern und mit den Auswirkungen von Armut auf sie beschäftigen werden. Neben dieser Form, über Familienarmut zu sprechen, könnten wir uns auch vorstellen, mögliche Varianten vertieft zu prüfen, wie Familien in prekären Situationen besser unterstützt werden können. Es gab Vorstösse im Parlament dazu, die aber keine Mehrheiten fanden. Das ist aus fachlicher Sicht schade. Die kantonalen Aktivitäten im Bereich der Sozial- und Armutsberichterstattung haben seit den 2000er-Jahren deutlich zugenommen. Mittlerweile haben 21 Kantone mindestens einmal einen Sozial- oder Armutsbericht oder eine anderweitige Sozialberichterstattung publiziert. Nun soll auch ein nationales Armutsmonitoring erstellt werden. Was kann es bringen? Wir sind vom Parlament beauftragt, alle fünf Jahre einen nationalen Bericht zu Armut zu veröffentlichen. Dieser soll einerseits eine Übersicht über die allgemeine Armutssituation der Bevölkerung in unterschiedlichen Lebensbereichen geben. Andererseits sollen Massnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Armut dargestellt werden. Dieses Armutsmonitoring wird also für Bund, Kantone und Gemeinden Steuerungswissen zur Verfügung stellen, um die Bekämpfung und Prävention stetig weiterzuentwickeln. Die Berichte in den Kantonen sind sehr unterschiedlich. Das hat mit unterschiedlichen Schwerpunkten, den verfügbaren Daten und mit weiteren Faktoren zu tun. Wir haben dies in einem Bericht, den wir auch veröffentlicht haben, analysiert. Damit wir Aussagen zur Situation der Menschen in der ganzen Schweiz machen können, sind wir auf nationale Statistiken und Datengrundlagen angewiesen, die das Bundesamt für Statistik erstellt, oder auch auf Daten aus den Sozialversicherungen. Ich würde mir wünschen, dass unser Bericht Politik und Bevölkerung für das Thema sensibilisiert. Armut in der reichen Schweiz ist nach wie vor teilweise ein Randthema. Zudem erhoffe ich mir, dass der Bericht einen Dialog zwischen den zuständigen Stellen auf den Ebenen Bund, Kantone und Gemeinden auslöst oder intensiviert. Armutsprävention und -bekämpfung findet in vielen Lebensbereichen der Menschen statt und ist darum eine Aufgabe, die in verschiedenen Politikfeldern angegangen werden muss. Das ist eine Diskussion, die wir auch mit anderen Bundesstellen führen. Unsere Mittel belaufen sich auf rund 250 000 Franken pro Jahr. Damit können wir nicht die Armutsquote senken, wir können aber Grundlagenwissen erarbeiten, Best Practice aufzeigen und die Akteure vernetzen. Wir sehen uns eher als Triebfeder, durch die Vernetzung, das Aufnehmen von Themen und das zur Verfügungstellen von Wissen geschehen kann. Das ist offen. Das Armutsmonitoring wird in jedem Fall durchgeführt, und es braucht daher eine Struktur, um über die gesammelten Daten zu sprechen. In jedem Fall ist Armutsprävention eine dauerhafte Aufgabe für den Bund, ganz unabhängig davon, ob es die Plattform weiterhin gibt. Wir haben wie gesagt mit wenig Mitteln viel erreicht. Wir wünschen uns, dass unsere Ergebnisse noch breiter zur Kenntnis genommen werden. Dazu möchten wir die Zusammenarbeit mit Kantonen und Gemeinden, aber auch Akteuren wie der SKOS stärken und vermehrt Themen gemeinsam bearbeiten. Wir würden zudem gerne Möglichkeiten suchen, wie armutsbetroffene Menschen in politischen Prozessen vermehrt eine Stimme finden. Partizipation war bereits in der zu Ende gehenden Phase ein wichtiges Thema, und wir haben verschiedene Aktivitäten unter Einbezug von armutsbetroffenen oder armutserfahrenen Personen gestaltet. Persönlich bin ich in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. In Kreuzlingen, wo ich aufgewachsen bin, lebten schon in den 1980er-Jahren viele Ausländerinnen und Ausländer. Fast die Hälfte der Kinder in der Schule kam aus Italien, dem damaligen Jugoslawien, der Türkei. Ihre Eltern arbeiteten oftmals als Hilfsarbeiter. Kinder aus meiner Klasse lebten in Armut, weil ihre Mutter alleinerziehend war – sei dies als Witwe oder weil sie geschieden war. Wenn ich die ehemaligen Schulkolleginnen und -kollegen heute sehe, ist der Einfluss ihrer Herkunft auf ihr Leben deutlich zu sehen. Es gibt Kinder, die einen sozialen Aufstieg hinter sich haben. Aber einige haben auch eine auffallend ähnliche berufliche Karriere wie ihre Eltern und stehen in befristeten Arbeitsverhältnissen oder arbeiten als Hilfsarbeiter. Ganz grundsätzlich finde ich, dass es ein staatspolitisches Interesse ist, sich für die Chancengleichheit einzusetzen und dafür, dass Armut nicht zu einem Stigma wird, sondern dass die Menschen die Unterstützung erhalten, sie zu überwinden. * Das Gespräch fand vor dem Entscheid des Bundesrates zur Weiterführung der strategischen Aufgabe Armutsprävention statt. Das Gespräch führte Ingrid Hess

«Sozialarbeiter:innen fühlen sich tatsächlich oft zu wenig wertgeschätzt.»

Pia Maria Brugger Kalfidis: Der Sozialdienst beinhaltet ein unglaublich breites Spektrum an Aufgaben. Es laufen hier unzählige Fäden zusammen: organisatorisch, fachlich und führungsmässig; auch ist das Amt stets nah am politischen Puls und von den Krisen betroffen. Ich möchte Qualitätsarbeit machen und das bereits Erreichte konsolidieren, das wäre allein nicht möglich gewesen. Damals war es «nur» Corona, aber keine von uns wollte dieses gewichtige Amt alleine stemmen. Loranne Mérillat: Wir erachten es als ein Privileg, die Sozialpolitik im Kanton Aargau mitgestalten zu dürfen. Daher hat uns die Leitung des Kantonalen Sozialdiensts gereizt. Für mich kam es unter anderem auch wegen meines Familienlebens nicht infrage, mich alleine für das Amt zu bewerben. Brugger: Bei mir spielte auch mein Alter eine Rolle. Die Intensität und das Arbeitspensum noch weiter zu erhöhen, kam für mich nicht infrage. Wir haben schon vorher lange zusammengearbeitet. Loranne Mérillat war für die öffentliche Sozialhilfe zuständig und ich Leiterin des Asylbereichs. Wir hatten also bereits viele gemeinsame Schnittstellen, und so kamen wir zum Schluss, dass wir uns hervorragend ergänzen. Mérillat: Deshalb freuen wir uns sehr, dass uns der Regierungsrat die Möglichkeit gegeben hat, das Amt in diesem alternativen Arbeitsmodell zu führen. Mérillat: Wir sind sehr unterschiedlich: wie wir arbeiten, was wir von der Ausbildung her mitbringen und auch persönlich. Aber wir haben die gleichen Werte und vertreten daher in den grundsätzlichen Fragen die gleiche Haltung. Dennoch haben wir manchmal unterschiedliche Auffassungen, wie wir vorgehen sollen, und dann können die Diskussionen auch intensiv werden. Doch wir hören einander zu. Was man sicher mitbringen muss, wenn man in einer Co-Leitung gut funktionieren will, ist eine Offenheit für andere Denk- und Arbeitsweisen. Wir empfinden diese Unterschiede als sehr inspirierend und lernen voneinander. Brugger: Im Gegenteil. Es ist extrem schön, so zu arbeiten, weil wir uns austauschen können. Man hat einen Sparringpartner. Und wir achten mit einer sorgfältigen Absprache darauf, dass für unsere Mitarbeiter:innen, Vorgesetzten und Partner wenn immer möglich keine zusätzlichen Hürden durch die Co-Leitung entstehen. Mérillat: Die vielen positiven Reaktionen auf unsere Wahl zeigen uns, dass eine Co-Leitung ein Bedürfnis für viele Personen darstellt. Deshalb möchten wir natürlich zeigen, dass das Modell funktioniert und auf professionelle Weise umgesetzt werden kann. Brugger: Wir sind durch eine sehr herausfordernde Zeit gegangen beziehungsweise sind immer noch mittendrin. Unsere Mitarbeiter:innen des Kantonalen Sozialdiensts legen ein wahnsinnig grosses Engagement an den Tag. Gleich zu Beginn der Krise haben wir einige zentrale Entscheide gefällt. Einerseits bei der Verteilung der Schutzsuchenden auf die Gemeinden und andererseits in Bezug auf die Abgeltung der Wohnkosten direkt an die Gastfamilien, denn sie sind eine grosse Hilfe bei der Unterbringung der Flüchtlinge. Und wir versuchen, die Gemeinden insbesondere durch regelmässige digitale Informationsveranstaltungen gut zu beraten und zu informieren. Mérillat: Eine der Herausforderungen war, dass wir zuerst rechtliche Grundlagen für den Umgang mit den Schutzsuchenden schaffen mussten. Zudem war und ist es uns wichtig, alle involvierten Akteure miteinzubeziehen, so auch die Hilfsorganisationen, die ja auch direkten Kontakt mit den Geflüchteten haben. «Wir überlegen, ob wir künftig volljährige unbegleitete minderjährige Asylsuchende stärker in Gastfamilien vermitteln könnten.» Pia Maria Brugger Brugger: Wir überlegen, ob wir künftig volljährige unbegleitete minderjährige Asylsuchende stärker in Gastfamilien vermitteln könnten. Vor allem beim Übertritt ins Erwachsenenalter stellen sich viele Fragen, bei denen wir Gastfamilien gut begleiten könnten. Schon vor dem Krieg in der Ukraine hatten wir überlegt, das Gastfamilienmodell zu aktivieren. Grundsätzlich möchten wir die Zivilbevölkerung noch mehr einbeziehen. Die Solidarität in der Bevölkerung ist immens. Die Ukrainekrise und die direkte Begegnung mit Schutzsuchenden hat die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Thema Migration verändert. Wir sind überzeugt, dass diese Partizipation sehr wertvoll ist. Im Kanton Aargau wurde die Regelung der Sozialhilfe in den letzten Jahren häufig besonders kritisch beurteilt und wurden die SKOS-Richtlinien mit einigen Ausnahmen angewandt. Jetzt scheint sich das zu ändern. Der Aargau will die neueste Richtlinienrevision nun übernehmen. Was ist passiert? Mérillat: Ich denke, dafür gibt es verschiedene Gründe. Einerseits: Als kantonaler Sozialdienst bemühen wir uns, sachliche Grundlagen für die politische Diskussion zu erstellen. Andererseits wird die Sozialhilfe immer komplexer, sodass es oft auch dem Wunsch der Gemeinden entspricht, klare Regelungen zu haben. Einige Ausnahmen werden auch mit der Übernahme der aktuellen SKOS-Richtlinien ab 2023 bestehen bleiben, doch wird es mehr Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit geben. Wichtig für uns und die Akzeptanz der Entwicklungen ist die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden, die für den Vollzug der Sozialhilfe zuständig sind und sehr viel Know-how und Erfahrung einbringen sowie zur Lösungsfindung beitragen. Mérillat: Über meine Mitgliedschaft in der Kommission Rechtsfragen der SKOS sowie neu auch im SKOS Vorstand – aber auch darüber hinaus – sind wir mit der SKOS in engem Kontakt. Die SKOS-Richtlinien sowie die Erläuterungen und Praxishilfen sind wichtige Hilfsmittel für die Sozialhilfeorgane. Auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise waren wir froh, dass wir den Gemeinden nahelegen konnten, die entsprechenden Empfehlungen der SKOS anzuwenden. Die meisten Gemeinden, denke ich, orientieren sich an diesen Empfehlungen. Wir können viel vom Know-how der SKOS profitieren und müssen nicht alle Themen selbst regeln. Der föderalistisch organisierten Sozialhilfe dennoch einen einheitlichen Rahmen zu geben, ist ein schwieriger Balanceakt. Wie beurteilen Sie das System SKOS, die als unabhängige Instanz für die Sozialhilfe Regeln aufstellt, die für die Kantone nicht verbindlich sind? Mérillat: Aufgrund der föderalen Ausgestaltung der Sozialhilfe ist das System der Empfehlungen sicher der richtige Weg. Sie geben Leitplanken vor, von denen aber auch abgewichen werden kann, wenn es in einem Kanton als sinnvoll erachtet wird. Auch in den aktuellen Krisen zeigt sich, dass die Kantone und die Gemeinden die Empfehlungen der SKOS als Handlungsvorschlag schätzen. Brugger: Gerade bei den Flüchtlingen aus der Ukraine hat man ja gesehen, dass es in der Bevölkerung nicht verstanden wird, warum jemand in einem Kanton viel weniger bekommt, als in einem anderen. Es wäre sicher sinnvoll, gewisse Richtlinien zu schaffen. Auch wenn manche Unterschiede gerechtfertigt sind, da es in den Kantonen durchaus unterschiedliche Voraussetzungen und Strukturen gibt. Mérillat: Auch für die Aargauer Sozialdienste ist es eine Herausforderung, gut qualifiziertes Personal zu finden. Was wir aus den Gemeinden hören, ist, dass Berufseinsteiger:innen oft nicht lange auf den Sozialdiensten bleiben. Sie wechseln dann offenbar nicht nur in den Sozialdienst einer anderen Gemeinde, sondern teilweise gleich in ein anderes Berufsfeld. Die Gründe dafür sind wohl vielfältig. Einerseits könnte diese Entwicklung in den erforderlichen, kantonsspezifischen Anforderungen liegen, die während der Ausbildung nicht erlernt werden können und dann erst «on the job» dazukommen. Zudem kann ich mir auch vorstellen, dass der Case Load und der politische Druck für die Mitarbeitenden teilweise sehr herausfordernd sind. Brugger: Aus meiner Erfahrung fühlen sich Sozialarbeiter:innen tatsächlich oft zu wenig wertgeschätzt. Die Sozialhilfe ist nach wie vor stigmatisiert. Ich hoffe, dass langsam ein anderes Bewusstsein entsteht, aber das sind langwierige Prozesse. Mérillat: Wir haben letztes Jahr im Rahmen einer Postulatsbearbeitung bei den Gemeinden eine Umfrage zu Anreizen und Sanktionen gemacht. Dabei ist herausgekommen, dass gemäss den Sozialdiensten ca. 5 Prozent aller Sozialhilfebezüger:innen nicht kooperationsbereit sind. Es spielt aus meiner Optik für die Arbeit der Sozialdienstmitarbeitenden eine grosse Rolle, ob sich die Arbeit auf diese 5 Prozent konzentriert und entsprechend sehr negativ belastet ist, oder ob sich die Mitarbeiter:innen der Sozialdienste insbesondere auf die anderen 95 Prozent fokussieren können und die Arbeit entsprechend positiv wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass die Komplexität und die Qualitätsanforderungen in der Sozialhilfe zunehmen. Um dem gerecht zu werden, fehlen aber oft die personellen Ressourcen. Das ist für Sozialarbeitende dann sehr unbefriedigend. Brugger: Im Moment steht die Bewältigung der Ukraine-Krise im Zentrum. Da kommt sicher noch einiges auf uns zu. Noch haben wir genügend Platz in den Unterkünften, aber wir wissen nicht, wie sich die Situation entwickelt. Ferner möchte ich weiter in die Qualität unserer Arbeit investieren. Damit die jungen und engagierten Mitarbeiter:innen gerne bei uns arbeiten. Mérillat: Das betrifft den ganzen Sozialdienst. Wir möchten unsere Prozesse wo möglich und sinnvoll optimieren und die Digitalisierung vorantreiben. Zudem wollen wir die Partizipation unserer Mitarbeiter:innen sowie auch mit unseren Partnern weiter fördern. Das heisst, dass wir schon innerhalb des Sozialdienstes stärker bereichsübergreifend arbeiten möchten. Im Bereich der Sozialhilfe ist es uns ein Anliegen, dass wir uns qualitativ weiterentwickeln, noch dienstleistungsorientierter werden und so konstruktiv zur Weiterentwicklung der Sozialpolitik im Kanton Aargau beitragen können. Ingrid Hess

«Unterschätzt wird nach wie vor die demografische Transformation.»

Georges T. Roos: Jeder Mensch antizipiert eigentlich immer. Dass wir uns die Zukunft vorstellen können und uns an die Vergangenheit erinnern, zeichnet uns Menschen aus. Das Gehirn antizipiert laufend, was geschehen wird, zum Beispiel wenn wir Auto fahren und währenddessen an ganz anderes denken. Erst wenn etwas Überraschendes passiert, etwas, das vorher vom Gehirn nicht antizipiert wurde, werden wir plötzlich wach. Sowohl als auch. Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass einige Entwicklungen in eine positive Richtung gehen. Aber es gibt auch Gründe, die nahelegen, dass es in anderen Bereichen schlechter gehen wird. Das ist ja eigentlich meistens so. Die Frage ist: Was machen wir damit? Optimisten fokussieren dann aufs Gute und Pessimisten aufs Schlechte und blenden das andere aus. Das ist nicht sehr sinnvoll. Wir müssen uns dafür engagieren, dass die Dinge, die besser werden können, auch wirklich besser werden. Und die negativen Entwicklungen müssen wir als Herausforderung akzeptieren, die wir zu lösen haben. Die Menschheit ist intelligent, kreativ und anpassungsfähig, und sie wird die Probleme lösen können, wenn sie das will. Wenn wir uns wie jetzt in einer Situation befinden, in der eine Reihe von Krisen aktuell ist, dann ist die Aufmerksamkeit häufig auf diese Krisen konzentriert, und die längerfristigen Entwicklungen werden ausgeblendet. Ein Megatrend ist eine übergeordnete, eine langfristige Entwicklung. Sie wirkt global und wirkt in alle Bereiche hinein, also Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sind betroffen. Megatrends sind der voraussagbare Teil der Zukunft. Die Megatrends werden von allen Instituten, die sich mit Zukunftsforschung befassen, in etwa gleich gesehen. Sie werden, welches Institut Sie auch immer anfragen, dieselben Antworten erhalten – allenfalls mit Nuancen. Global gesehen ist ein wichtiger, aber wenig beachteter Megatrend die wachsende Weltbevölkerung. Ein weiterer globaler Megatrend ist mit Ausnahme von Afrika die alternde Bevölkerung. Die Urbanisierung ist ein Megatrend. Immer mehr Menschen leben in Städten. Ein anderer Megatrend ist, dass wir immer gesünder sind – zumindest, wenn wir es am härtesten Indikator, der Lebenserwartung, messen. Gesundheit ist also ein weiterer Megatrend. Die Digitalisierung ist natürlich ein Megatrend, die künstliche Intelligenz wird einer werden. Auch die Ökologisierung als Folge des Klimawandels ist ein Megatrend. Alles das sind Megatrends, die einen Einfluss haben, wie wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren arbeiten und leben werden. «Wir müssen uns dafür engagieren, dass die Dinge, die besser werden können, auch wirklich besser werden.» Ich konzentriere die 16 Megatrends auf fünf grosse Transformationsprozesse: die digitale, die demografische, die geopolitische, die ökologische Transformation und die Biotransformation. Zwei dieser Transformationen sind in der Öffentlichkeit bekannt und werden breit diskutiert: die ökologische und die digitale Transformation. Unterschätzt wird nach wie vor die demografische Transformation. Sie wird grosse Auswirkung auf alle Bereiche haben. Alles, was wir heute tun, hat Folgen in der Zukunft. Damit die richtigen Entscheidungen für die Gestaltung unserer Zukunft getroffen werden können, müssen wir wissen, was geschieht, wenn beispielsweise die Weltbevölkerung wächst, Europa hingegen schrumpfen wird. Die Schweiz ist ein nach wie vor wachsendes Land, im vergangenen Jahr wuchs die Bevölkerung um eine Viertelmillion Einwohner, wenn auch nicht alle bleiben werden. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hat die Schweiz immer noch einen Geburtenüberschuss. Es werden also mehr Menschen geboren als sterben. Das wird sich jedoch in den nächsten Jahren ändern. Wir werden immer älter. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist hier im internationalen Vergleich sehr hoch, und die Forschung geht davon aus, dass in den nächsten 20 Jahren noch fünf Jahre hinzukommen werden. In 20 Jahren wird ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Die Anzahl der 80-Jährigen wird sich verdoppeln. Das Bevölkerungswachstum findet also in den älteren Jahrgängen statt und nur wenig in der Altersgruppe der Erwerbstätigen. Zwei Erwerbstätige sind dann bald einmal für einen Rentner zuständig. Das sind enorme Herausforderungen, nicht nur für die Sicherung der Altersvorsorge. Man muss sich auch fragen, was das mit der Demokratie macht, wenn mehr als die Hälfte der Stimmbevölkerung über 50 oder 60 Jahre alt ist. Wie werden da die Verteilkämpfe bei den Budgetverhandlungen ausgehen? Die psychische Gesundheit in der Gesellschaft scheint diesem Trend nicht zu folgen. Gerade bei jungen Menschen geht der Trend offenbar in Richtung einer Verschlechterung der mentalen Gesundheit. Das macht mir sehr Sorgen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, dann ist das kein kurzfristiger Trend, der mit der insbesondere für Kinder und Jugendliche belastenden Corona-Krise zu tun hat, sondern ein Trend, der uns beschäftigen muss. Man spricht von der vierten industriellen Revolution, in der wir stecken. Das heisst, es kommt eine weitere Automatisierung verbunden mit künstlicher Intelligenz und smarter Robotik auf uns zu. Da wird viel passieren. Die Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) waren in den letzten Jahren enorm. Es wird diesmal aber nicht den zweiten Sektor betreffen, also die handwerklichen oder technischen Tätigkeiten, sondern die geistig anspruchsvollen. Bereits heute ist die KI dem Menschen zum Beispiel beim Interpretieren von Röntgenbildern überlegen. Sie kann – zumindest teilweise – die Arbeit von Juristinnen und Juristen übernehmen, oder die der Controller. Das wird die Welt verändern. Die pessimistische Perspektive besagt, dass der Mensch sich überflüssig macht. Die optimistischere Sicht ist, dass wir aufgrund der demografischen Entwicklung ohnehin einen Arbeitskräftemangel haben. Zudem entstehen aufgrund technologischer Entwicklungen immer auch neue Tätigkeiten, neue Geschäftsfelder, die auch wieder menschliche, vor allem geistige, empathische und kreative, Arbeit benötigen werden. Schliesslich hat auch bisher jede Industrialisierung zu einer Reduktion der Arbeitszeit geführt und den Arbeitnehmern mehr Freizeit beschert. Es ist gut möglich, dass wir durch diese neue Automatisierungswelle wieder mehr Freizeit gewinnen werden. Beim Megatrend Digitalisierung macht mir auch die Entwicklung auf den Informationskanälen Sorgen, die Menge an Information und auch, dass man nicht mehr sicher weiss, was wahr oder was eine richtige und wichtige Information ist. Was sehen Sie hier auf uns zukommen? Hier gibt es auch verschiedene Trends. Einerseits haben wir mehr Transparenz, wir wissen mehr über die Firmen, Organisationen, deren Interessenbindungen usw. Auf der anderen Seite sind wir gläserne Bürgerinnen und Bürger geworden. Die Polarisierung in der Gesellschaft, die über die Social-Media-Kanäle Ausdruck findet, kann man nicht in den Megatrends belegen, aber sie macht auch mir Sorgen. Öffentliche Debatten gehen nicht mehr wie früher via die Medien in klar definierten Foren vonstatten, wo ein Wettbewerb der Ideen stattfinden konnte. Heute zieht man sich in Blasen zurück, und es schwindet das Verständnis, dass man andere Positionen haben kann, ohne deshalb Abschaum zu sein. Es wird deshalb nicht nach Argumenten gegen einen anderen Standpunkt gesucht, sondern man macht mobil gegen politische Feinde, die bekämpft werden sollen. Ich finde das eine gefährliche Tendenz. Vor einigen Monaten machte die OpenAi mit ihrer ChatGPT Schlagzeilen. Die ChatGPT ist eine Software, die eine Konversation mit einem Menschen simulieren und auch dieses Interview führen könnte. Hier gilt dasselbe: Wie können wir die neuen Möglichkeiten vorteilhaft nutzen und wie die neuen Risiken minimieren? In Japan werden Maschinen ganz anders betrachtet als hier: Sie gelten als beseelt. Das macht es einfach, sie im Alltag zu akzeptieren. Pflegeroboter werden kommen – und ich kann mir vorstellen, dass ich bei gewissen Hilfestellungen, die ich vielleicht im hohen Alter brauchen werde, lieber den Roboter habe als einen Menschen. KI wird Gefühle und Einfühlungsvermögen simulieren können – und das wird uns in bestimmten Situationen vielleicht sogar genügen. Aber das viel Wichtigere ist: Wenn Roboter Care-Personen bei gewissen Tätigkeiten entlasten und sie dafür mehr Zeit für Zuwendung, Zuhören und Anteilnahme haben, hätten wir gewonnen. Man hört viele Stimmen, die sagen, dass wir eine entsolidarisierte Gesellschaft geworden sind. Da halte ich vehement dagegen. Es gibt zwar die Individualisierung. Auch sie ist ein Megatrend, und sie kann in Egoismus und Narzissmus kippen. Aber sie ist nicht per se etwas, das desintegrierend wirkt. Wir haben viele Zeichen der Solidarität in der Covid-Krise gesehen. Plötzlich lebte die Nachbarschaftshilfe wieder auf. Wer hätte das gedacht. Die Solidarität ist heute hingegen anders als in früheren Gesellschaften bürokratisiert, indem wir den Menschen in Not Rechte gegeben haben, die sie gegenüber dem Staat einfordern können. Deshalb sind sie heute nicht mehr auf Almosen angewiesen. Das macht Solidarität anonymer. Aber wenn man das Ausmass an Umverteilung betrachtet, kann man nicht sagen, dass Solidarität nicht stattfindet. «Es ist wichtig, dass wir uns mit positiven Narrativen über die Zukunft austauschen. » Wohlstand ist nicht alles, und eine Steigerung des Wohlstands auf extrem hohem Niveau ist schwierig. Stellen Sie sich vor, Sie fangen an zu joggen. Sie müssen ein Aufbauprogramm machen, bis Sie ein ansprechendes Fitnessniveau erreicht haben. Wenn Sie dann noch schneller oder länger joggen wollen, müssen Sie sich überproportional anstrengen. In der Schweiz ist der Lebensstandard so hoch, dass es schwierig sein dürfte, ihn weiter zu erhöhen. Ich denke, es ist auch eine Chance, wieder bescheidener leben zu können. Ob die Armut hierzulande zunehmen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Das lässt sich nicht voraussagen. Ich bin Zukunftsforscher geworden, weil wir ja immer Entscheidungen treffen, kleine oder grössere, privat, politisch oder wirtschaftlich, die unsere Zukunft betreffen. Ich finde es wichtig, dass wir sie auf der Grundlage der Kenntnis über die allgemeinen Trends fällen können. Ich sehe es nicht als Aufgabe eines Experten, zu sagen, wie die Zukunft sein soll. Jedenfalls wenn ich beruflich auftrete, sozusagen der professionelle Georges Roos bin, dann bin ich Experte und bleibe deskriptiv. Manche Leute sind froh, wenn sie sich für diese langfristigen Perspektiven öffnen können. Im Alltag sind doch die meisten den vielen Negativschlagzeilen ausgesetzt und beschäftigen sich mehrheitlich mit den akuten Problemen. Ich bin kein Supporter der apokalyptischen Bilder, die im Moment dem Zeitgeist entsprechen. Ich finde diese hemmend und nicht zielführend, weil sie nicht motivieren, etwas zu gestalten, sondern Angst auslösen, die eher blockierend wirkt. Es ist wichtig, dass wir uns mit positiven Narrativen über die Zukunft austauschen. Wenn man die Leute fragt, ob sie Massnahmen gegen den Klimawandel wollen, sagen sie mehrheitlich Ja. Fragt man sie, ob sie für eine Flugsteuer wären, sagen sie Nein. Das Narrativ der Massnahmen gegen die Klimaerwärmung ist Verzicht, also negativ. Wenn das Bild der Zukunft Verzicht ist, dann sind die Leute eher pessimistisch gestimmt. Ich bin sehr interessiert, mit anderen zusammen an einem positiven Narrativ zu arbeiten. Ein paar Elemente würde ich einbringen: Die Vision, dass wir in absehbarer Zeit alle Energie aus erneuerbaren Energien erzeugen, ist per se ein unglaublich positives Zukunftsbild. Jedem ist doch klar, dass man die Zukunft nicht auf einer endlichen Ressource aufbauen kann. Selbst ohne Klimawandel sind erneuerbare Energiequellen eine erstrebenswerte Zukunft. Und ich würde schauen, dass mehr über die vielen Hundert Ansätze in Forschung und Industrie gesprochen wird, die zunehmend die fehlenden Puzzleteile – zum Beispiel Stromspeicherung – entwickeln. Der menschliche Erfindergeist ist bewundernswert. Ja, der Wandel macht vielen Menschen Angst. Sie bauen Widerstand auf, um sich nicht wandeln zu müssen. Oft solange, bis es wehtut. Aber der Mensch ist in der Lage, sich zu verändern. Der Mensch ist ein sehr anpassungsfähiges Wesen. Es gibt Menschen, die leben im ewigen Eis, andere in der Wüste, wieder andere auf Flüssen oder in Bäumen. Wir können es! Und wenn der Wandel passiert, dann entstehen meist wieder Energie, Freude und Leidenschaft … Man muss nur aus der Trägheit herauskommen. Immer wieder bringt der menschliche Unternehmungsgeist Fortschrittssprünge hervor – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und sicher auch in der Zukunft. Ingrid Hess

«Soziales Engagement ist Teil unserer Kultur.»

Martin Volkart: Es war für uns, wie für die Gastroszene überhaupt, natürlich eine sehr schwierige Zeit. Die Genossenschaft war ein gesundes Unternehmen, doch Corona hat uns in einem Mass getroffen, das so nicht vorstellbar war. Aber wir sind froh, leben wir hier in diesem Land. Wir erhielten schnell Kredite und konnten damit die Liquidität sichern. Wir erhielten Kurzarbeitsentschädigung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und waren zum Glück gegen eine Pandemie versichert. Jetzt kommt noch die Härtefallentschädigung, sodass wir schliesslich einigermassen gut über die Runden kommen werden. Im vergangenen Sommer lief es zudem wirklich erfreulich gut. Es kamen erstaunlich viele Touristen, gerade aus der Westschweiz. Ja, das haben wir. Die Stadt kam von sich aus auf uns zu. Bei privaten Vermietern waren es intensive Verhandlungen, aber das ist ja normal, denn das sind Geschäftsbeziehungen. Ein Vorteil für uns war sicher, dass wir eine Genossenschaft sind und nicht shareholderorientiert. Nein, wir mussten niemanden entlassen. Dies war und ist immer unser oberstes Ziel, und ich bin froh, dass es uns tatsächlich gelungen ist. Die Ausbildung unserer 15 Lehrlinge war natürlich nicht ganz problemlos, da man nicht kochen und servieren konnte. Da mussten wir uns etwas überlegen. Unsere sieben Lehrlinge im Abschlussjahr haben ihre Prüfungen dennoch allesamt mit Bravour bestanden. Es hat uns alle aber sehr viel Energie gekostet. Ich denke, das Naturell von Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, ist sicher eher anpackend, offen, kontakt- und festfreudig. Gerade für die Jungen war es eine grosse Belastung, zu Hause eingesperrt zu sein und nichts tun zu können. Zudem scheint die Krise auch ein Moment für Veränderung zu sein. So sind wir davon überrascht worden, wie schwierig es aktuell ist, neue Mitarbeitende zu finden. Arbeiten am Abend und am Wochenende ist offenbar noch einmal unattraktiver geworden. Genossenschaften sind ein geniales Konstrukt. Der Vorteil ist vor allem, dass niemand hinter uns steht, der Gewinne sehen will. Nicht das Kapital herrscht, sondern die Genossenschaftler. Wenn von 400 Genossenschaftsmitgliedern eines das halbe Kapital eingebracht hat, hat er oder sie dennoch nur eine Stimme. Es ist damit eine sehr demokratische Unternehmensform. Es gibt keine Shareholder, denen Gewinn ausgeschüttet werden muss. Man kann Reserven äufnen, die Mitarbeitenden am Gewinn beteiligen oder auch die Betriebe laufend in Schuss halten. Ja. Viele Mitarbeiter sind auch Genossenschafter. Und 2018 erhielt jeder und jede 2000 Franken zusätzlich ausbezahlt, egal welche Funktion oder Aufgabe er oder sie innehatte. Aber es hängt von den Werten ab, die sich die Genossenschaft gibt. Es gibt Genossenschaften die keine gute Wertegrundlage haben und nicht gut funktionieren, und genauso gibt es Aktiengesellschaften die hohe Werte haben. Die Genossenschaft Baseltor hat sich hohe Werte gesetzt. Wir wollen gut zu unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schauen, sie sollen fachlich und menschlich wachsen können. Das gilt besonders für die Lehrlinge. Unsere Mitarbeiter bleiben deshalb überdurchschnittlich lange. Manche bleiben 20, 30 oder 40 Jahre lang bei uns. Die Genossenschaft wurde 1978 im selbst verwalteten, basisdemokratischen «Löwen» gegründet. Man diskutierte, argumentierte und stritt, tage- und nächtelang, heisst es in den Berichten. Was ist über 40 Jahre später aus der Utopie der Pionierzeit – kollektiv zusammenleben und arbeiten, die Gesellschaft durch Gastronomie und Kultur verändern – geworden? Passt zu den ursprünglichen Ideen ein stetig wachsendes Unternehmen? Es ist tatsächlich ein Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Es gab auch einige wenige Genossenschafter, die austraten, weil es die Kollektivbeiz, in die sie mal eingetreten waren, nicht mehr gab. Manche sagen, das Baseltor sei mittlerweile ein Konzern, der sich immer mehr einverleibe. Ich denke, man kann nicht 40 Jahre den Pioniergeist der Gründerzeit bewahren und ansonsten nichts tun, sich nicht weiter entwickeln. Man muss jedoch mit den der Genossenschaft zugrunde gelegten Werten mit Sorgfalt umgehen und darf die Grundwerte nicht verraten. Als wir vor über 20 Jahren beschlossen, das «Solheure» zu übernehmen, gab es heftigen Widerstand. Manche fürchteten, das gefährde das Mutterhaus. Im Nachhinein muss man sagen, dass dieser Entscheid und auch die weiteren richtig waren, denn ohne das Wachstum wäre das Unternehmen heute wohl mit grossen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Aber natürlich darf man auch eine andere Position haben und das falsch finden, was wir machen. Wir wollen hingegen probieren, zu zeigen, dass es möglich ist, mit einem KMU auch in einer schwierigen Branche erfolgreich zu sein und diese Werte gleichzeitig einzuhalten. Und auf die Art, wie wir es machen, können wir eine Ausstrahlung nach aussen haben. Wenn man hingegen nur in einer ganz kleinen Zelle aktiv ist, dann ist die Gefahr gross, dass man nur unter sich bleibt. Dann hätten diese Werte, für die wir stehen, keine Breitenwirkung. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht selbst die Gäste wegnehmen, uns sozusagen kannibalisieren. Wir waren bisher ja nicht diejenigen, die Projekte entwickelten und dann Lokale zum Kauf suchten. Es waren immer Opportunitäten von aussen, die wir prüften und wo wir uns überlegten, ob es zu uns passt. Wir hatten in diesem Sinn nie eine Wachstumsstrategie. Solothurn hat nur 17 000 Einwohner, und dennoch gibt es hier so viele gute Beizen. Das ist schon aussergewöhnlich. Wir werden unsere Strategie aber nächstes Jahr überprüfen und dabei auch die Frage der «guten Grösse» selbstkritisch und auch im Kontext von Covid-19 prüfen. Die Köche der Genossenschaft kochten im Turnus im April immer dienstags für die Gassenküche Adler. Profis kochten also für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Die Gerichte konnten bei der Gassenküche als Take-away abgeholt werden. Welche Rolle spielt das soziale Engagement in der Genossenschaft? Dass das soziale Engagement Teil unserer Kultur ist, ist selbstredend. Wir bilden Lehrlinge aus, und wir bieten pro Betrieb einer Person, die nicht die volle Leistung bringen kann, einen Arbeitsplatz. Immer wieder beschäftigen wir auch Flüchtlinge. Das funktioniert manchmal gut, manchmal auch nicht. Nicht alles läuft nur über Projekte. Es gibt da zum Beispiel einen älteren Mann, der musste ins Altersheim, aber dort gefällt es ihm nicht. Er kommt nun täglich mit dem Rollator in die «Couronne», die ja unser edelster Betrieb ist, und dort sitzt er oft lange, isst etwas, trinkt etwas. Manchmal zahlt er, manchmal wieder nicht. Das ist total schön. Alle lieben ihn und er uns. Dennoch: Wir arbeiten in einer anspruchsvollen Branche, in der man einfach schauen muss, wie man unternehmerisch gut über die Runden kommt, nicht nur in Krisenzeiten, aber dann ganz besonders. Und wir wollen in jedem Fall Entlassungen verhindern. Dennoch sollten wir uns sicher immer wieder fragen, was wir noch tun könnten. Das ist so. Im «Solheure» kann man immerhin für 14 Franken einen Hamburger essen, und man kann auch einfach nur ein Bier trinken. Auch im neuen «Viktor» gibt es preiswerte Kleinigkeiten. Wir versuchen, wie eine Familie zu sein, nach innen, aber auch nach aussen. Es gibt viele Gäste, die kommen seit 10, 20 oder sogar 30 Jahren. Ins «Solheure» kommen manche jeden Tag, es ist ihr Zuhause. Sie sind auch jetzt wieder da und freuen sich, dass wir wieder geöffnet haben. Besonders sind auch die Arbeitsbedingungen. Wir haben einen Minimallohn, der bei 4000 Franken im Monat liegt. Und das Verhältnis tiefster zu höchstem Lohn ist 1 zu 2,5. Ausserdem können unsere Mitarbeitenden inklusive Lehrlingen in allen Betrieben als Gäste zum halben Preis essen und trinken. Auch haben wir eine Parität zwischen Frauen und Männern im Vorstand, und in den Betriebsleitungen und im Kader liegt der Frauenanteil bei 60 Prozent. Dass die Bedingungen gut sind, sieht man auch daran, dass etwa 25 Mitarbeitende schon 10 Jahre im Unternehmen sind, die Hälfte davon seit über 20 Jahren. Am Anfang erhielten wir von vielen Künstlern Kunstwerke. Irgendwann waren die Räume vollgehängt bis zur Küche runter. Klar könnten wir in den Restaurants Ausstellungen organisieren, aber das ist aufwendig, und die Geschmäcke sind sehr unterschiedlich. Und da wir eine Genossenschaft sind, müsste es eine demokratische Geschmacksfindung geben, was ein vielleicht eher komplexes Unterfangen wäre. Es ist auch einfach beschränkt Energie vorhanden, um solche Projekte neben dem Alltäglichen zu realisieren. Ich denke, dass wir ein wertvoller Teil in Solothurn sind. Als Gastrobetrieb leisten wir einen Beitrag an eine lebenswerte Stadt. Das spürte man gerade jetzt durch diese Krise. Ich denke, dass die Werte der Genossenschaft viel mit der lokalen Verbindung mit dem Ort zu tun haben und deshalb wirklich etwas fehlen würde, wären die fünf Beizen und Restaurants der Genossenschaft Baseltor nicht da. Für die Zukunft geht es nach Covid-19 vorerst darum, eine gesunde Basis im Unternehmen zu garantieren. Mit den Herausforderungen rund um die Suche von guten Mitarbeitenden wollen wir uns als wirklich vorbildlicher Arbeitgeber weiter verbessern. Ich denke, es sind schliesslich meist nicht die grossen Würfe, die eine gute Gastronomie und Hotellerie ausmachen, sondern das tägliche engagierte Arbeiten mit viel Herz. Ingrid Hess

«In der Pandemie wurden soziale Risiken für einmal nicht abgeschoben»

Markus Kaufmann: Ich finde es eindrücklich, wie schnell und effizient das System der sozialen Sicherheit in der Schweiz reagiert hat: mit ausgebauten Leistungen in der Arbeitslosenversicherung, mit der Erwerbsersatzentschädigung und weiteren Massnahmen. Aus früheren Debatten kannten wir das Abschieben der Risiken – mit dem Resultat, dass am Schluss die Sozialhilfe als letztes Netz sie auffangen musste und dadurch überlastet wurde. Das fand diesmal nicht statt, und Politik und Bevölkerung stellten sich mehrheitlich dahinter. Nein, ich glaube nicht. Was klar war: Viele Menschen waren wirtschaftlich gefährdet, besonders solche mit tiefen Einkommen und in prekären Verhältnissen. Danach erfolgte eine starke Reaktion, Hilfsangebote in den der Sozialhilfe vorgelagerten Versicherungen wurden aufgezogen. Das ist einer der Gründe, warum die Krise weniger stark in der Sozialhilfe angekommen ist als befürchtet. Zudem läuft die Wirtschaft in der Schweiz gut. Und wegen des Fachkräftemangels in vielen Branchen finden zunehmend Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger Arbeit – mindestens jene, die über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen. Ganz so rosig ist es nicht, aber mir ist es wichtig, auch das Positive zu erwähnen. Wir sehen schon Risiken, dass die Fallzahlen in der Sozialhilfe später doch noch steigen könnten. Wer in der Pandemie wirtschaftliche Einbussen erlitten und von den Reserven gelebt hat, kann bei der nächsten Krise in eine Armutssituation geraten. Zudem verzeichnet das SECO mehr Langzeitarbeitslose als 2019. Wie viele von ihnen in den nächsten Jahren auf Sozialhilfe angewiesen sein werden, wissen wir nicht. Was die Pandemie ebenfalls schlagartig sichtbar machte: Es gibt in der Schweiz Menschen, die keinen Zugang zu den sozialen Netzen haben, auch nicht zur Sozialhilfe. Ja, das waren bedrückende Bilder. Die Betroffenen waren Sans-Papiers und auch Personen, die keine Sozialhilfe beziehen, obwohl sie berechtigt wären. Der Nichtbezug von Sozialhilfe wird in der Praxis seit einigen Jahren beobachtet. Menschen schämen sich ihrer Armut oder glauben, die teils restriktiver gewordenen Vorgaben nicht zu erfüllen. Zudem verschärft die Schweiz seit einigen Jahren die gesetzlichen Grundlagen im Ausländerrecht. Aus Furcht vor Ausweisung verzichten Bedürftige auf Sozialhilfe und geraten in prekäre Armut. Das Problem wird seit der Pandemie erkannt, das stimmt mich positiv. Der Nationalrat hat diesen Herbst einer parlamentarischen Initiative von Nationalrätin Samira Marti zugestimmt: Ausländerinnen und Ausländer, die von der Sozialhilfe abhängig werden, sollen deswegen ihr Aufenthaltsrecht nicht verlieren, wenn sie seit mindestens zehn Jahren ununterbrochen in der Schweiz gelebt haben und ihre Lage nicht mutwillig herbeigeführt haben. Es ist tatsächlich sehr stossend, dass jemand wegen regulären Sozialhilfebezugs die Aufenthaltsbewilligung verlieren kann. Long Covid ist eine Erkrankung, darum ist die Invalidenversicherung zuständig. Diese hat auch andere grosse Herausforderungen zu gewärtigen. Wir brauchen deshalb in den nächsten Jahren eine starke und gut finanzierte IV. Doch sie schleppt seit bald einer Generation Schulden mit, deren Abbau nicht ohne massive Leistungskürzungen zu haben sein wird. Und das würde unweigerlich zu einer starken Verlagerung in die Sozialhilfe führen. In der NZZ habe ich den Vorschlag einer erweiterten Solidarität unter den obligatorischen Sozialversicherungen eingebracht – ähnlich, wie das heute schon durch den Lastenausgleich zwischen reicheren und ärmeren Kantonen geschieht. Die Suva als grösste und öffentlich-rechtliche Unfallversicherung der Schweiz verfügt über ein Vermögen von derzeit rund 60 Milliarden Franken. Sie könnte einen Teil der IV-Schulden übernehmen. Das Unfallrisiko ist durch den Wandel in der Gesellschaft zurückgegangen, während alle Risiken für psychische oder psychosomatische Erkrankungen sehr stark zugenommen haben. Anfang der 2010er-Jahre haben die IV wie auch die Arbeitslosenversicherung ihre Zugangskriterien verschärft. Das führte zu einem Anstieg der Fallzahlen in der Sozialhilfe und zu einem sehr hohen Druck auf diese. Die Sozialhilfe übernimmt Aufgaben, die die vorgelagerten Versicherungen zu leisten hätten. Dass es auch anders geht, hat die Pandemie gezeigt. Noch vor dem Ende der Corona-Krise folgte mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine die nächste Krise mit zahlreichen Folgen auch für die Schweiz. Die Sozialdienste mussten sich um zahlreiche aus der Ukraine geflüchtete Menschen kümmern. Sie fallen mit dem Schutzstatus S unter die Asylsozialhilfe. Was ist die Rolle der SKOS dabei? Die SKOS-Richtlinien gelten für die Regelsozialhilfe, in der Asylsozialhilfe ist die SKOS lediglich beratend tätig. In Zusammenarbeit mit der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren publizieren wir bei den Ukraineflüchtlingen Antworten auf Fragen, die an uns herangetragen werden. Mit den Ukrainerinnen und Ukrainern kamen Kriegsflüchtlinge aus einem Land zu uns, das näher am europäischen Lebensstandard ist. Üblicherweise kommen Asylsuchende nicht mit dem Auto in die Schweiz. Da galt es Einiges zu klären, wie etwa: Sollen die Fahrzeuge angerechnet werden? Und was, wenn jemand mit Job in der Ukraine von hier aus weiterarbeitet? Das diskutieren wir im Moment. Wir sehen jetzt bei den Ukraineflüchtlingen, dass viele Sozialdienste auch die Asylsozialhilfe übernehmen und enorm gefordert sind. Generell nimmt der Anteil von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen in der öffentlichen Sozialhilfe von Kantonen und Gemeinden zu, auch weil die finanzielle Verantwortung des Bundes nach einigen Jahren an sie übergeht. Darum kommt verstärkt die Frage auf die SKOS zu, ob sie nicht auch bei der Asylsozialhilfe Vorschläge zur Harmonisierung machen soll. Die Mehrheit unserer Mitglieder begrüsst dies, wie eine Befragung zu einem entsprechenden Grundlagenpapier ergab. Es ist die Aufgabe der SKOS, sachlich und fachlich zu argumentieren. Wir stellen einfach Widersprüche fest. Mit der Integrationsagenda wollen Bund und Kantone Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene möglichst rasch in den Arbeitsmarkt integrieren, damit sie weniger von der Sozialhilfe abhängig sind. Zugleich liegen die kantonalen Ansätze in der Asylsozialhilfe zum Teil unter der Hälfte des Grundbedarfs für den Lebensunterhalt in der Sozialhilfe. Wenn wir bei Geflüchteten, die länger in der Schweiz bleiben werden, die Integration fördern wollen, werden wir wohl nicht umhinkommen, uns auch bei diesen Gruppen an der Regelsozialhilfe zu orientieren. Ärmere Haushalte, die nicht über Reserven verfügen, sind von der Teuerung sicher stärker betroffen. Wichtig ist, bei den Systemen der sozialen Sicherheit darauf zu reagieren, auch was den Grundbedarf in der Sozialhilfe betrifft. Jahrzehntelang hatten wir keine Teuerung in der Schweiz. Deshalb ist es ungewohnt, den Grundbedarf spürbar zu erhöhen. Doch jetzt empfehlen wir das und stellen dabei wie immer auf die Fakten ab. Die Teuerung im Sozialhilfebereich beläuft sich im Moment auf etwas über zwei Prozent, mit steigender Tendenz. Genau, unser Vorschlag orientiert sich an der Anpassung der AHV- und IV-Renten, wie der Bundesrat sie beschlossen hat. Im Parlament sind Vorstösse hängig, die darüber hinausgehen wollen. Wenn diese angenommen werden, soll dies auch in der Sozialhilfe nachvollzogen werden. Die Stromkosten hat die SKOS separat angeschaut, weil es dort im Moment wie im Casino zugeht. In gewissen Gemeinden sind die Stromkosten viermal höher als in anderen, eine Pauschalisierung ist kaum möglich. Deswegen schlagen wir vor, die Stromkosten in der Sozialhilfe neben dem Grundbedarf separat abzugelten. Auch die Heizkosten sollen im Rahmen der Mietnebenkosten voll abgedeckt werden, auch wenn damit die Mietzinslimite überschritten wird. In den letzten Jahren setzten jeweils rund drei Viertel der Kantone die Empfehlungen der SKOS und der SODK um, ein Viertel blieb darunter. Die SODK empfiehlt den Kantonen dieses Mal, die Anpassung in ihren Sozialhilfeerlassen möglichst bald, nachzuvollziehen, das heisst ab 1.1.2023. Die politische Diskussion in den Kantonen wird zeigen, ob der Anpassungsschritt gemacht wird. Die vielen Krisen und unruhigen Zeiten belasten auch mich emotional. Das gewohnte Leben hat sich spürbar verändert. Zugleich realisierte ich gerade während der Pandemie stark, wie gut meine persönlichen Rahmenbedingungen sind, um auf die Veränderungen reagieren zu können. So war es ein Privileg, genug Platz daheim fürs Homeoffice zu haben. Bevor ich vor sechs Jahren zur SKOS kam, absolvierte ich ein Sabbatical beim Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut. Das war eine intensive Weiterbildung. Die Arbeit bei der SKOS führt mich an viele Orte, ich sehe in die Praxis hinein und nehme an Fachtagungen teil. Es ist eine tägliche Weiterbildung. Die Offensive hat gezeigt, dass bei der Weiterbildung von Sozialhilfebezügerinnen und -bezügern grosses Potenzial vorhanden ist. Menschen ohne Berufsabschluss oder mit tiefer Qualifikation kommen sonst nicht so leicht an Weiterbildung heran oder trauen sie sich nicht zu. Wir merkten jetzt: Wenn wir Weiterbildungsangebote via Sozialdienste vermitteln, erreichen wir die Zielgruppe durchaus. Zugleich ist Weiterbildung eine langfristige und aufwendige Aufgabe. Es braucht ein Assessment bei den Sozialhilfebeziehenden, was überhaupt möglich ist, und es braucht Begleitung und Motivation. In Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeberverband prüfen wir, Branchenzertifikate stärker zu fördern. Das sind Ausbildungen unter dem Niveau eines Berufsattests. Sie können beispielsweise für den boomenden Umweltbereich interessant sein, etwa im Energiebereich oder im Recycling. Branchenzertifikate dienen als Einstieg auf einer tieferen Stufe, um später vielleicht doch noch einen Berufsabschluss zu machen. Mangelnde Bildung ist erwiesenermassen ein grosses Armutsrisiko. Über die Hälfte der erwachsenen Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger in den Städten hat keinen anerkannten Berufsabschluss. Auch die Wirtschaft hat ein Interesse, das zu ändern. Sie braucht dringend Fachkräfte. Ich denke schon. Als Fachorganisation trugen und tragen wir mit Materialien zur Versachlichung bei. Durch die Zusammenarbeit mit der SODK ist die politische Ebene einbezogen, das funktioniert heute gut. Und viele Sozialdienste schauen genau hin, um Missbrauch zu verhindern. Mit der Charta Sozialhilfe Schweiz bekannten sich 2019 über 100 Gemeinden, Städte und Organisationen ausdrücklich zum untersten Sicherheitsnetz der Schweiz. Das war ein starkes Signal. Denn eine Zeit lang wurde die Sozialhilfe bloss noch als Kostenfaktor gesehen. Dabei hat sie einen grossen Nutzen und stützt den sozialen Frieden in unserem Land. Nicht zuletzt widerspiegelt sich die Versachlichung in kantonalen Urnengängen. In Bern und Basel-Landschaft waren Kompromisse mehrheitsfähig. Vorschläge, die stark von den SKOS-Richtlinien abweichen wollten, setzten sich nicht durch. Viele Kinder und Jugendliche sind in der Sozialhilfe, in der Stadt Biel ist es aktuell fast jedes fünfte Kind. Wir müssen und wollen noch vermehrt schauen, was wir für sie tun können. Auch dem Bereich der sozialen Integration widmen wir uns verstärkt. Da geht es um Menschen in der Sozialhilfe, die trotz dem Fachkräftemangel grosse Mühe haben, eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt zu finden, weil sie über zu geringe Ressourcen verfügen. Druck hilft da nicht weiter, es braucht andere Antworten. Dazu gehören auch Einsätze in der Gemeinwesenarbeit, beispielsweise in Quartiertreffs. Die SKOS-Richtlinien sehen vor, so etwas mit einer Integrationszulage zu belohnen. Über solche sinnvollen Einsätze können diese Menschen vielleicht langfristig doch noch den Schritt in den Arbeitsmarkt machen. Das Gespräch führten

Zeso 3/2022

Kommentar von SKOS Stv. Geschäftsführerin Corinne Hutmacher-Perret Finanzierungslücken in der beruflichen Grundbildung für Erwachsene Folgen von Autobesitz bei Antrag auf Sozialhilfe Vereinfachung der Sprache bei der Sozialhilfe Die Co-Leiterinnen des Aargauischen Sozialdienstes über das Co-Leiten und die Arbeit im Krisen-Modus Drehtüreffekt in der Sozialhilfe Projekt Richtungswechsel für Langzeitarbeitslose Freiwillige Einkommens- und Vermögensberatung in Zürich im Hinblick auf die Ablösung von der Sozialhilfe Kampf gegen Übereschuldung im Kanton Neuenburg Die Revision des SchKG soll Betroffenen eine zweite Chance bietenBerufseinsteige Bilanz der SKOS und des SVEB unter Beteiligung engagierter Sozialdienste Laut den neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik ist die Inanspruchnahme von Sozialdienstleistungen rückläufig Eine Studie untersucht das Mobilitätsverhalten von zugewanderten Personen bei Aussicht auf höhere Sozialleistungen Oresta Räfle-Amato wünscht sich eine stärkere Lobby für ihren Berufsstand in der Politik ZESO bestellen

 «Einsam in Gesellschaft – zwischen Tabu und sozialer Herausforderung»

Leon Arlt: Während der Corona-Krise sind auch für Studierende viele Kontakte weggebrochen, ein grundsätzlicher Bedarf ist entstanden. So kamen wir auf die Idee, das zu tun, was man an einer Universität gut machen kann: über solche Themen wie Einsamkeit zu reden, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Daher haben wir die Vortrags- und Diskussionsreihe «Lonely Lectures» organisiert. Diese fand online statt und stiess auf sehr grosses Interesse. Nora Becker: Studierende zeigten viel mehr Bedarf, nach einer Vorlesung oder einem Seminar mit Dozierenden noch über persönliche Dinge zu sprechen. Es gab auch mehr Fehltage aufgrund psychischer Probleme, oder es wurden zumindest häufiger solche als Grund angegeben. Vor allem die «Erstis» litten sehr darunter, dass man sich nicht in der Uni treffen konnte, Kontakte und Verabredungen nicht so unkompliziert zustande kamen. Daraus lässt sich nicht direkt ableiten, dass Studierende vermehrt unter Einsamkeit litten, aber es sind Anzeichen, dass die Beschäftigung mit dem Thema auch an der Universität und unter jungen Menschen wichtig ist. Denis Newiak : Ich habe kürzlich das Semester eröffnet, und ich denke schon, dass Corona noch nachwirkt. Nach drei Jahren voller Onlinelehrveranstaltungen ist es manchmal nicht mehr so einfach wie vor der Pandemie, ein dynamisches Lehrgespräch mit den Studierenden zu führen, manche sind sehr zurückhaltend geworden. Das ist meine subjektive Wahrnehmung, es ist eine ganz kleine Distanz übrig geblieben. Sie baut sich langsam ab, und ich hoffe sehr, dass irgendwann der Normalzustand zurückkehrt. Aber da sind wir jetzt noch nicht. Da hängt noch irgendwie ein Trauma in den Seminarräumen. Newiak: Gerade für junge Menschen ist Einsamkeit ein sehr präsentes Thema. Das liegt auch daran, dass junge Menschen sehr mit den Modernisierungsthemen konfrontiert sind, Digitalisierung, Urbanisierung, Wettbewerb im Studium und Arbeitsmarkt. Das sind Themen, die besonders vereinsamende Effekte haben können. Letztlich betrifft Einsamkeit aber alle Altersgruppen in der Gesellschaft. Sie drückt sich einfach unterschiedlich aus. Heike Goebel : Ich denke auch, dass Einsamkeit alle Bevölkerungsschichten betrifft. Wir sehen in der Praxis viele Seniorinnen und Senioren, die einsam sind, weil sie beispielsweise keinen Partner mehr haben. Aber wir stellen fest, dass Einsamkeit auch häufig innerhalb der Familie anzutreffen ist, weil Partner sich nicht mehr zuhören, ihre Sorgen nicht miteinander teilen können, Kinder nicht mehr wahrgenommen werden und mit ihren Problemen in der Schule oder im Freundeskreis allein sind. Wir bieten auch eine psychologische Beratung an, und die wird von allen angenommen. Goebel : Meine Erfahrung ist, dass seit der Corona-Krise die Praxen noch voller geworden sind und ein grosser Gesprächsbedarf herrscht. Neu ist, dass die Leute sich äussern. Sie sagen heute: Ich bin einsam, ich habe Sorgen, ich brauche jemanden zum Reden. Früher war es ein Stigma. Die meisten kamen in die Praxis für eine «Massage», um zu reden, man hatte schliesslich kein «psychisches Problem». Mir fällt auf, dass die Leute – wir sind ja ausschliesslich für Menschen in Armut und Not da – einen riesigen Bedarf haben, gehört zu werden. Das ist seit Corona schlimmer geworden. Sie sind voller Sorgen, und mit den vielen Krisen haben sie so viel zu tragen, dass sie keine Kraft mehr haben, auch noch ihrem Partner, ihren Kindern zuzuhören. Noëmi Seewer: Es liegen Daten vor, die auf eine Zunahme von Einsamkeit während der Corona-Pandemie hindeuten. Wichtig jedoch ist, zu schauen, wie sich diese Zahlen über die Zeit entwickeln. Zu betonen ist auch, dass Einsamkeit vielleicht auch deshalb früher weniger thematisiert wurde, weil ihr ein Stigma anhaftet und weil sie ein eher diffuses Empfinden ist. Durch die Aufmerksamkeit während Corona wurden möglicherweise Worte für ein Empfinden gefunden, für das man vorher keine Worte hatte. Seewer: Einsamkeit wird oft definiert als eine subjektive Erfahrung, die entsteht, wenn eine Diskrepanz zwischen den tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen und jenen, die man sich wünscht, wahrgenommen wird. Dabei kann sich die Diskrepanz auf die Qualität und/oder die Quantität beziehen. Einsamkeit kann auch ein Alarm sein, wie Hunger oder Durst, dass da ein Mangel nach sozialer Verbundenheit herrscht, und uns motivieren, aktiv zu werden, um den Mangel zu beheben. Es ist wichtig, zu betonen, dass Einsamkeit grundsätzlich ein wichtiges Empfinden ist, und es nicht unser Ziel sein sollte, nie mehr einsam zu sein. SEEWER: Hier liegt kein klares Kriterium vor, allerdings wird manchmal von chronischer Einsamkeit gesprochen, wenn Einsamkeit über einen Zeitraum von zwei Jahren oder länger anhält. Dann kann es sein, dass sich die Person nicht mehr selbst aus der Einsamkeit heraus befreien kann und in der Folge weitere psychische und physische Probleme auftreten, weshalb es wichtig sein kann, sich professionelle Unterstützung zu suchen. SEEWER: Ich hüte mich davor, so pauschalisierende Aussagen zu machen. Für die einen ist die Scheidung eine Katastrophe, für die anderen ein Glück bringender Segen. Einsamkeit kann aber auch eine Folge von in der Gesellschaft verankerten Vorstellungen darüber sein, wie ein glückliches Leben aussieht. Wer diesen Normvorstellungen nicht entspricht, keine Familie oder keinen Ehepartner hat usw., fühlt sich deshalb vielleicht einsam. Newiak : Einerseits haben wir heutzutage viele neue Freiheiten und Möglichkeiten, aber es kann zugleich natürlich für die Einzelnen auch sehr herausfordernd sein, mit ihnen umzugehen. Wir dürfen die Einsamkeit aber nicht nur auf das einzelne Individuum beziehen, sondern müssen sie auch als gesamtgesellschaftliches Phänomen sehen. Wenn ich an die Krisenerfahrungen der letzten Jahre denke, stelle ich fest, dass hier Einsamkeit nicht nur in der individualpsychologischen Perspektive in Erscheinung tritt, sondern auch eine makrosoziale Dimension hat. Beim Klimawandel beispielsweise setzen sich manche so intensiv mit dem Thema auseinander, dass sie existenzielle Zukunftsängste entwickeln. Früher nannte man das Entfremdungsgefühl, heute würde ich eher von Einsamkeiten sprechen. Im Plural, weil es sich um eine bunte Gemengelage der Ursachen und Gefühle handelt. BECKER: Mit Blick auf die Forschungsergebnisse kann man dann sogar von drei Ebenen von Einsamkeit sprechen: Die emotionale Einsamkeit betrifft die engen Beziehungen, die Einbindung in Vereine, der Bäckergruss eine soziale Ebene, und die existenziellen Fragen betreffen die dritte Ebene. Goebel: Nicht vergessen dürfen wir auch die körperliche Einsamkeit. Die Leute lechzen nach Berührung. Auch das ist ein Grundbedürfnis, das krank machen kann, wenn es nicht befriedigt wird. Newiak : Und all das hängt sehr komplex miteinander zusammen. Der Mensch nimmt sich von Geburt an getrennt von der Umwelt und als Individuum wahr, das Kontakt erst aufbauen muss. Die neuen Entwicklungen verstärken das, indem sie Begegnungen unwahrscheinlicher machen. Es wird unwahrscheinlicher, gute Kommunikation herzustellen, weil die Digitalisierung, allen wünschenswerten Effekten zum Trotz, auch Distanz herstellt. Zufallsbegegnungen werden auch seltener, wenn wir allein wohnen, was immer mehr Menschen tun, auch Studierende. Seewer : Interessanterweise scheint es so, dass in der «realen» Welt sozial gut vernetzte Personen von neuen digitalen Möglichkeiten profitieren, während bei sozial schlechter vernetzten Personen beispielsweise soziale Medien zwar dem Knüpfen neuer Kontakte dienen können, die Kontakte in der «realen» Welt jedoch nicht ersetzen. Goebel : Viele Menschen, die zu uns kommen, haben einen ganz anderen Kontext. Sie haben Kriegserfahrung, die wir nicht haben und daher nicht mit ihnen teilen können: Auch das macht einsam, wenn man seine Erfahrungen nicht teilen kann. BECKER: Das ist ein weiteres Beispiel, wie die Erfahrungs- und Lebensrealität bei Einsamkeit eine Rolle spielt. Einer unserer Autoren sagte, Einsamkeit ist, wenn man nicht verstanden wird. Auch wenn wir es versuchen: Manchmal können wir Dinge einfach nicht verstehen. Erfahrungen, die andere gemacht haben, wie Gewalt, Gefängnis usw., werden wir nicht verstehen, wenn wir sie nicht selbst gemacht haben. Das spüren die Betroffenen, und das kann sie einsam machen. Goebel : Wir merken deutlich, dass die Leute, die zu uns kommen, durch die Einsamkeit krank werden bzw. sich ihre Krankheitssymptome verstärken. Das betrifft psychologische Erkrankungen wie Depressionen oder auch sogenannte psychosomatische Erkrankungen wie Schmerzen, Magen-Darm-Probleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen usw. Aber eben häufig auch Verspannungen. Die Leute sind massiv verspannt. Ich merke, dass sie reden müssen. Erst wenn sie geredet haben, oft wie ein Wasserfall, lässt die Verspannung nach. Die Leute kommen Woche für Woche, weil sie ein Redebedürfnis haben. Allein das Zuhören und Berühren lindert ihre Schmerzen. Goebel : Einsamkeit gibt es in allen Schichten, egal wie viel Geld jemand hat. Armut führt jedoch zu einem Gefühl des Ausgegrenztseins. Von Armut Betroffene können an vielem nicht partizipieren, oft sieht man ihnen und ihren Kindern die Armut auch an, sie erhalten entsprechende Reaktionen. Das erzeugt zusätzliche Einsamkeit. Sie sind stigmatisiert, gehören nicht dazu, können nicht mal ins Schwimmbad gehen. Diese Menschen kommen zu uns. Auffällig ist, dass diese Menschen selbst kompensieren. Sie haben eine sehr schlechte Ernährung, die sehr, sehr zuckerhaltig ist. Sechs bis sieben Stück Zucker in einem Kaffee sind nicht ungewöhnlich, ebenso Rauchen, Alkohol oder Antidepressiva. Das sind ihre verzweifelten Versuche, mit der Situation klarzukommen. Gespräche und Behandlung helfen. Aber das ist in unserem wirtschaftlich geprägten Gesundheitssystem nicht abgedeckt. Newiak : Das ist schwer zu quantifizieren. Ich kann mir aber vorstellen, dass das horrende Kosten sind, die durch Einsamkeit verursacht werden. Allein für den deutschsprachigen Raum dürften sie in den dreistelligen Milliardenbereich gehen. Man denke nur an den volkswirtschaftlichen Schaden und die unmittelbar entstehenden Sozialkosten durch Arbeitsausfälle aufgrund vermeidbarer Erkrankungen in diesem Kontext. Die Frage ist, was man tun kann. England hat ein Ministry of Loneliness, in Deutschland hat die Bundesregierung eine Strategie gegen Einsamkeit in Aussicht gestellt. In der Schweiz gibt es derzeit keine Einsamkeitsdebatte, sondern einzelne Projekte, vor allem gegen Einsamkeit im Alter. Newiak : Auch in Japan wurde ein Einsamkeitsminister einberufen. Anscheinend merken alle aber langsam, dass man durch Symbolpolitik nicht wirklich an das Thema herankommt. Positiv ist, dass diese Aktivitäten zeigen, dass die gesellschaftliche Dimension wahrgenommen wird. Man stösst aber immer wieder an Grenzen, da das Thema die gesamtgesellschaftlichen Strukturen so tief durchdringt, dass man es nicht so einfach durch politische Einzelmassnahmen wegkriegen wird. Persönlich frage ich mich, ob es nicht besser wäre, in einem bestimmten Mass anzuerkennen, dass die Modernisierung neben den positiven Seiten eben auch diese negativen hat. Und wir müssen herausfinden, wie der Einzelne befähigt werden kann, damit umzugehen, und dabei wird auch die Kulturtechnik des Aushaltens von Einsamkeit eine Rolle spielen. Seewer : Ich finde es wichtig, dass es politische Initiativen wie das Kompetenznetz Einsamkeit in Deutschland gibt. Solche Strategien können ein wichtiges Zeichen setzen, einerseits weil man darüber spricht, andererseits weil es wichtig ist, systematisch zu erfassen, wer sich einsam fühlt, wie einsam die Betroffenen sich fühlen usw. Das ist eine wichtige Grundlage, um wirksame Massnahmen ableiten zu können. Vieles ist hier noch nicht ausreichend belegt. Ich denke auch, dass es wichtig ist, dass wir über Einsamkeit sprechen, um die Menschen zu sensibilisieren, damit sie zu ihren sozialen Kontakten Sorge tragen, offenen Auges durch den Supermarkt gehen, jemanden anlächeln. Newiak : Eine Gesellschaft, in der Menschen nicht ausgeschlossen werden und sich möglichst gut eingebunden fühlen, ist vermutlich die beste Prävention gegen Einsamkeit. Es wird eine grosse Herausforderung für die Zukunft sein, herauszuarbeiten, wie eine Gesellschaft gestaltet sein muss, damit Menschen in allen Lebensphasen zufriedenstellende soziale Beziehungen führen können und nicht vereinsamen. Goebel : Ich glaube, es gibt eine Verantwortung beim Individuum, aber auch bei der Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass wir uns nur darum kümmern, ob jemand eine Decke über dem Kopf und etwas im Magen hat. Haben wir nicht auch eine Verantwortung als Gesellschaft? In der Familie findet nicht mehr all das statt, was fürs Leben wichtig wäre, stattdessen sitzen auch Eltern ständig am Handy. Woher sollen die Kinder lernen, einen guten Umgang zu finden? Newiak : Ja genau. Mir geht es darum, den Einzelnen zu befähigen, beispielsweise Mediennutzungskompetenzen zu entwickeln. Da müssen Lehrer oder Ausbildner befähigt werden. Und da hinkt der deutsche Lehrplan leider hinterher. BECKER : Aus staatlicher Sicht müssen Voraussetzungen für die Befähigung geschaffen werden, also Bildung und solche für eine entsprechende Einkommensstruktur. Es geht nicht, dass jemand nicht genug Geld hat, um sich für einen Kaffee unter Leute zu setzen. Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft. Werden wir Menschen immer einsamer, oder wie schaffen wir es, Gegensteuer zu geben? Arlt : Ich denke, es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass wir weiterhin über Einsamkeit reden, und das auch in die Gesellschaft holen. Warum sich nicht einfach mal an die eigene Nase fassen und im eigenen Umfeld Leute fragen, wie es ihnen wirklich geht. Ein guter Weg wäre zum Beispiel auch, Initiativen und Hilfsangebote zu stärken, sich einzubringen, etwa bei Telefonhotlines oder Angeboten wie dem von Heike Goebel. Solche Gespräche wie dieses Interview oder ein Austausch wie der Sammelband sind ein wichtiger Ansatz, um sich über unterschiedliche Gruppen hinweg und mit verschiedenen Erfahrungshorizonten über Einsamkeit zu unterhalten. Newiak : Ich wollte zum Schluss noch einen Gedanken erwähnen, der mir sehr wichtig ist und der meine aktuelle Forschung berührt. Wenn man das Thema der Einsamkeit unterschätzt, dann kann das manchmal gesellschaftliche Effekte haben, die wir vielleicht nicht direkt damit assoziieren, beispielsweise das Aufkommen von Verschwörungsideologien. Während der Corona-Pandemie gab es eine grosse Zahl an Leuten, die in geistige Parallelwelten abgedriftet sind. Ich bin sicher, dass das auch etwas mit dem Wunsch nach Gemeinschaft zu tun hat. Auch den politischen Extremismus muss man in diesem Kontext sehen. Manche fühlen sich eben von der Modernisierung nicht mitgenommen und suchen sich dann aus ihrer Einsamkeit heraus Verbündete. Das sind gefährliche Kollateralschäden, die entstehen, wenn man dieses Thema nicht aufmerksam genug beobachtet. Das Gespräch führte Ingrid Hess «Einsam in Gesellschaft – Zwischen Tabu und sozialer Herausforderung», transcript Verlag, Hrsg. Leon Arlt , Nora Becker , Sara Mann , Tobias Wirtz , 31. 12. 2022; BPB-Shop

«Wir halten es für zentral, dass die Flüchtlinge in der Gesellschaft leben und nicht irgendwo abseits.»

Die Flüchtlingshilfe hat die Idee in der Schweiz während der Syrienkrise lanciert. Konkret haben wir die Unterbringung der Flüchtlinge in Gastfamilien in den Kantonen Genf, Waadt, Aargau und Bern organisiert. In der Folge entstanden Gastfamilienprojekte in diversen Kantonen. Dann gaben wir die operative Leitung der Projekte ab, denn die Schweizerische Flüchtlingshilfe ist keine operativ tätige Organisation. Unsere Aufgabe bestand darin, das Projekt auf nationaler Ebene anzustossen. Es gab oder gibt seit dem russischen Angriff auf die Ukraine für die Geflüchteten drei Arten, um bei einer Gastfamilie unterzukommen. Entweder die Flüchtlinge haben Verwandte und Bekannte und gehen direkt zu ihnen, was im Falle der ukrainischen Flüchtlinge häufig der Fall ist. Andere durchlaufen einen geordneten Prozess in Koordination mit den Kantonen. Sie lassen sich zuerst im Bundesasylzentrum registrieren und werden dann, sofern sie dies wünschen, durch die SFH einer Gastfamilie zugeteilt. Oder aber sie suchen sich selbst eine Gastfamilie via Facebook oder direkt am Bahnhof. Von diesem Vorgehen raten wir dringend ab, das ist gefährlich. Es kommt immer wieder vor, dass Frauen auf diese Art Menschenhändlern in die Fänge geraten, und dann kommt erschwerend hinzu, dass keiner sie hier vermisst, weil sie nicht registriert sind. Nicht optimal ist ferner, dass die Flüchtlinge auf diese Art keinerlei professionelle Begleitung haben. Diese erhalten sie nur in einem ordentlichen Verfahren, wie wir es durchführen. Wir kommunizieren bereits aktiv zu diesem Thema auf unserer Webseite und den sozialen Medien. Auch das Staatssekretariat für Migration (SEM) und verschiedene Fachorganisationen haben entsprechende Kampagnen gestartet. Wir haben zudem das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR gebeten, mit Facebook Kontakt aufzunehmen. Die Plattform steht auch selbst in der Verantwortung. Die Solidarität mit der Ukraine ist tatsächlich sehr gross. Die Ukraine ist Teil von Europa. Der Eiserne Vorhang gehört auch zu unserer Geschichte. Viele kennen das Land, waren schon dort oder kennen Ukrainer. Hinzu kommt, dass das Täter-Opfer-Schema bei diesem Konflikt so klar ist. In Syrien und in Afghanistan waren die Konfliktlinien für die Bevölkerung sehr schwer erfassbar, da es sich um Bürgerkriege handelte. Sie sind geografisch weiter weg von uns. Zudem war auch das politische Signal nicht dasselbe. Für die ukrainischen Flüchtlinge waren die Grenzen offen, sie brauchten kein Visum, sie durften einfach kommen. Bei der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan letzten Sommer hiess vom ersten Tag an: Wir nehmen niemanden. Das wirkt sich auf die Stimmung in der Gesellschaft aus. Absolut. Das spielt sicher eine Rolle bei der Unterbringung. Junge Männer hätten da mehr Schwierigkeiten. Aber auch in der Syrienkrise fanden wir Gastfamilien für sie. Das kann auch ein tolles Gefühl sein, den jungen Männern zu helfen, im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Auch sie haben eine Chance verdient. Vor allem jungen Männern gegenüber wurde jahrelang Misstrauen geschürt, aber das bringt uns nirgends hin. Das Befremdende, das manche Menschen empfinden, wenn sie jemandem begegnen, der anders aussieht, andere Gebräuche hat, ist bestimmt nachvollziehbar. Man muss diese Sorgen auch zulassen und auch ernst nehmen. In der politischen Diskussion ist das aber schwierig. Hier wird teilweise gezielt auf Stereotype wie Wirtschaftsmigranten oder Sozialschmarotzer gesetzt. Wenn wir auf unser Projekt während der Syrienkrise zurückblicken, war der wichtigste Faktor die Begleitung und Betreuung der Gastfamilien. Sie brauchen einen Ansprechpartner, der sie unterstützt und für sie da ist. Die Gastfamilie sollte zudem eine finanzielle Entschädigung erhalten, um die Leistung zu honorieren und einen Anreiz für Kontinuität zu schaffen. Wichtig ist aber auch, dass «es passt». Ideal ist ein Gespräch, um sich kennenzulernen, bevor die Platzierung erfolgt. Das ist derzeit aufgrund der grossen Menge an Personen nicht möglich. Wir machen dennoch grossmehrheitlich positive Erfahrungen. Zum Gelingen beitragen kann auch, wenn Gastpersonen ein Umfeld haben, das mithilft. Der eine Nachbar kocht Dienstagmittag, und der andere spielt gern mit den Kindern Fussball, eine andere Nachbarin kann bei den Behördengängen helfen. Wenn das Dorf oder das Quartier die Gastfamilie ist, dann geht alles leichter. Das sind die Erfolgsmodelle. Die häufigsten Gründe für einen Abbruch sind falsche Erwartungen seitens der Gastfamilien punkto Dankbarkeit, was ein Flüchtling, was Hilfe ist. Es entsteht dadurch manchmal ein unschönes Verhältnis zwischen der helfenden Person und der Person, der geholfen wird. Es ist zentral, dass sich beide auf Augenhöhe begegnen können. Wie bei einer Wohngemeinschaft. Genau da bieten wir unsere Unterstützung an! Wir sind im Augenblick daran, mit den Kantonen die Begleitung der Gastfamilien zu klären. Die durch uns vermittelten Gastfamilien können von uns oder unseren Partnerorganisationen wie der Caritas oder dem SRK begleitet und betreut werden. Die SFH kann so ihre Erfahrung einbringen. Die Aufgabe der Sozialdienste könnte sich so auf die Begleitung der Flüchtlinge konzentrieren. Wir könnten auch unerfahrene Gemeinden unterstützen und ihnen unsere Erkenntnisse und die wichtigsten Dokumente für den Umgang mit Gastfamilien zur Verfügung stellen. Einige Kantone, etwa Basel, Waadt oder Schaffhausen, haben zudem eigene gut funktionierende Gastfamilienprojekte und übernehmen die Betreuung der Gastfamilien selbst. Das ist auch gut. Gastfamilien, die Flüchtlinge auf eigene Faust aufnehmen, haben keine entsprechende Begleitung. Sie sind allein und wenden sich bei Schwierigkeiten und Fragen oft voller Ungeduld an die Behörden. Da habe ich etwas Mühe, das zu verstehen. In der Startphase der Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge kam es öfter vor, als damals in der Syrienkrise 2015. Damals mussten wir aber auch umplatzieren – es klappt nicht immer. Dessen muss man sich bewusst sein. Wir können in unserem Modell zumindest mit den Geflüchteten und den Gastfamilien sprechen und gegenseitige Erwartungen klären. Wir schicken unseren Gastfamilien auch Merkblätter, damit sie sich vorbereiten können und besser verstehen, was auf sie zukommt. Gastfamilien, die die geflohenen Menschen via Online-Medien abholen, sind schlechter informiert. Hier ist die Umplatzierungsquote auch höher. «Wir könnten auch unerfahrene Gemeinden unterstützen und ihnen unsere Erkenntnisse und die wichtigsten Dokumente für den Umgang mit Gastfamilien zur Verfügung stellen.» Miriam Behrens Die Gemeinden könnten eigene Gastfamilienprojekte führen. Das wäre sicher Erfolg versprechend. Gerade in kleineren Gemeinden kennt man sich, und so ist die Wahl der passenden Gastfamilien einfacher und sicher auch nachhaltiger. Wir wären sehr offen für die Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Logistisch ist es aber aufgrund der grossen Zahl nicht einfach umzusetzen. Schön wäre auch, wenn die Gemeinden das «community building» unterstützen würden, indem sie – beispielsweise mithilfe der Kirchgemeinde und der ortsansässigen Vereine – alle zusammenbringen: die Gastfamilien, die Flüchtlinge, die freiwilligen Helfer und Helferinnen. Die Sozialdienste sind natürlich nicht dazu verpflichtet. Auch andere Institutionen wie die Quartiervereine könnten die Netzwerkbildung unterstützen. Ich würde mir das sehr wünschen. Denn wenn alle mithelfen, kann auch die Integration und Begleitung der Geflüchteten gut gelingen. Wir vermitteln derzeit keine traumatisierten Menschen oder Personen mit besonderen Bedürfnissen in Gastfamilien. Wir wollen die Gastfamilien nicht überfordern. «Das Verständnis der Bevölkerung für die Lebensumstände der Geflüchteten nimmt durch Gastfamilien zu.» Miriam Behrens Das ist tatsächlich eine herausfordernde Situation, die wir aus der Syrienkrise kennen. Die Gastfamilien setzen sich in solchen Fällen erfahrungsgemäss für ihre Schützlinge ein. Sie werden dabei mit den Schattenseiten des Asylwesens konfrontiert. Hier braucht es besonders viel Begleitung, auch rechtlich. Das Verständnis der Bevölkerung für die Lebensumstände der Geflüchteten nimmt durch Gastfamilien zu. So können wir vielleicht auch politisch etwas zum Besseren verändern. Absolut, deshalb haben wir das lanciert. Aber ohne die Kantone wird das nicht möglich sein. Jetzt ist eine besondere Situation, aber in der Normalphase sind die Asylbewerber oft in Kollektivstrukturen untergebracht. Das kann ich auch verstehen. Es ist wahrscheinlich effizienter und einfacher für die zuständigen Behörden. Es fehlt dadurch aber der Austausch mit der Bevölkerung. Die private Unterbringung bietet hier grosse Chancen: Sie fördert ganz bestimmt die Integration, weil die Flüchtlinge dann nicht irgendwo abgeschottet sind, sondern mitten in der Gesellschaft. Beide verstehen so besser, wo die Probleme liegen. Bei den Flüchtlingen, die komplett abgeschottet sind, entsteht natürlich auch kein Verständnis für die Ausgangslage, in der sie sich befinden. Gastfamilien sollten aus unserer Sicht auch andere Flüchtlingsgruppen aufnehmen können, sofern sie das möchten. Zum Beispiel Resettlement-Flüchtlinge. Beim Resettlement-Programm werden Menschen die, verfolgt sind, vor Ort vom UNHCR und vom SEM als Flüchtlinge eingestuft und in die Schweiz gebracht. Dort könnten sie dann direkt von einer Gastfamilie aufgenommen werden. Es gibt viele, die dazu bereit wären. Leider wird das von den Behörden bisher nicht gefördert. Deshalb ist sicher wichtig, dass es jetzt gut funktioniert, damit sich das Modell durchsetzen kann. Das würde die Situation der Flüchtlinge in der Schweiz insgesamt verbessern – davon profitiert auch die einheimische Bevölkerung. Die Schweiz hat eine humanitäre Tradition und nimmt Menschen auf, die an Leib und Leben bedroht sind. Trotzdem haben Flüchtlinge keinen guten Ruf in weiten Teilen der Bevölkerung, auch weil viele oft viele Jahre nicht arbeiten und auf Sozialhilfe angewiesen sind. Ja, das ist die logische Folge. Wie sollen sich Asylsuchende integrieren, wenn sie nicht willkommen sind, abgeschottet leben müssen, während Monaten nicht arbeiten dürfen, von ihrer Familie getrennt sind und sie auch nicht sehen, geschweige denn nachziehen können. Auch wenn sie irgendwann anerkannte Flüchtlinge sind und arbeiten dürften, finden sie ja nicht gerade eine Stelle nach so langer Zeit. Vorläufig Aufgenommene müssen noch länger warten, bis sie arbeiten können. Das ist enorm schwierig. Tatsache ist aber auch: Nicht alle Flüchtlinge sind in den Arbeitsmarkt integrierbar. Da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Das ist aber okay und auch tragbar. Wir sollten hier keine negative Einstellung haben. Es gibt auch Schweizerinnen und Schweizer, auf die das zutrifft. Tatsächlich haben Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene oft erhebliche Schwierigkeiten, in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen. Seit einigen Jahren erhalten die Kantone mehr Geld für die Integration der Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen. Sehen Sie, dass das etwas bringt? Ja, wir begrüssen die Integrationsagenda ausgesprochen. Damit erhalten die Kantone Vorgaben, was sie für die Integration tun müssen. Das ist ganz bestimmt positiv. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse des nationalen Monitorings. Das Problem ist, die Integrationsmassnahmen beginnen zu spät im Prozess. Anders als im Falle der Ukraine haben die Geflüchteten aus Syrien oder Afghanistan in der Regel einen langen Fluchtweg hinter sich. Sie waren oft Monate, wenn nicht Jahre auf diesen grauenvollen Fluchtwegen unterwegs und sind oft traumatisiert. Nach der Ankunft in der Schweiz passiert im Normalfall punkto Integration erstmal nichts. Man will schliesslich nicht in Menschen investieren, die allenfalls das Land wieder verlassen müssen. Es gibt während des Asylverfahrens kaum Beschäftigungsprogramme oder Bildungsangebote. Der Nachteil ist, man verliert damit die Integrationsfähigkeit vieler. Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Flüchtlinge nur vorläufig aufgenommen wird, aber dennoch etwa zehn Jahre bleibt. Das ist unsinnig. Bei der vorläufigen Aufnahme sind die Integrationsmassnahmen sehr eingeschränkt. Seine Familie darf man etwa erst nach drei Jahren nachziehen, und das nur, wenn man unabhängig von Sozialhilfe ist und über eine grosse Wohnung verfügt. Auch die Reisefreiheit ist massiv eingeschränkt. Der Vergleich zu den Integrationsmöglichkeiten der Ukrainerinnen mit dem Status S ist diesbezüglich frappant, die Rechtsungleichheit ist stossend. Die soziale Integration ist für uns der zentrale Punkt. Die Integration ist heute sehr monetär definiert und auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Wir halten es jedoch für zentral, dass die Flüchtlinge in der Gesellschaft leben und nicht irgendwo abseits. Da sind die Gastfamilien natürlich zentral. Die Sprache wird so einfacher erlernt, und die Geflüchteten lernen unseren Lebensstil kennen. Die Möglichkeit, auf diesem Weg niederschwellige Hilfe zu erhalten, Netzwerke zu nutzen, sind Integrationsbooster. Die Unterbringung von Flüchtlingen in Gastfamilien ist zwar etwas aufwendiger für den Staat, aber die Integration funktioniert ganz bestimmt besser. Somit wird der Staat ja auch wieder entlastet. Das gilt nicht für jeden Fall. Die Bilanz ist aber sicher positiv. Ja. Die prioritär angestrebte Beschleunigung bei den Asylverfahren ging insbesondere im ersten Jahr eindeutig zulasten der Qualität. Es ist ja zentral, die Fluchtursachen genau zu verstehen, um einen Asylentscheid zu fällen. Ferner muss man den Gesundheitszustand einordnen können. Wenn all das ungenügend abgeklärt wird, ist der Entscheid oft falsch und wird vom Verwaltungsgericht für nichtig erklärt. Das geschieht häufig, und ich finde, das sollte nicht so sein. Wir werden das weiter im Auge behalten und evaluieren und wenn nötig noch einmal intervenieren. «So gehört die Schweiz insgesamt zu den Ländern, die eine durchaus positive und aktive Rolle spielen.» Miriam Behrens Man kann feststellen, dass nach jahrzehntelanger Konzentration auf Verschärfungen im Schweizer Asylwesen nun mit dem Rechtsschutz im Asylverfahren und mit der Integrationsagenda grosse Verbesserungen spürbar sind. So gehört die Schweiz insgesamt zu den Ländern, die eine durchaus positive und aktive Rolle spielen. Andererseits ist die Schweiz ein sehr wohlhabendes Land und könnte natürlich durchaus mehr tun. Besonders stossend ist die brutale Abschottung an Europas Aussengrenzen, die die Schweiz mitträgt. Tatsache ist zudem, dass die Schweiz im Rahmen des EU-Dublin-Abkommens sehr konsequent darin ist, Flüchtlinge in andere Länder zurückzuschicken. Da ist die Schweiz Europameisterin. In der Praxis beobachten wir in diesem Sinne eine gewisse Härte. Ingrid Hess

«Die Schweiz macht eine schlechte Familienpolitik»

Monika Maire-Hefti: Was die Politik angeht, muss ich sagen: Die Schweiz macht eine schlechte Familienpolitik. Sie hinkt der Realität hinterher. Da muss wirklich noch einiges passieren. Wir müssen uns endlich überlegen, wie wir die Familien besser unterstützen können. Ein Drittel der Sozialhilfebezüger sind Kinder. Es kann definitiv niemand sagen, dass wir eine gute Familienpolitik machen. Da ist noch sehr grosser Handlungsbedarf. Armut ist in der Schweiz zwar ein Thema, über das gesprochen wird, aber gerade die Familienarmut ist ein Tabu, über das in der Öffentlichkeit weitgehend Stillschweigen herrscht. Ich meine damit nicht nur diejenigen Familien, die schliesslich auf Sozialhilfe angewiesen sind, sondern auch die, die es gerade noch so schaffen – unter grosser Anstrengung. Ich glaube, dass die Corona-Pandemie erhebliche Auswirkungen auf die Familien hatte, und zwar auf alle Familien. Ganz besonders betroffen aber waren die Familien mit niedrigem Einkommen. Es wurde inzwischen eine Reihe von Studien zu den Auswirkungen von Corona auf Familien in Auftrag gegeben. Diese Resultate werden wir jetzt erst mal abwarten. Es sind immer viele Themen im Fokus. Ich glaube die Elternzeit ist jetzt aber wirklich das Thema, das wir angehen müssen. Und das nicht nur innerhalb der EKFF. Wir brauchen eine breite Diskussion darüber in der Gesellschaft. Ich bin sicher, dass die Elternzeit uns in den nächsten zwei bis drei Jahren intensiv beschäftigen wird. Aber es gibt natürlich auch andere Themen, die uns weiterhin wichtig sind und die wir voranbringen wollen. Das betrifft insbesondere die Chancengleichheit. Dazu gehört natürlich auch die frühkindliche Betreuung. Dieses Thema bleibt ganz bestimmt auf dem Tisch. In der Studie der OECD über die Familienfreundlichkeit in Europa steht die Schweiz als eines der familienunfreundlichsten Länder nach Zypern und Griechenland ganz am Schluss auf Platz 31. Fast alle Länder haben eine Elternzeit. Eltern haben beispielsweise in Deutschland Anspruch auf 14 Monate Elternzeit mit Elterngeld. Estland bietet den Müttern mit 85 Wochen den längsten Mutterschaftsurlaub bei vollem Lohn, gefolgt von Ungarn (72 Wochen) und Bulgarien (65 Wochen). In der Schweiz haben wir (seit 2005) 14 Wochen Urlaub für Mütter und jetzt neu 2 Wochen für Väter. Warum hinkt die Schweiz so hinterher? Das klassische Modell der Hausfrau, die sich um Kinder und Küche kümmert, ist in der Schweiz vor allem in den Köpfen noch sehr verbreitet. Im Kanton Neuenburg wurde gerade ein Projekt lanciert mit dem Ziel, flächendeckend Tagesschulen zu schaffen. Sie glauben nicht, wie zahlreich die Stimmen sind, die sagen: Das geht doch nicht, Kinder müssen zu Hause Mittag essen. Solange diese Haltung so dominant ist, kommen wir in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur in kleinen Schritten vorwärts. Es ist doch paradox: Die Universitäten sind voller junger Frauen, die gute Ausbildungen absolvieren, und dann, sobald das erste Kind auf die Welt kommt, arbeiten sie nur noch 20 oder 30 Prozent. Es braucht wirklich noch einen Wandel in der Mentalität der Gesellschaft. «Nur wenn wir Mann und Frau etwa gleich in die Familienarbeit einbinden, bewegen wir uns in Richtung Gleichstellung.» Natürlich hat es auch mit dem relativen Wohlstand zu tun, der es in der Schweiz vielen Familien ermöglicht, gut über die Runden zu kommen, auch wenn die Frauen nichts oder wenig dazuverdienen. Es gibt kein anderes Land, in dem so viele Mütter weniger als 50 Prozent arbeiten. In den umliegenden Ländern arbeiten die meisten Frauen voll, auch wenn Kinder da sind. Es ist hierzulande auch immer noch mit einem Prestigeverlust verbunden, wenn die Frau arbeiten geht. 2010 stellte die EKFF zum ersten Mal ein Modell für eine Elternzeit vor. Vorgesehen war ein 38-Wochen-Modell, inklusive Mutterschaftsurlaub, das heisst 24 Wochen, die sich die Eltern nach dem Mutterschaftsurlaub aufteilen können. 2018 haben wir das Modell leicht angepasst. Denn wir haben aus den Erfahrungen der umliegenden Länder gelernt, dass die Männer die Möglichkeit, Elternzeit zu nehmen, nicht wahrnehmen, ausser eine bestimmte Anzahl Wochen, die bei Nichtbezug verfällt, ist für sie reserviert. Darum haben wir das Modell dahingehend abgeändert, dass für den Mann acht Wochen Elternzeit reserviert sein müssen, die er nicht an die Frau übertragen kann. Inzwischen gehen wir jedoch noch einen Schritt weiter und überlegen, ob wir nicht ein Elternzeitmodell fördern sollten, das noch paritätischer ist. Nur wenn wir Mann und Frau etwa gleich in die Familienarbeit einbinden, bewegen wir uns in Richtung Gleichstellung. Ja klar. Das ist so. Die Väter verdienen mehr. Allerdings ist der Erwerbsersatz heute plafoniert bei 196 Franken pro Tag. Das ist den Vätern wohl häufig zu tief. Der Maximalsatz wurde bei der Einführung des zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs auf der Basis der seit 2005 vorhandenen Mutterschaftsentschädigung berechnet, der auf tieferen Frauenlöhnen basiert. Im Militär ist der maximale Tagessatz viel höher. Der Nationalrat hat im September 2021 das Postulat «Volkswirtschaftliches Gesamtmodell (Kosten-Nutzen) von Elternzeitmodellen» überwiesen. Mit der Studie sollen nun vertiefte Kenntnisse über die Kosten-Nutzen-Analysen unterschiedlicher Elternurlaubsmodelle gewonnen werden. Glauben Sie, dass der Elternurlaub jetzt bald realisiert wird? Da habe ich ehrlich gesagt meine Zweifel. Das Postulat entstand, als die Motion zur Einführung einer Elternzeit von insgesamt 2× 14 Wochen, inklusive Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, von GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy 2019 bereits in der vorberatenden Kommission scheiterte. Ich vermute also, dass zwar vielen Politikerinnen und Politikern dämmert, dass es langsam Zeit wäre für eine umfassende Elternzeit, aber eigentlich will man sie – noch – nicht. Ich sehe im Postulat zur Kosten-Nutzen-Analyse eine reine Verzögerungstaktik. Die EKFF hat 2017 bereits versucht, eine solche Analyse zu realisieren. Aber es ist enorm schwierig, ein klares Ergebnis zu erzielen, da sehr viele Annahmen getroffen werden müssen und viele der positiven Auswirkungen nicht in Franken und Rappen ausgedrückt werden können. In zehn Jahren vielleicht (lacht). Aber immerhin besteht jetzt die Hoffnung, dass wir ganz konkret und breit in der Gesellschaft über eine Elternzeit diskutieren. Und es gibt zum Glück immer mehr Unternehmen, die ihren Angestellten freiwillig Angebote in diese Richtung machen, weil sie attraktive Arbeitgeber sein möchten. Das sehe ich nicht ganz so. Vor allem in den skandinavischen Ländern ist die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Eltern bereits selbstverständlich. Das klassische Rollenmodell hält sich in der Schweiz einfach hartnäckiger. Bei uns wurde die Politik früher in grossen Teilen von bürgerlichen Männern gestaltet. Diese hatten kaum Interesse, einen Teil ihrer Zeit ohne Einkommen zu Hause mit der anspruchsvollen Betreuung ihrer Kinder zu verbringen und sich eine Doppelbelastung aufzuerlegen. Zudem waren früher die Frauen aufgrund der klassischen Rollenverteilung auch viel schlechter ausgebildet. Das alles ist heute völlig anders. Ganz klar. Es gibt viele Studien, die das zeigen. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von guten und bezahlbaren Betreuungsplätzen und den Stellenprozenten, die Frauen beruflich arbeiten. Je einfacher es ist, einen solchen Betreuungsplatz zu finden, umso höher ist der Anstellungsgrad der Frauen. Vor Kurzem ist im Kanton Neuenburg eine Studie zu genau diesem Thema publiziert worden, und auch sie kommt zu diesem Ergebnis. Genau, aber auch für Familien mit Migrationshintergrund ist es wichtig, dass sie die Angebote auch nutzen können. Sie benötigen dafür aber Unterstützung, damit sie die Anträge auf Subvention für einen Betreuungsplatz stellen können. Das ist für viele Betroffene enorm schwierig, aus sprachlichen Gründen und weil die Komplexität der Anträge und Verfahren hoch ist. Natürlich spielen auch kulturelle Fragen eine Rolle. Aber hier sind wir eigentlich gut unterwegs. In vielen Kantonen laufen Pilotprojekte, auch zur Sprachförderung der Kinder. Es ist breit anerkannt, dass es mehr bezahlbare Betreuungsplätze braucht und dass die Qualität stimmen muss. Im Kanton Waadt sind die Erfahrungen mit den Familienergänzungsleistungen (FamEL)sehr positiv. Die Situation von Familien an der Armutsschwelle hat sich stark verbessert. Aber natürlich sind die FamEl ein Kostenpunkt, weshalb sich die meisten Kantone damit schwertun. Ich denke aber, es ist ein bisschen kurzsichtig, die FamEl nur als Kostenpunkt zu beurteilen. Wenn es den Familien besser geht, entsteht oft eine Art Dominoeffekt, der zur Verbesserung der Situation der Familien auf vielen Ebenen führt. Ja. Auch. Aber es gibt weitere Gründe dafür: Das Wachstum der globalen Bevölkerung und die Klimakrise beunruhigen viele Menschen in der Schweiz. Wir überlegen uns heutzutage genau, ob und wann wir ein Kind wollen. Dann hat es auch mit unserem Wohlstand zu tun. Es ist ein Thema, das sehr weitläufig ist. Da kann man nicht einfach sagen, es liegt nur an einer ungenügenden Familienpolitik. Es gibt immer mehr Familienformen, die nicht der traditionellen Kernfamilie entsprechen. Gerade in juristischer Hinsicht passen diese Familienformen nicht immer in die vorhandenen Raster. Auch die Sozialhilfe stützt sich bei der Bemessung der Ansprüche auf die Kernfamilie ab. Sobald andere Familienformen vorhanden sind, wird es sehr kompliziert. Müsste man das Familienrecht nicht modernisieren? Ja. Das Familienrecht ist nicht mehr in allen Bereichen à jour. Der Wandel der Gesellschaft mit den verschiedenen Familienformen ist auch für unsere Kommission ein grosses Thema. Es werden im Recht der sozialen Sicherheit zahlreiche dieser Konstellationen nicht angemessen berücksichtigt, sodass es zu Ungleichbehandlungen und Benachteiligungen bestimmter Familienformen kommen kann. Oft sind es gerade Frauen und Kinder, die aufgrund solcher Unzulänglichkeiten in prekäre Situationen gelangen. Die Existenzsicherung muss so ausgestaltet sein, dass verschiedene Familienformen als gleichwertig gelten und eine angemessene Existenzsicherung für alle sichergestellt ist. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, bedarf es Anpassungen in verschiedenen Bereichen des Sozialstaats. Es ist schwer zu beurteilen, was genau der Grund ist. Da gibt es viele verschiedene. Das Thema ist nun ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Denn das Phänomen der häuslichen Gewalt ist stark präsent – und zwar in allen Milieus, allerdings mit einem überproportionalen Anteil an Täterinnen und Tätern mit Migrationshintergrund. 2020 wurden 20 123 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt registriert, darunter 89 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte. Gegen 40 Prozent aller polizeilich registrierten Straftaten sind dem häuslichen Bereich zuzuordnen. Bei einigen Gewaltdelikten ist dieser Anteil über die Jahre deutlich angestiegen, bei den vollendeten Tötungsdelikten ganz erheblich, aber auch bei Vergewaltigungen. Frauen stellen 72 Prozent aller Gewaltopfer dar. Präventions- und Aufklärungsarbeit sowie Beratungsstellen- und Schutzeinrichtungen für Betroffene, also Täter und Opfer, sind wichtig. Es sind praktisch in allen Kantonen dank finanzieller Unterstützung des Bundes Sensibilisierungsprojekte entstanden. Neben den kantonalen Stellen sind dies das Eidgenössische Büro für Gleichstellung von Frau und Mann (EGB), die Schweizerische Konferenz gegen häusliche Gewalt, Kinderschutz- und Kinderrechtsorganisationen, die Pro Juventute mit der Beratungsnummer 147, Männer- und Männerrechtsorganisationen, Opferberatungsstellen sowie die ausserparlamentarischen Kommissionen für Frauen, für Familien und für Kinder- und Jugendliche. Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit. Gewalt und Bedrohung in familiären und partnerschaftlichen Beziehungen müssen geahndet werden. Den Bewohnerinnen und Bewohnern unseres Landes muss klar sein, was unser kulturelles Verständnis und die Definition von Gewalt ist. Patriarchale Vorstellungen und kulturelle Praxen anderer Länder haben keinen Platz. Ingrid Hess

«Klimaschutz ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten»

ZESO: Sehr geehrter Herr Stocker, extreme Wetterereignisse haben in allen Regionen der Welt zugenommen, auch hier bei uns. Davon zeugten diesen Sommer die sintflutartigen Regenfälle wie auch die Waldbrände im Süden Europas. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass das eine Folge des Klimawandels ist, wie der sechste Bericht des Weltklimarates IPCC darlegt? THOMAS: STOCKER: Am 9. August 2021 kam der sechste Sachstandsbericht des IPCC heraus. Der erste Bericht des internationalen Forscherrats zum Klimawandel erschien 1990. Der Auftrag lautete damals, das Wissen über den Klimawandel zusammenzutragen und zu beschreiben, was er für die Zukunft bedeutet. Dieser Auftrag hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert. Geändert hat sich in den letzten drei Jahrzehnten hingegen das Klima. Es hat sich weiter erhitzt. Die Folgen der Klimaerwärmung – vermehrt auftretende Extremereignisse wie extreme Hitzeperioden und Niederschläge – wurden schon früh in den Berichten in Aussicht gestellt. Sie sind längst eingetreten. Da gibt es in der Wissenschaft keinen Zweifel mehr. Was wir im vergangenen Sommer erlebt haben, entspricht den Voraussagen der Forschung, was passiert, wenn man keinen Klimaschutz betreibt. Aufgrund neuer Forschungsergebnisse haben wir heute neu die Möglichkeit, zu erkennen, wie wahrscheinlich Extremereignisse wie beispielsweise die Hitzebrände in Nordamerika oder die Hitzewellen in Russland und anderen Gebieten ohne die Klimaerhitzung gewesen wären und welchen Beitrag der Mensch zur Verschärfung der Situation geleistet hat. Wir können heute klar sagen, dass die Klimaentwicklung der letzten 50 Jahre eindeutig auf die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und die dadurch ansteigende Konzentration von CO 2 in der Atmosphäre verursacht wird. Die Temperatur ist in der Schweiz bereits um 2 Grad angestiegen, im globalen Mittel um 1,1 Grad. Das hat damit zu tun, dass wir weiter vom Ozean entfernt sind als beispielsweise Frankreich oder Deutschland. Ausserdem liegt die Schweiz in der Alpenregion, die klare Jahreszeiten kennt. Da die Winter und damit die Schneebedeckung, die die Sonnenstrahlen reflektiert, jetzt später kommen und früher gehen, heizt sich diese Region schneller auf. Das gilt natürlich auch für andere Regionen nördlich des 60. Breitengrades, wo die Schneebedeckung und das Meereis ebenfalls bereits stark zurückgegangen sind. Sie erforschen die Zusammenhänge des Klimas seit vielen Jahren, waren 1998 bis 2015 im IPCC, dem wichtigsten internationalen Forscherrat, der die Grundlagen für die globale Klimapolitik schafft. Sie haben viele Preise und Auszeichnungen erhalten, wie kamen Sie zum Forschungsgegenstand Klimawandel? Ich studierte in Zürich ab 1980 Umweltphysik. Das war damals ein ganz neuer Studiengang. Die ETH wusste noch überhaupt nicht, was genau der Inhalt des Studiengangs sein würde. Das entwickelte sich erst im Laufe des Studiums. Dadurch hatten wir Studierenden bei der Wahl der Studienfächer eine grosse Freiheit. Als dann ein Professor, der in Kanada eine neue Forschungsgruppe aufbaute, die sich mit dem Klimawandel befasste, meinen Chef an der ETH besuchte, begann mich das Thema zu interessieren. Ja natürlich, das war doch bereits 15 Jahre, nachdem der Club of Rome gegründet worden war. In den 1970er-Jahren war das Umweltbewusstsein stärker als heute. Gewässerverschmutzung, Abfallentsorgung … das waren damals grosse Themen. Dennoch wuchs der Konsum infolge der Globalisierung seit Ende der 1990er-Jahre ungebremst und verschärfte diese Probleme weiter. Neben der Frage, wie die Treibhausgaskonzentration das Klima beeinflusst, ist auch die Frage ein grosses Thema, welche Auswirkungen der Klimawandel auf eine Region hat. Durch die Arbeit beim IPCC wurde schnell klar, dass es hier einen riesigen Informationsbedarf gibt. Das betrifft vor allem die verwundbarsten Regionen der Welt, also Regionen, die wie beispielsweise Bangladesch einerseits von der geografischen Lage her besonders exponiert sind und sich andererseits auch schlecht an den Klimawandel anpassen können, weil sie weder die Finanzen besitzen noch über die Technologien verfügen. Die Niederlande sind zwar auch stark exponiert, aber besser gerüstet, um sich vor dem steigenden Meeresspiegel zu schützen. Vor dem, was im 22. Jahrhundert noch auf sie zukommen wird, sind aber auch sie nicht gewappnet. Österreich und die Schweiz sind hier ganz anders aufgestellt. Es geht darum, die Wirkung von Klimaveränderung, Landnutzung und Biodiversität auf Mensch und Natur zu untersuchen. Dazu werden vier Hotspots auf der Erde untersucht. Wir wollen dazu die Menschen vor Ort in Kenia, Peru und Laos miteinbeziehen. Im Fokus stehen die Entwicklung des Klimas und der Wasserressourcen, die Biodiversität, die Landnutzung und die Lebensumstände der Menschen. Ziel ist, «nature conservation» nachhaltig zu gestalten und dabei «human well-being» zu verbessern. Was wissen wir über die sozialen Folgen des Klimawandels? Befürchtet wird oft, dass Klimaschutz teuer ist, und für Haushalte mit geringem Einkommen zu höheren Kosten führt. Die Sturzfluten und die massiven Überschwemmungen im vergangenen Sommer forderten in Deutschland fast 200 Tote und verursachten Schäden in Milliardenhöhe. Vermutlich sind auch solche Ereignisse nicht sozialgerecht? Leider wissen wir darüber noch nicht viel. Deshalb würde ich mir wünschen, dass sich die Sozialwissenschaften ähnlich wie die Klimawissenschaften organisieren würden, um die sozialen Folgen des Klimawandels zu erforschen. Vor 30 Jahren waren wir auch erst einzelne Forscher, die sich mit dem Klima befassten. Heute sind wir eine riesige weltweite Community, die in engem Kontakt ist und einen intensiven Austausch pflegt. Das sollte es auch in den Sozialwissenschaften geben. Auch im IPCC sind Sozialwissenschaftler, Biologen, Ökologen und sogar Philosophen dabei, aber nur eine Handvoll. Vor allem die Wirtschaftswissenschaft scheint sich erst jetzt langsam für das Thema zu interessieren. Das ist bedauerlich, denn die Lösung der Klima- und die Ressourcenproblematik braucht den Input der Wirtschaftswissenschaften dringend. Vor 31 Jahren wurde der erste IPCC-Bericht publiziert, und die Folgen der Klimaerwärmung sind inzwischen deutlich spürbar. Dennoch ziehen Politik und Gesellschaft aus den Erkenntnissen der Wissenschaft nach wie vor nicht die nötigen Konsequenzen. Statt einer CO2-Reduktion wird gemäss einem UNO-Bericht jetzt bis 2030 ein Anstieg der Treibhausgase um 16 Prozent erwartet. In der Schweiz ist das CO2-Gesetz, das kein radikaler Schritt gewesen wäre, letzten Juni an der Urne gescheitert. Ist das nicht frustrierend? Äusserst frustrierend, aber es ist auch einiges passiert. Das Pariser Klimaabkommen legt ja als Ziel fest, den Temperaturanstieg bis 2100 auf unter 2 Grad zu begrenzen. Es scheitert an der Implementierung der Länderziele. Das Problem ist, dass die Zeit nun wirklich drängt. Wir können nicht einfach sagen, wenn das CO 2 -Gesetz gescheitert ist, dann machen wir bis 2030 ein neues. Dann sind uns gewisse Möglichkeiten, etwas für den Klimaschutz zu tun, entglitten. Immerhin gibt es auch Hoffnungssignale: Der Kanton Glarus hat sich ein absolut zukunftsweisendes Energiegesetz gegeben, das den Einbau neuer Ölheizungen verbietet. Klimaschutz ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten. Klimaschutz wäre für die Wirtschaft eigentlich eine Chance. Die Schweiz rühmt sich, Innovationsstandort zu sein. Die Schweiz hat genügend Geld, um in Innovationen zu investieren. Und die brauchen wir. Zum Beispiel eine zu 99 Prozent recycelbare Batterie. Dafür gäbe es einen Weltmarkt. Doch wir sind drauf und dran, diese wirtschaftlichen Chancen zu vergeben. Bei allem Respekt für den Ideenreichtum, über den diese Leute verfügen … hier müssen sie mehr Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen. Flüge ins All sind sicher sinnvoll zur Erweiterung der Kenntnisse im Rahmen der Weltraumforschung. Als Freizeitvergnügen sind sie ein kompletter Unsinn. Es kommt vor, aber bei der CO 2 -Gesetzesrevision wurde die Wissenschaft jedenfalls nicht involviert. Ich sage nicht, dass das Abstimmungsergebnis anders ausgefallen wäre, aber im Vorfeld strategischer Entscheidungen, wie beispielsweise beim CO 2 -Gesetz, wäre ein Austausch über die üblichen politischen Interessenvertretungen hinaus sicher sinnvoll – natürlich nicht einen Monat vor der Abstimmung, sondern möglichst frühzeitig. Interessant ist, dass die Klimajugend immer auf die Wissenschaft Bezug genommen hat. Sie kannte die Ergebnisse und die Argumente der Wissenschaft sehr gut. Das tue ich mir nicht an. Viele meiner Kollegen twittern. Um möglichst viele Follower zu haben, muss man seine Follower ständig unterhalten. Das ist nichts für mich. Wir wollen das älteste Eis in der Antarktis finden. Dazu hoffen wir, einen Eisbohrkern zu bergen, der einen Rückblick auf mehr als 1,5 Millionen Jahre ermöglicht. Das ist ein grosses europäisches Projekt, «Beyond Epica – Oldest Ice», an dem die Schweiz führend beteiligt ist. Es geht darum, eine lückenlose Klimageschichte erzählen zu können. Vor 20 000 Jahren wären wir hier in Bern unter einer 400 Meter dicken Eisdecke. Alle etwa 100 000 Jahre gab es während der letzten 800 000 Jahre eine Eiszeit, davor ereigneten sich diese Eiszeiten zweieinhalbmal schneller, nämlich alle 40 000 Jahre. Wir wollen wissen, wie es zu diesem Wechsel kam. Wir sind überzeugt, dass die Treibhausgase dabei eine wichtige Rolle gespielt haben, aber wir wissen nicht, in welchen Konzentrationen. Diesen Schatz wollen wir heben. Wenn wir verstehen, wie sich die Dynamik der Veränderungen wie Meeresspiegelerhöhung den Treibhausgaskonzentrationen anpasst, können wir auch die Zukunft noch besser abschätzen. Ingrid Hess

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