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«Es wird ganz oft an den Adressatinnen und Adressaten vorbeikommuniziert.»

Anne Parpan-Blaser: In der Schweiz wird sicher noch nicht genug getan. Im Schattenbericht von Inclusion Handicap zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wird 2022 festgehalten, dass im Bereich der Kommunikation und Information noch sehr viele Barrieren bestehen. Während der Bund verpflichtet ist, Zugänglichkeit sicherzustellen, gilt dies für Kantone, Gemeinden und private Anbieter – noch – nicht. Zugänglichkeit ist auch eine Frage der Verständlichkeit von Sprache. Es ist immer eine individuelle Frage, was ich brauche, um meine Rechte und Pflichten als Bürgerin wahrnehmen zu können. Als Einzelperson kann das Recht auf verständliche Information aber nicht eingeklagt werden, weil die Schweiz das Zusatzprotokoll zur UN-Behindertenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat. Es gibt eine Reihe von Initiativen zur Leichten Sprache in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, aber sie zeigen noch keine umfassende Wirkung, weil sie immer abhängig sind von engagierten Einzelpersonen, von engagierten Teams, von engagierten Gemeindeverwaltungen oder Organisationen. Damit bleiben die Massnahmen sehr punktuell. Die Zielgruppe der Leichten Sprache ist sehr breit. Es sind im Grunde alle Personen, die vorübergehend oder dauerhaft in ihrer Lese- und Verstehenskompetenz eingeschränkt sind. Das können Personen sein, die einen Schlaganfall hatten oder die als Zugezogene eine der Landessprachen lernen. Es können Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung sein. Es können Menschen sein mit Sehbehinderungen, Menschen, die mit zunehmendem Alter Verständigungs- oder Wahrnehmungsschwierigkeiten haben. Es geht auch um Menschen mit geringem Bildungsniveau, Menschen in Belastungs- oder Notsituationen. Wir alle können in eine dieser Situationen kommen. Das ist so. Eine Studie aus Deutschland zeigt: Behörden gehen meistens von einem zu hohen Sprachniveau ihrer Adressaten aus. In der Regel gehen sie vom C1-Niveau gemäss dem europäischen Referenzrahmen für Sprachen aus; er unterscheidet Sprachniveaus von A1 bis C2. Etwa 70 Prozent der Personen, die die Unterlagen lesen, haben aber ein tieferes Sprachniveau und verstehen den Text nicht oder nur schlecht. Das heisst, es wird ganz oft an den Adressatinnen und Adressaten vorbeikommuniziert – das gilt auch für die Schweiz. Wenn ich also beispielsweise für den Antrag auf Sozialhilfe schwer verständliche Informationen erhalte, stellt sich die Frage, ob ich diese dann noch nachvollziehen kann, wenn ich zu Hause bin und für den Antrag Unterlagen zusammenstelle, Nachweise erbringen muss usw. Für das Projekt Durchblick* haben wir viele Gespräche bei Sozialdiensten hospitiert und auch die Unterlagen und Dokumente untersucht, die im Rahmen der Gespräche abgegeben wurden. Es war einerseits auffällig, dass es sehr viele Unterlagen sind und andererseits, dass diese sehr komplexe Sachverhalte betreffen, zum Beispiel die Subsidiarität der materiellen Sozialhilfe. Weiter fiel auf, dass es den Unterlagen zum Teil an Systematik fehlt, sie nicht aufeinander aufbauen, sich nicht aufeinander beziehen. Auch das Layout ist oft nicht unterstützend, um sich leichter in den Erklärungen zurechtzufinden. Das Material ist für Personen geeignet, die in der Schweiz aufgewachsen sind, gute Sprachkenntnisse haben, das Sozialhilfesystem kennen und mit administrativen Abläufen vertraut sind. Wir haben gemerkt, dass die Sozialarbeitenden viel investieren, um die Informationen verständlich zu machen und sie zu übersetzen. Aber ein Gespräch ist flüchtig, Klienten machen meist keine Notizen. Dann fragt sich, ob sie zu Hause noch wissen, was das Wichtigste war, was jetzt zu tun ist. Haben sie verstanden, was ihre Rechte und Pflichten sind? Es bräuchte etwas, das die Gespräche begleitet, worauf man sich beziehen kann. Damit die Betroffenen zu Hause mit ihrer Familie, Angehörigen oder Bekannten noch einmal ansehen können, was vorher besprochen wurde. Aber es reicht nicht, einzelne Dokumente in Leichte Sprache zu übertragen. Es bräuchte ein Kommunikationskonzept, das festhält, wie solche Elemente eingebettet sind, und Leitlinien festlegt, wie ein Sozialdienst mit Adressaten kommuniziert. Es gibt verschiedene Ansätze. Bald wird eine DIN-Norm zu Leichter Sprache erscheinen. Dort ist sehr detailliert beschrieben, wie man in Leichter Sprache formuliert oder wie man Texte, die schon vorliegen, in Leichte Sprache überträgt. Auch die Vereinigung Inclusion Europe stellt Leitlinien oder Standards zur Verfügung. Eine andere Entwicklungslinie zur Vereinfachung der deutschen Sprache sind sogenannte Angemessenheitsfaktoren: Passt der Text eigentlich in den Kontext, in dem er eine Funktion hat? Ist er ausreichend einfach? Ist er ausreichend kurz? Hat er eine klare Ordnung? Macht er Lust aufs Lesen, oder ist er eine Buchstabenwüste? Das ist so. Die Wahl der Bildsprache ist manchmal nicht dem Publikum angemessen, das sie ansprechen soll. Im Übrigen ist die Annahme falsch, dass Bilder immer zur Verständlichkeit beitragen. Auch Bilder müssen verstanden werden bzw. man muss auch Bilder lesen können. * Projekt zur Erarbeitung visueller Kommunikationshilfen für Beratungsgespräche auf Sozialdiensten (https://skos.ch/shop/artikel/durchblick sowie www.mehrdurchblick.ch). Ingrid Hess

Vererbung der Armut – Schicksal?

«Vererbte Armut: ein unabwendbares Schicksal? Kindern in der Sozialhilfe einen Platz geben.» So lautet der Titel des Dossiers des Monats, das Artias im März veröffentlichte. Unter jenen, die Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssen, befinden sich viele Familien. Allein erziehen, also die blosse Tatsache, Kinder zu haben, erhöht das Armutsrisiko. Deshalb machen Kinder ein Drittel der Sozialhilfeempfänger aus; sie sind die demografische Gruppe, die am häufigsten von der Sozialhilfe unterstützt wird. Während Kinder bei der Bemessung der wirtschaftlichen Unterstützung durchaus berücksichtigt werden, gibt es hingegen kaum Überlegungen, wie der Alltag dieser Kinder aussieht, die in Familien aufwachsen, die manchmal über viele Jahre hinweg Sozialhilfe beziehen. So haben die erwachsenen Kinder ein hohes Risiko, ebenfalls ein prekäres Leben zu führen und die Armut von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Der Alltag von Kindern in Armut, ihre Forderungen, Wünsche und Träume bilden den Kern einer vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten partizipativen Forschung, die von Professorin Sylvia Garcia Delahaye und ihrem Team geleitet wird. Zusammen mit jungen Co-Forscherinnen und Co-Forschern, die selbst von Armut betroffen sind, hat das Forschungsteam Kinder gebeten, ihre Situation zu schildern und in Bildern darzustellen. Die gesammelten Aussagen zeigten anschaulich, wie die Kinder ihre familiäre Situation erleben, insbesondere Armut, Inanspruchnahme von Sozialhilfe oder auch Nichtinanspruchnahme von Leistungen. Verschiedene Zielgruppen wurden schliesslich mit den Aussagen von Kindern konfrontiert. Die Autorinnen holten Reaktionen und Überlegungen von Sozialarbeitenden und Fachleuten der Sozialhilfe dazu ein. «(...) Das Risiko ist, dass (die Jugendlichen) aufgeben, weil sie nicht nur den Haushalt machen und kochen, sondern auch das ganze Geld ihrer Arbeit von der Sozialhilfe abgezogen wird, das ist ein Gefühl der Ungerechtigkeit als Jugendlicher, und es sagt (viel über die ‹Logik›) der Sozialhilfe aus.» Fachkraft Sozialhilfe In einem zweiten Schritt werden im Dossier die Menschen- und Grundrechtsverpflichtungen der Schweiz dem Sozialhilferecht bzw. den SKOS-Richtlinien gegenübergestellt. Wiederholt stellen die Autorinnen fest, dass das Recht der Realität von Kindern widerspricht. Die Kinderrechtskonvention proklamiert das Recht der Kinder auf Gesundheit, Schutz vor Misshandlung sowie das Recht auf Bildung und Förderung, Freizeit, Erholung und Spiel, ein sicheres Zuhause und das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft. «Diese Rechte werden bei Kindern, die von Armut betroffen sind, wiederholt verletzt. Da sie von Erwachsenen abhängig sind, die selbst arm und verletzlich sind, haben sie ein höheres Risiko, an Krankheiten zu erkranken und in ihrer Entwicklung eingeschränkt zu werden», schreibt Caritas Schweiz 2012. Am Schluss werden Empfehlungen vorgestellt, wie die Rechte von Kindern in der Sozialhilfe und generell in der Sozialarbeit sowie in der Familien-, Kinder- und Jugendpolitik besser berücksichtigt werden können. Die Empfehlungen orientieren sich an den drei vom Bundesrat definierten Säulen der Kinder- und Jugendpolitik: Schutz, Förderung, Partizipation. Systematische Berücksichtigung des Kindeswohls während der Dauer der sozialen Betreuung und bei der Entscheidungsfindung, insbesondere bei Themen wie Erwerbstätigkeit bzw. Eingliederung der Eltern, Ausbildung der Kinder, Unterbringung der Familie und Verhängung von Sanktionen. Verankerung der Kinder in der institutionellen Politik der Sozialhilfe sowie im Pflichtenheft der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, um sie sichtbar zu machen und eine reale und angemessene Arbeitszeit für die effektive Betreuung der Kinder zu gewährleisten. Ausbildung der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie der Fachkräfte der Sozialhilfe in dieser Begleitung. Förderung von Gesetzesrevisionen, die einerseits auf eine Erhöhung der Leistungen abzielen, um die Bedürfnisse von Familien zu decken, die mittel- oder langfristig auf die Betreuung angewiesen sind. Andererseits gilt es, die gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen, einschliesslich derjenigen, die mit Sozialdiensten in Verbindung stehen, zu fördern. Angemessene Schulungen für Sozialarbeiter/innen zu Kinderrechten. Diese Schulungen vermitteln den Praktikern das nötige Wissen, um die Rechte des Kindes zu verstehen und durchzusetzen. Einrichtung wirksamer Monitoringsysteme zur Bewertung der Auswirkungen von Massnahmen auf die Verringerung der Kinderarmut. Diese Systeme müssen eine genaue Datenerhebung gewährleisten und dabei auch die Erfahrungen der Kinder berücksichtigen, um eine kontinuierliche Bewertung der Politiken und Programme zu ermöglichen. «(...) Ich stelle mir wirklich Jugendliche vor, die isoliert sind, es nicht schaffen aus ihrem System herauszukommen in die Bildung. Man braucht jemanden, der ihnen sagt, dass es das gibt und dass er/sie da ist und dass sie diese Chance haben.» Sozialarbeiter:in Situationsbedingte Leistungen (SIL) zur Förderung der kindlichen Entwicklung (Art. 11 BV) werden in SIL zur Deckung des Grundbedarfs umgewandelt, damit sie von Rechts wegen Kindern gewährt werden können. Einführung eines höheren Freibetrags für das Einkommen von Auszubildenden, damit das verdiente Geld nicht nur dazu dient, das Existenzminimum der Familie zu decken. Förderung von qualifizierenden und den Wünschen und Fähigkeiten entsprechenden Ausbildungen von Kindern und Jugendlichen, die in armutsbetroffenen Familien aufwachsen, durch ein Stipendiensystem. Schaffung bzw. Ausbau von Einrichtungen, die ihnen den Zugang zu solchen Ausbildungen ermöglichen. «(Man sollte) manchmal grundlegende Fragen stellen, für die niemand mehr Zeit hat. Es ist klar, dass die Sozialarbeiter ... zwischen den Akten, und das sind viele! Also das Kind zu sehen, ist nicht immer möglich, (auch wenn sie manchmal) die Eltern begleiten.» Sozialarbeiter:in Entwicklung von geeigneten, nicht konfrontativen Räumen und Instrumenten für das Zuhören, Sammeln und Anerkennen der Aussagen von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Sozialhilfedienste unter Berücksichtigung der bestehenden Asymmetrie mit Erwachsenen. Einrichtung eines Systems zur Bewertung, ob die Ansichten von Kindern in der Politik, in Programmen und bei wichtigen Entscheidungen, die sie betreffen, tatsächlich berücksichtigt werden. Ingrid Hess

«Sozialarbeiter:innen fühlen sich tatsächlich oft zu wenig wertgeschätzt.»

Pia Maria Brugger Kalfidis: Der Sozialdienst beinhaltet ein unglaublich breites Spektrum an Aufgaben. Es laufen hier unzählige Fäden zusammen: organisatorisch, fachlich und führungsmässig; auch ist das Amt stets nah am politischen Puls und von den Krisen betroffen. Ich möchte Qualitätsarbeit machen und das bereits Erreichte konsolidieren, das wäre allein nicht möglich gewesen. Damals war es «nur» Corona, aber keine von uns wollte dieses gewichtige Amt alleine stemmen. Loranne Mérillat: Wir erachten es als ein Privileg, die Sozialpolitik im Kanton Aargau mitgestalten zu dürfen. Daher hat uns die Leitung des Kantonalen Sozialdiensts gereizt. Für mich kam es unter anderem auch wegen meines Familienlebens nicht infrage, mich alleine für das Amt zu bewerben. Brugger: Bei mir spielte auch mein Alter eine Rolle. Die Intensität und das Arbeitspensum noch weiter zu erhöhen, kam für mich nicht infrage. Wir haben schon vorher lange zusammengearbeitet. Loranne Mérillat war für die öffentliche Sozialhilfe zuständig und ich Leiterin des Asylbereichs. Wir hatten also bereits viele gemeinsame Schnittstellen, und so kamen wir zum Schluss, dass wir uns hervorragend ergänzen. Mérillat: Deshalb freuen wir uns sehr, dass uns der Regierungsrat die Möglichkeit gegeben hat, das Amt in diesem alternativen Arbeitsmodell zu führen. Mérillat: Wir sind sehr unterschiedlich: wie wir arbeiten, was wir von der Ausbildung her mitbringen und auch persönlich. Aber wir haben die gleichen Werte und vertreten daher in den grundsätzlichen Fragen die gleiche Haltung. Dennoch haben wir manchmal unterschiedliche Auffassungen, wie wir vorgehen sollen, und dann können die Diskussionen auch intensiv werden. Doch wir hören einander zu. Was man sicher mitbringen muss, wenn man in einer Co-Leitung gut funktionieren will, ist eine Offenheit für andere Denk- und Arbeitsweisen. Wir empfinden diese Unterschiede als sehr inspirierend und lernen voneinander. Brugger: Im Gegenteil. Es ist extrem schön, so zu arbeiten, weil wir uns austauschen können. Man hat einen Sparringpartner. Und wir achten mit einer sorgfältigen Absprache darauf, dass für unsere Mitarbeiter:innen, Vorgesetzten und Partner wenn immer möglich keine zusätzlichen Hürden durch die Co-Leitung entstehen. Mérillat: Die vielen positiven Reaktionen auf unsere Wahl zeigen uns, dass eine Co-Leitung ein Bedürfnis für viele Personen darstellt. Deshalb möchten wir natürlich zeigen, dass das Modell funktioniert und auf professionelle Weise umgesetzt werden kann. Brugger: Wir sind durch eine sehr herausfordernde Zeit gegangen beziehungsweise sind immer noch mittendrin. Unsere Mitarbeiter:innen des Kantonalen Sozialdiensts legen ein wahnsinnig grosses Engagement an den Tag. Gleich zu Beginn der Krise haben wir einige zentrale Entscheide gefällt. Einerseits bei der Verteilung der Schutzsuchenden auf die Gemeinden und andererseits in Bezug auf die Abgeltung der Wohnkosten direkt an die Gastfamilien, denn sie sind eine grosse Hilfe bei der Unterbringung der Flüchtlinge. Und wir versuchen, die Gemeinden insbesondere durch regelmässige digitale Informationsveranstaltungen gut zu beraten und zu informieren. Mérillat: Eine der Herausforderungen war, dass wir zuerst rechtliche Grundlagen für den Umgang mit den Schutzsuchenden schaffen mussten. Zudem war und ist es uns wichtig, alle involvierten Akteure miteinzubeziehen, so auch die Hilfsorganisationen, die ja auch direkten Kontakt mit den Geflüchteten haben. «Wir überlegen, ob wir künftig volljährige unbegleitete minderjährige Asylsuchende stärker in Gastfamilien vermitteln könnten.» Pia Maria Brugger Brugger: Wir überlegen, ob wir künftig volljährige unbegleitete minderjährige Asylsuchende stärker in Gastfamilien vermitteln könnten. Vor allem beim Übertritt ins Erwachsenenalter stellen sich viele Fragen, bei denen wir Gastfamilien gut begleiten könnten. Schon vor dem Krieg in der Ukraine hatten wir überlegt, das Gastfamilienmodell zu aktivieren. Grundsätzlich möchten wir die Zivilbevölkerung noch mehr einbeziehen. Die Solidarität in der Bevölkerung ist immens. Die Ukrainekrise und die direkte Begegnung mit Schutzsuchenden hat die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem Thema Migration verändert. Wir sind überzeugt, dass diese Partizipation sehr wertvoll ist. Im Kanton Aargau wurde die Regelung der Sozialhilfe in den letzten Jahren häufig besonders kritisch beurteilt und wurden die SKOS-Richtlinien mit einigen Ausnahmen angewandt. Jetzt scheint sich das zu ändern. Der Aargau will die neueste Richtlinienrevision nun übernehmen. Was ist passiert? Mérillat: Ich denke, dafür gibt es verschiedene Gründe. Einerseits: Als kantonaler Sozialdienst bemühen wir uns, sachliche Grundlagen für die politische Diskussion zu erstellen. Andererseits wird die Sozialhilfe immer komplexer, sodass es oft auch dem Wunsch der Gemeinden entspricht, klare Regelungen zu haben. Einige Ausnahmen werden auch mit der Übernahme der aktuellen SKOS-Richtlinien ab 2023 bestehen bleiben, doch wird es mehr Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit geben. Wichtig für uns und die Akzeptanz der Entwicklungen ist die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden, die für den Vollzug der Sozialhilfe zuständig sind und sehr viel Know-how und Erfahrung einbringen sowie zur Lösungsfindung beitragen. Mérillat: Über meine Mitgliedschaft in der Kommission Rechtsfragen der SKOS sowie neu auch im SKOS Vorstand – aber auch darüber hinaus – sind wir mit der SKOS in engem Kontakt. Die SKOS-Richtlinien sowie die Erläuterungen und Praxishilfen sind wichtige Hilfsmittel für die Sozialhilfeorgane. Auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise waren wir froh, dass wir den Gemeinden nahelegen konnten, die entsprechenden Empfehlungen der SKOS anzuwenden. Die meisten Gemeinden, denke ich, orientieren sich an diesen Empfehlungen. Wir können viel vom Know-how der SKOS profitieren und müssen nicht alle Themen selbst regeln. Der föderalistisch organisierten Sozialhilfe dennoch einen einheitlichen Rahmen zu geben, ist ein schwieriger Balanceakt. Wie beurteilen Sie das System SKOS, die als unabhängige Instanz für die Sozialhilfe Regeln aufstellt, die für die Kantone nicht verbindlich sind? Mérillat: Aufgrund der föderalen Ausgestaltung der Sozialhilfe ist das System der Empfehlungen sicher der richtige Weg. Sie geben Leitplanken vor, von denen aber auch abgewichen werden kann, wenn es in einem Kanton als sinnvoll erachtet wird. Auch in den aktuellen Krisen zeigt sich, dass die Kantone und die Gemeinden die Empfehlungen der SKOS als Handlungsvorschlag schätzen. Brugger: Gerade bei den Flüchtlingen aus der Ukraine hat man ja gesehen, dass es in der Bevölkerung nicht verstanden wird, warum jemand in einem Kanton viel weniger bekommt, als in einem anderen. Es wäre sicher sinnvoll, gewisse Richtlinien zu schaffen. Auch wenn manche Unterschiede gerechtfertigt sind, da es in den Kantonen durchaus unterschiedliche Voraussetzungen und Strukturen gibt. Mérillat: Auch für die Aargauer Sozialdienste ist es eine Herausforderung, gut qualifiziertes Personal zu finden. Was wir aus den Gemeinden hören, ist, dass Berufseinsteiger:innen oft nicht lange auf den Sozialdiensten bleiben. Sie wechseln dann offenbar nicht nur in den Sozialdienst einer anderen Gemeinde, sondern teilweise gleich in ein anderes Berufsfeld. Die Gründe dafür sind wohl vielfältig. Einerseits könnte diese Entwicklung in den erforderlichen, kantonsspezifischen Anforderungen liegen, die während der Ausbildung nicht erlernt werden können und dann erst «on the job» dazukommen. Zudem kann ich mir auch vorstellen, dass der Case Load und der politische Druck für die Mitarbeitenden teilweise sehr herausfordernd sind. Brugger: Aus meiner Erfahrung fühlen sich Sozialarbeiter:innen tatsächlich oft zu wenig wertgeschätzt. Die Sozialhilfe ist nach wie vor stigmatisiert. Ich hoffe, dass langsam ein anderes Bewusstsein entsteht, aber das sind langwierige Prozesse. Mérillat: Wir haben letztes Jahr im Rahmen einer Postulatsbearbeitung bei den Gemeinden eine Umfrage zu Anreizen und Sanktionen gemacht. Dabei ist herausgekommen, dass gemäss den Sozialdiensten ca. 5 Prozent aller Sozialhilfebezüger:innen nicht kooperationsbereit sind. Es spielt aus meiner Optik für die Arbeit der Sozialdienstmitarbeitenden eine grosse Rolle, ob sich die Arbeit auf diese 5 Prozent konzentriert und entsprechend sehr negativ belastet ist, oder ob sich die Mitarbeiter:innen der Sozialdienste insbesondere auf die anderen 95 Prozent fokussieren können und die Arbeit entsprechend positiv wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass die Komplexität und die Qualitätsanforderungen in der Sozialhilfe zunehmen. Um dem gerecht zu werden, fehlen aber oft die personellen Ressourcen. Das ist für Sozialarbeitende dann sehr unbefriedigend. Brugger: Im Moment steht die Bewältigung der Ukraine-Krise im Zentrum. Da kommt sicher noch einiges auf uns zu. Noch haben wir genügend Platz in den Unterkünften, aber wir wissen nicht, wie sich die Situation entwickelt. Ferner möchte ich weiter in die Qualität unserer Arbeit investieren. Damit die jungen und engagierten Mitarbeiter:innen gerne bei uns arbeiten. Mérillat: Das betrifft den ganzen Sozialdienst. Wir möchten unsere Prozesse wo möglich und sinnvoll optimieren und die Digitalisierung vorantreiben. Zudem wollen wir die Partizipation unserer Mitarbeiter:innen sowie auch mit unseren Partnern weiter fördern. Das heisst, dass wir schon innerhalb des Sozialdienstes stärker bereichsübergreifend arbeiten möchten. Im Bereich der Sozialhilfe ist es uns ein Anliegen, dass wir uns qualitativ weiterentwickeln, noch dienstleistungsorientierter werden und so konstruktiv zur Weiterentwicklung der Sozialpolitik im Kanton Aargau beitragen können. Ingrid Hess

«Unterschätzt wird nach wie vor die demografische Transformation.»

Georges T. Roos: Jeder Mensch antizipiert eigentlich immer. Dass wir uns die Zukunft vorstellen können und uns an die Vergangenheit erinnern, zeichnet uns Menschen aus. Das Gehirn antizipiert laufend, was geschehen wird, zum Beispiel wenn wir Auto fahren und währenddessen an ganz anderes denken. Erst wenn etwas Überraschendes passiert, etwas, das vorher vom Gehirn nicht antizipiert wurde, werden wir plötzlich wach. Sowohl als auch. Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass einige Entwicklungen in eine positive Richtung gehen. Aber es gibt auch Gründe, die nahelegen, dass es in anderen Bereichen schlechter gehen wird. Das ist ja eigentlich meistens so. Die Frage ist: Was machen wir damit? Optimisten fokussieren dann aufs Gute und Pessimisten aufs Schlechte und blenden das andere aus. Das ist nicht sehr sinnvoll. Wir müssen uns dafür engagieren, dass die Dinge, die besser werden können, auch wirklich besser werden. Und die negativen Entwicklungen müssen wir als Herausforderung akzeptieren, die wir zu lösen haben. Die Menschheit ist intelligent, kreativ und anpassungsfähig, und sie wird die Probleme lösen können, wenn sie das will. Wenn wir uns wie jetzt in einer Situation befinden, in der eine Reihe von Krisen aktuell ist, dann ist die Aufmerksamkeit häufig auf diese Krisen konzentriert, und die längerfristigen Entwicklungen werden ausgeblendet. Ein Megatrend ist eine übergeordnete, eine langfristige Entwicklung. Sie wirkt global und wirkt in alle Bereiche hinein, also Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sind betroffen. Megatrends sind der voraussagbare Teil der Zukunft. Die Megatrends werden von allen Instituten, die sich mit Zukunftsforschung befassen, in etwa gleich gesehen. Sie werden, welches Institut Sie auch immer anfragen, dieselben Antworten erhalten – allenfalls mit Nuancen. Global gesehen ist ein wichtiger, aber wenig beachteter Megatrend die wachsende Weltbevölkerung. Ein weiterer globaler Megatrend ist mit Ausnahme von Afrika die alternde Bevölkerung. Die Urbanisierung ist ein Megatrend. Immer mehr Menschen leben in Städten. Ein anderer Megatrend ist, dass wir immer gesünder sind – zumindest, wenn wir es am härtesten Indikator, der Lebenserwartung, messen. Gesundheit ist also ein weiterer Megatrend. Die Digitalisierung ist natürlich ein Megatrend, die künstliche Intelligenz wird einer werden. Auch die Ökologisierung als Folge des Klimawandels ist ein Megatrend. Alles das sind Megatrends, die einen Einfluss haben, wie wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren arbeiten und leben werden. «Wir müssen uns dafür engagieren, dass die Dinge, die besser werden können, auch wirklich besser werden.» Ich konzentriere die 16 Megatrends auf fünf grosse Transformationsprozesse: die digitale, die demografische, die geopolitische, die ökologische Transformation und die Biotransformation. Zwei dieser Transformationen sind in der Öffentlichkeit bekannt und werden breit diskutiert: die ökologische und die digitale Transformation. Unterschätzt wird nach wie vor die demografische Transformation. Sie wird grosse Auswirkung auf alle Bereiche haben. Alles, was wir heute tun, hat Folgen in der Zukunft. Damit die richtigen Entscheidungen für die Gestaltung unserer Zukunft getroffen werden können, müssen wir wissen, was geschieht, wenn beispielsweise die Weltbevölkerung wächst, Europa hingegen schrumpfen wird. Die Schweiz ist ein nach wie vor wachsendes Land, im vergangenen Jahr wuchs die Bevölkerung um eine Viertelmillion Einwohner, wenn auch nicht alle bleiben werden. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hat die Schweiz immer noch einen Geburtenüberschuss. Es werden also mehr Menschen geboren als sterben. Das wird sich jedoch in den nächsten Jahren ändern. Wir werden immer älter. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist hier im internationalen Vergleich sehr hoch, und die Forschung geht davon aus, dass in den nächsten 20 Jahren noch fünf Jahre hinzukommen werden. In 20 Jahren wird ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Die Anzahl der 80-Jährigen wird sich verdoppeln. Das Bevölkerungswachstum findet also in den älteren Jahrgängen statt und nur wenig in der Altersgruppe der Erwerbstätigen. Zwei Erwerbstätige sind dann bald einmal für einen Rentner zuständig. Das sind enorme Herausforderungen, nicht nur für die Sicherung der Altersvorsorge. Man muss sich auch fragen, was das mit der Demokratie macht, wenn mehr als die Hälfte der Stimmbevölkerung über 50 oder 60 Jahre alt ist. Wie werden da die Verteilkämpfe bei den Budgetverhandlungen ausgehen? Die psychische Gesundheit in der Gesellschaft scheint diesem Trend nicht zu folgen. Gerade bei jungen Menschen geht der Trend offenbar in Richtung einer Verschlechterung der mentalen Gesundheit. Das macht mir sehr Sorgen. Wenn ich die Zahlen richtig interpretiere, dann ist das kein kurzfristiger Trend, der mit der insbesondere für Kinder und Jugendliche belastenden Corona-Krise zu tun hat, sondern ein Trend, der uns beschäftigen muss. Man spricht von der vierten industriellen Revolution, in der wir stecken. Das heisst, es kommt eine weitere Automatisierung verbunden mit künstlicher Intelligenz und smarter Robotik auf uns zu. Da wird viel passieren. Die Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) waren in den letzten Jahren enorm. Es wird diesmal aber nicht den zweiten Sektor betreffen, also die handwerklichen oder technischen Tätigkeiten, sondern die geistig anspruchsvollen. Bereits heute ist die KI dem Menschen zum Beispiel beim Interpretieren von Röntgenbildern überlegen. Sie kann – zumindest teilweise – die Arbeit von Juristinnen und Juristen übernehmen, oder die der Controller. Das wird die Welt verändern. Die pessimistische Perspektive besagt, dass der Mensch sich überflüssig macht. Die optimistischere Sicht ist, dass wir aufgrund der demografischen Entwicklung ohnehin einen Arbeitskräftemangel haben. Zudem entstehen aufgrund technologischer Entwicklungen immer auch neue Tätigkeiten, neue Geschäftsfelder, die auch wieder menschliche, vor allem geistige, empathische und kreative, Arbeit benötigen werden. Schliesslich hat auch bisher jede Industrialisierung zu einer Reduktion der Arbeitszeit geführt und den Arbeitnehmern mehr Freizeit beschert. Es ist gut möglich, dass wir durch diese neue Automatisierungswelle wieder mehr Freizeit gewinnen werden. Beim Megatrend Digitalisierung macht mir auch die Entwicklung auf den Informationskanälen Sorgen, die Menge an Information und auch, dass man nicht mehr sicher weiss, was wahr oder was eine richtige und wichtige Information ist. Was sehen Sie hier auf uns zukommen? Hier gibt es auch verschiedene Trends. Einerseits haben wir mehr Transparenz, wir wissen mehr über die Firmen, Organisationen, deren Interessenbindungen usw. Auf der anderen Seite sind wir gläserne Bürgerinnen und Bürger geworden. Die Polarisierung in der Gesellschaft, die über die Social-Media-Kanäle Ausdruck findet, kann man nicht in den Megatrends belegen, aber sie macht auch mir Sorgen. Öffentliche Debatten gehen nicht mehr wie früher via die Medien in klar definierten Foren vonstatten, wo ein Wettbewerb der Ideen stattfinden konnte. Heute zieht man sich in Blasen zurück, und es schwindet das Verständnis, dass man andere Positionen haben kann, ohne deshalb Abschaum zu sein. Es wird deshalb nicht nach Argumenten gegen einen anderen Standpunkt gesucht, sondern man macht mobil gegen politische Feinde, die bekämpft werden sollen. Ich finde das eine gefährliche Tendenz. Vor einigen Monaten machte die OpenAi mit ihrer ChatGPT Schlagzeilen. Die ChatGPT ist eine Software, die eine Konversation mit einem Menschen simulieren und auch dieses Interview führen könnte. Hier gilt dasselbe: Wie können wir die neuen Möglichkeiten vorteilhaft nutzen und wie die neuen Risiken minimieren? In Japan werden Maschinen ganz anders betrachtet als hier: Sie gelten als beseelt. Das macht es einfach, sie im Alltag zu akzeptieren. Pflegeroboter werden kommen – und ich kann mir vorstellen, dass ich bei gewissen Hilfestellungen, die ich vielleicht im hohen Alter brauchen werde, lieber den Roboter habe als einen Menschen. KI wird Gefühle und Einfühlungsvermögen simulieren können – und das wird uns in bestimmten Situationen vielleicht sogar genügen. Aber das viel Wichtigere ist: Wenn Roboter Care-Personen bei gewissen Tätigkeiten entlasten und sie dafür mehr Zeit für Zuwendung, Zuhören und Anteilnahme haben, hätten wir gewonnen. Man hört viele Stimmen, die sagen, dass wir eine entsolidarisierte Gesellschaft geworden sind. Da halte ich vehement dagegen. Es gibt zwar die Individualisierung. Auch sie ist ein Megatrend, und sie kann in Egoismus und Narzissmus kippen. Aber sie ist nicht per se etwas, das desintegrierend wirkt. Wir haben viele Zeichen der Solidarität in der Covid-Krise gesehen. Plötzlich lebte die Nachbarschaftshilfe wieder auf. Wer hätte das gedacht. Die Solidarität ist heute hingegen anders als in früheren Gesellschaften bürokratisiert, indem wir den Menschen in Not Rechte gegeben haben, die sie gegenüber dem Staat einfordern können. Deshalb sind sie heute nicht mehr auf Almosen angewiesen. Das macht Solidarität anonymer. Aber wenn man das Ausmass an Umverteilung betrachtet, kann man nicht sagen, dass Solidarität nicht stattfindet. «Es ist wichtig, dass wir uns mit positiven Narrativen über die Zukunft austauschen. » Wohlstand ist nicht alles, und eine Steigerung des Wohlstands auf extrem hohem Niveau ist schwierig. Stellen Sie sich vor, Sie fangen an zu joggen. Sie müssen ein Aufbauprogramm machen, bis Sie ein ansprechendes Fitnessniveau erreicht haben. Wenn Sie dann noch schneller oder länger joggen wollen, müssen Sie sich überproportional anstrengen. In der Schweiz ist der Lebensstandard so hoch, dass es schwierig sein dürfte, ihn weiter zu erhöhen. Ich denke, es ist auch eine Chance, wieder bescheidener leben zu können. Ob die Armut hierzulande zunehmen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Das lässt sich nicht voraussagen. Ich bin Zukunftsforscher geworden, weil wir ja immer Entscheidungen treffen, kleine oder grössere, privat, politisch oder wirtschaftlich, die unsere Zukunft betreffen. Ich finde es wichtig, dass wir sie auf der Grundlage der Kenntnis über die allgemeinen Trends fällen können. Ich sehe es nicht als Aufgabe eines Experten, zu sagen, wie die Zukunft sein soll. Jedenfalls wenn ich beruflich auftrete, sozusagen der professionelle Georges Roos bin, dann bin ich Experte und bleibe deskriptiv. Manche Leute sind froh, wenn sie sich für diese langfristigen Perspektiven öffnen können. Im Alltag sind doch die meisten den vielen Negativschlagzeilen ausgesetzt und beschäftigen sich mehrheitlich mit den akuten Problemen. Ich bin kein Supporter der apokalyptischen Bilder, die im Moment dem Zeitgeist entsprechen. Ich finde diese hemmend und nicht zielführend, weil sie nicht motivieren, etwas zu gestalten, sondern Angst auslösen, die eher blockierend wirkt. Es ist wichtig, dass wir uns mit positiven Narrativen über die Zukunft austauschen. Wenn man die Leute fragt, ob sie Massnahmen gegen den Klimawandel wollen, sagen sie mehrheitlich Ja. Fragt man sie, ob sie für eine Flugsteuer wären, sagen sie Nein. Das Narrativ der Massnahmen gegen die Klimaerwärmung ist Verzicht, also negativ. Wenn das Bild der Zukunft Verzicht ist, dann sind die Leute eher pessimistisch gestimmt. Ich bin sehr interessiert, mit anderen zusammen an einem positiven Narrativ zu arbeiten. Ein paar Elemente würde ich einbringen: Die Vision, dass wir in absehbarer Zeit alle Energie aus erneuerbaren Energien erzeugen, ist per se ein unglaublich positives Zukunftsbild. Jedem ist doch klar, dass man die Zukunft nicht auf einer endlichen Ressource aufbauen kann. Selbst ohne Klimawandel sind erneuerbare Energiequellen eine erstrebenswerte Zukunft. Und ich würde schauen, dass mehr über die vielen Hundert Ansätze in Forschung und Industrie gesprochen wird, die zunehmend die fehlenden Puzzleteile – zum Beispiel Stromspeicherung – entwickeln. Der menschliche Erfindergeist ist bewundernswert. Ja, der Wandel macht vielen Menschen Angst. Sie bauen Widerstand auf, um sich nicht wandeln zu müssen. Oft solange, bis es wehtut. Aber der Mensch ist in der Lage, sich zu verändern. Der Mensch ist ein sehr anpassungsfähiges Wesen. Es gibt Menschen, die leben im ewigen Eis, andere in der Wüste, wieder andere auf Flüssen oder in Bäumen. Wir können es! Und wenn der Wandel passiert, dann entstehen meist wieder Energie, Freude und Leidenschaft … Man muss nur aus der Trägheit herauskommen. Immer wieder bringt der menschliche Unternehmungsgeist Fortschrittssprünge hervor – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und sicher auch in der Zukunft. Ingrid Hess

Zwei Vize-Präsidentinnen für die SKOS

Claudia Hänzi : Ich finde es wichtig, dass die SKOS nach aussen einen politischen Auftritt hat und Haltung einnehmen kann. Gleichzeitig halte ich die Rückkopplung ans Fachwissen für zentral, da wir eben auch eine Fachorganisation sind. Da sehe ich als RiP-Präsidentin, Geschäftsleitungsmitglied und Leiterin eines städtischen Sozialamtes meine Rolle. Ich hoffe, dass wir die Position der SKOS als Fachorganisation damit weiter stärken. Die SKOS ist häufig in der Rolle der Reagierenden. Im politischen Diskurs werden viele Halbwahrheiten und wird viel Falsches über die Sozialhilfe verbreitet. Es wird hingegen wenig über die Fakten diskutiert. Und ich finde es wichtig, dass die SKOS einen Beitrag dazu leistet, dass man in der Öffentlichkeit mehr über die Fakten in der Sozialhilfe spricht. Ich hoffe, hier einen Beitrag leisten zu können. Meiner Meinung nach ganz zentral für die SKOS ist, dass wir die Sozialhilfe immer wieder neu denken, dass wir uns öffnen für neue Ideen und Herangehensweisen. In vielen Ländern Europas wurden in den letzten Jahren Reformen in die Hand genommen. Wir sollten uns den Entwicklungen in der Gesellschaft bewusst und unerschrocken stellen und möglichst vorzeitig reagieren bzw. agieren und uns mit neuen Modellen befassen. Ich wünsche mir sehr, dass wir noch visionärer werden und den Boden für neue Modelle bereiten. Ich habe sehr gerne für den Kanton Solothurn gearbeitet. Keines der 17 Jahre, die ich dort tätig war, möchte ich missen. Jetzt bin ich viel näher an der Front, bei den Menschen, den Problemen. Das habe ich mir nach den Jahren auf kantonaler Ebene gewünscht und in der Stadt Bern gefunden. Mirjam Ballmer : Die Anfrage hat mich gefreut. Es bestand der Wunsch, neben der fachlichen Perspektive eine zweite Person für das Vizepräsidium zu haben, die einen engen Bezug zur Sozialhilfe hat und gleichzeitig eine politische Funktion innehat. Das ist für mich eine spannende Kombination. Ich freue mich auf den Austausch mit den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren, der wichtig ist, um die Sozialhilfe weiterzuentwickeln. . Ziel ist es, einen Beitrag zum konstruktiven Austausch zwischen der SKOS und der politischen Ebene zu leisten und dadurch die Richtlinien weiter zu stärken. Und wie ausdrücklich gewünscht, möchte ich die Romandie vertreten. Die SKOS ist auf schweizerischer Ebene eine wichtige Akteurin der Sozialpolitik und eine grosse Unterstützung für die Kantone und Gemeinden in ihrer täglichen Arbeit. Sie garantiert den Austausch zwischen Theorie und Praxis, wird ständig weiterentwickelt und den Lebensumständen angepasst. Dieser Geist inspiriert mich. Die Themen scheinen weit auseinander. Das Gemeinsame ist hingegen, dass es um Anliegen geht, die auf dem politischen Parkett nicht das nötige Gehör erhalten. In der Sozialpolitik sind es Menschen, die von Armut betroffen sind. Sie können ihre Bedürfnisse und Schwierigkeiten äussern, brauchen aber ein Sprachrohr. Die Biodiversität braucht Anwält:innen, die ihr eine Stimme verleihen und ihre Interessen vertreten. Ich fühle mich eigentlich als beides. Basel ist meine Heimatstadt, aber auch in Freiburg fühle ich mich heute zu Hause. Hier lebe ich an der Sprachgrenze, und in der Arbeit und auch im Privaten spielen beide Sprachen eine wichtige Rolle, und ich verfechte diese gelebte Zweisprachigkeit mit grosser Überzeugung. Viele Dinge verbinden die Kulturen der West- und der Deutschschweiz, aber es gibt natürlich auch Unterschiede. Beides ist inzwischen Teil von mir. Freiburg wird oft als Brückenkanton wahrgenommen, und in dieser Rolle sehe ich mich ebenfalls. Ingrid Hess

Die Sozialberatung Winterthur begegnet dem Fachkräftemangel mit innovativen Ideen

«Wie geht es Dir?» fragt Andreas Dvorak eine der vier Sozialarbeiterinnen, die am Tisch sitzen. «Ich bin letzte Woche aus den Ferien zurückgekehrt und die Menge an Mails waren ein Schock. Ausserdem haben wir gerade viele Absenzen, so muss ich auch noch Stellvertretung übernehmen», berichtet Andrea. Die vier Sozialarbeiterinnen – normalerweise sechs aber zwei mussten sich heute abmelden – sind neu in der Sozialberatung für wirtschaftliche und persönliche Hilfe der Sozialen Dienste Winterthur angestellt. Katharina berichtet, sie würde gerne Kontakt mit den jungen Erwachsenen unter ihren Klienten aufnehmen. Sie hat das Gefühl, sie sollte dort mehr tun. Doch dann kommen die Alltagsgeschäfte, dringende Leistungsentscheide, «viele blaue Mäppli» müssen abgearbeitet werden. «Dann gerät das Vorhaben wieder auf die lange Bank.» Andreas Dvorak hört zu und gibt ein paar Handlungsempfehlungen ab. Er bereitet jeweils auch einen Input vor, diesmal geht es ums Zeitmanagement, ein Thema das für alle Anwesenden virulent ist. Das Treffen der Neuen mit Andreas Dvorak, einem externen Coach von anstellunghochzwei an diesem Donnerstagmorgen Ende Oktober ist Teil des Projekts Onboarding, mit dem Ziel, die Einarbeitungsphase für die Frischlinge möglichst gut zu gestalten (vgl. Text unten). Herausfordernde und teilweise belastende Themen wie Rollenfindung, Umgang mit Pendenzen, Fälle, Abgrenzung, etc. können in den 6-7 Treffen mit dem Coach im ersten Jahr der Anstellung wertungsfrei besprochen werden. Das Projekt unterstützt damit auch die Vernetzung und den Austausch der Neuen untereinander. Das Projekt Onboarding wurde ins Leben gerufen, nachdem in der Sozialberatung bei den Sozialarbeitenden eine überdurchschnittliche Früh-Fluktuation (Austritte in den ersten zwei Dienstjahren) festgestellt wurde. Und zwar nachdem bei der Sozialberatung ab 2018 17.5 zusätzliche SozialarbeiterInnen Stellen bewilligt worden waren. Dies als Folge der zuvor im Pilotprojekt «Falllast» gewonnenen Erkenntnisse. Jede überhöhte Fluktuationsrate absorbiert Ressourcen und reduziert die Effizienz, sagt Martin Greter, Leiter einer der 5 Sozialberatungsabteilungen in Winterthur. Kommt hinzu, dass es infolge Fachkräftemangel schwierig ist, die offenen Stellen nahtlos zu besetzen und erfahrene Fachkräfte im Kontext der wirtschaftlichen Hilfe zu finden. Der Grossteil der offenen Stellen werde daher mit Studienabgängerinnen und -abgängern besetzt. Mit jedem Weggang eines Fachmitarbeitenden gehe Wissen zur Fallarbeit und über die einzelnen Klientinnen und Klienten verloren, so Martin Greter. Jede vermeidbare Kündigung, , ist ein bedeutender Ressourcenverlust. Einerseits für die Klientinnen und Klienten, da die Beziehungs- und Vetrauensarbeit gegenseitig von neuem geleistet werden muss. Anderseits für die Organisation, da neue Mitarbeitende eingearbeitet werden müssen. Im Grunde können Sozialarbeitende nach dem Studium erst nach ein- bis zwei Jahren Einarbeitungszeit ihr volles Potenzial zugunsten der anspruchsvollen Fallführungsarbeit ausschöpfen. Eine hohe Fluktuation schafft suboptimale Rahmenbedingungen für die Einarbeitung der neuen Mitarbeitenden. Ihre Erwartungen nach fördernden Rahmenbedingen während der anspruchsvollen Einarbeitungszeit können nur schwer erfüllt werden. Das zeigt,sich dann wiederum in der hohen Fluktuationsrate von erst seit wenigen Jahren angestellten Mitarbeitenden. Für die erfahrenen Mitarbeitenden führt dies zu einen erheblichen Mehraufwand aufgrund der Einarbeitung der neuen Mitarbeitenden. Aufgrund der hohen Früh-Fluktuation wurde das bestehende Einarbeitungs-Konzept und der bisherige Onboarding-Prozess analysiert und für zu theorielastig befunden. Der Einführungsprozess sollte daher verstärkt praxis- und anwendungsorientiert gestaltet werden. Das neue Einarbeitungsprogramm wurde konsequent auf das Ziel ausgerichtet, dass die neuen Sozialarbeitenden schnellstmöglich einen Beitrag an die Kernaufgabe – die Fallarbeit – leisten und operativ leistungsfähig werden. «Dies stärkt ein positives Gefühl, fördert die Motivation und die emotionale Integration», wie Martin Greter sagt. Bereits ab der ersten Woche ist die gezielte Einarbeitung in die Fallarbeit vorgesehen, indem in der Regel jeden Vormittag eine erfahrene Sozialarbeitende die Fallbearbeitung begleitet. Neben dem Gruppencoaching in Form von Supervision mit externer Moderation muss eine intensivere Begleitung der Neuen sichergestellt werden. Damit die Einarbeitung von (oft unerfahrenen) neuen Mitarbeitenden zielführend umsetzbar ist, ist eine Falllast-Entlastung der erfahreneren Sozialarbeitenden notwendig, die neue Mitarbeitende betreuen. Entsprechend wurden mit dem Budgetantrag 2023 zusätzliche Stellen beantragt. Die vollständige Umsetzung des neuen Einführungsprogramms soll ab Januar 2023 erfolgen. Neben dem Onboarding wurden laut Martin Greter 2022 eine Reihe von weiteren Massnahmen umgesetzt. Seit Ende April 2022 wurde unabhängig davon, ob aktuell eine Stelle zu besetzen ist, laufend ein Inserat für Sozialarbeitende in der wirtschaftlichen Hilfe auf dem Jobportal ausgeschrieben. Es wird via eine externe Firma beworben, welche auf die Social-Media-Kanäle spezialisiert ist... «Daraus entstehen jetzt laufend Kontakte durch Nachfragen von Interessierten.» Seit Ende April 2022 bis Anfang August 2022 gingen bei der Sozialberatung Winterthur 40 Spontanbewerbungen ein. Angesichts des Fachkräftemangels sollen zukünftig auch wieder mehr Ausbildungsplätze angeboten werden. Insbesondere sollen Praktikantinnen und Praktikanten im zweiten Teil des Studiums angestellt werden, mit dem Ziel der direkten oder baldigen Überführung in eine Anstellung als Sozialarbeitende. Um Praxisausbildnerinnen oder -bildner für Praktika zu gewinnen müssen diese entlastet werden. Denn die Begleitung von Studierenden stellt für die Praxisausbildenden einen erheblichen Mehraufwand dar, welcher mit der Arbeitsleistung der Praktikantinnen und Praktikanten nicht ausgeglichen werden kann. Um die Gründe der hohen Fluktuation zu erkennen und daraus weitere geeignete Massnahmen abzuleiten, wurde eine Studentin der Arbeitspsychologie beauftragt, im Rahmen ihrer Bachelorarbeit eine Befragung bei den Sozialarbeitenden der wirtschaftlichen Hilfe durchzuführen. Nach einer Präsentation im Führungsteam Ende September 2022 werden alle interessierten Sozialarbeitenden zur Auseinandersetzung mit den Ergebnissen und zur Erörterung gezielter Massnahmen zu einem Workshop eingeladen. Es wird erwartet, dass sich daraus für die Organisation neue Lösungsansätze ergeben, die dann 2023 bearbeitet, umgesetzt und laufend evaluiert werden. Ingrid Hess

«Es muss uns gelingen, diese Ungleichheiten zu beseitigen.»

Anne Lévy: Natürlich sind es die Covid-19-Themen, die mich aktuell am meisten beschäftigen. Die Impfstrategie, die jetzt gut vorankommt, die Teststrategie und das Covid-19-Zertifikat, an dem wir mit Hochdruck arbeiten. Die konkreten Einsatzmöglichkeiten des Zertifikats sind aktuell noch in der politischen Diskussion. Es sind lange Tage und lange Wochen. Aber ich nehme mir auch Zeit für Erholung. Ich gehe spazieren und versuche, zumindest die Zeiten fürs Abendessen einzuhalten. Dennoch ist das kein Zustand, den ich auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten möchte. Das kann niemand wissen. Es hängt auch davon ab, wie gross die Impfbereitschaft ist. Wenn viele bereit sind, sich impfen zu lassen, wird diese Pandemie schneller vorüber sein, als wenn das nicht der Fall ist. Es kommen kontinuierlich grosse Mengen an Impfdosen an. Auch wenn es vor Kurzem eine Verzögerung gab und das für die Kantone und die betroffenen Personen, die einen Termin für die Impfung hatten, sehr unglücklich war, sind wir weiterhin auf Kurs. Die Impfdosen wurden wenige Tage später nachgeliefert, und weitere Lieferungen treffen ebenfalls laufend ein. Wir kommen mit den Impfungen also gut voran. Es ist zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Wir befinden uns in einer ausserordentlichen Situation. Dazu gehört auch, dass Fehler passieren. Auch uns sind Fehler passiert. Unser Wissen vergrössert sich jeden Tag. Allerdings ergeben sich auch immer wieder neue Herausforderungen, wie beispielsweise die Virusmutationen. Ich glaube, dass es uns gelungen ist, jeweils rasch zu reagieren. Doch was gut und was falsch gelaufen ist, was man hätte besser machen können, werden wir nach Pandemieende abschliessend evaluieren und die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen. Insgesamt bin ich aber zuversichtlich, dass wir mit unseren Impf- und Teststrategien auf gutem Weg sind. Wie sich die Situation weiterentwickeln wird, werden wir sehen. Wir haben in diesem Jahr Pandemie gelernt, dass es täglich neue Ereignisse gibt, die den Pandemieverlauf beeinflussen können. Dennoch stehen Sie als BAG-Direktorin und damit als eine Hauptverantwortliche der Pandemiebekämpfung oft in der Kritik – wie wahrscheinlich all Ihre Kolleginnen und Kollegen in den meisten Ländern auch. Erhalten Sie neben der medialen Aufmerksamkeit auch viele Reaktionen aus der Bevölkerung? Ja, wir erhalten viele Reaktionen, positive und negative. Das ist nicht verwunderlich, schliesslich ist die Corona-Pandemie ein Thema, das uns alle beschäftigt. Und wir leben in einer Demokratie, in der jeder seine Meinung äussern können soll. Ich erhalte sehr viele Briefe und Mails von Leuten, die sich bedanken. Aber es gibt natürlich auch andere, die sich ärgern und uns kritisieren. Manchmal hat man dann das Gefühl, wir seien schuld an dieser Pandemie. Wir alle haben genug von der Corona-Krise und wünschen uns unser gewohntes Leben zurück. Diesen Frust kann ich gut nachvollziehen. Dieser Eindruck wird wahrscheinlich durch die sozialen Medien verstärkt, wo die Hemmschwelle, sich negativ zu äussern, niedriger ist. Wer zufrieden ist und sich bedanken möchte, setzt sich einmal hin und schreibt ein paar Zeilen in einem Brief. Das ist dann einmalig, während diejenigen, die frustriert sind, in manchen Fällen wöchentlich in den sozialen Medien ihren Frust rausschreiben. Wir haben uns intensiv mit diesem Thema befasst und die psychischen Auswirkungen der aktuellen Situation mit verschiedenen Studien beobachtet und dabei festgestellt, dass die Menschen sehr unterschiedlich mit der Situation umgehen und natürlich auch sehr unterschiedlich betroffen sind. Es hängt von der Lebenssituation ab, also von den Belastungsfaktoren wie prekären Arbeitsverhältnissen, Armut oder Einsamkeit. Besonders betroffen sind die Heranwachsenden. Deshalb wurden Mitte April Öffnungsschritte gezielt für die Jugendlichen beschlossen, damit sie zum Beispiel wieder Sport in Gruppen treiben können; und nun sind auch die Universitäten zumindest für Veranstaltungen von jeweils 50 Studierenden wieder geöffnet. Trotzdem ist es ein verlorenes Jahr, was bei Älteren wohl weniger ins Gewicht fällt als bei den Jugendlichen. Der Bundesrat hat von Anfang an versucht, eine Balance zwischen Gesundheit, persönlichen Freiheiten und Wirtschaft zu finden. Es gab bei uns in der Konsequenz viel weniger Einschränkungen als im Ausland. Es gab keine Ausgangssperren, und man konnte sich beispielsweise immer in kleinen Gruppen draussen treffen oder spazieren gehen. Auch die Schulen blieben seit Juni 2020 offen. Damit sind wir im internationalen Vergleich eines der wenigen Länder, welche die Schulen nur sehr kurz geschlossen hatten. Das war aus epidemiologischer Sicht ein gewisses Risiko, das jetzt mit der Einführung der breiten Testmöglichkeiten in den Schulen gesenkt werden konnte. Ich glaube, für die Kinder, die Jugendlichen und die Familien waren die offenen Schulen insgesamt sehr wichtig. Für eine Bilanz ist es definitiv zu früh, aber die Evaluationen sind bereits im Gange. Grundsätzlich sind wir natürlich täglich daran, zu evaluieren, was gut lief, was nicht und was angepasst werden muss. Die grosse Kunst wird sein, die positiven Erfahrungen und Learnings mitzunehmen. Denn die Krise bietet auch Chancen. Denken Sie zum Beispiel an den Schub, den die Digitalisierung durch die Krise erfahren hat. Aber auch die Erfahrung, dass man Krisen nur im Kollektiv bewältigen kann, ist für mich sehr wertvoll. Der Austausch mit den Kantonen und anderen Partnern ist eng und gut und von Vertrauen geprägt. Wenn man das in die Zeit nach der Pandemie hinüberretten kann, dann ist viel erreicht. Daran arbeiten wir. Die Beseitigung der Ungleichheiten ist eine der grossen Prioritäten der gesundheitspolitischen Strategie «Gesundheit2030» des Bundes, und sie ist auch eine meiner Prioritäten. Ich bin überzeugt, dass es diese Ungleichheit betreffend Gesundheit und Lebenserwartung in einem Land wie der Schweiz eigentlich nicht geben dürfte. Mit der Gesundheitsstrategie haben wir uns zum Ziel gesetzt, diese Ungleichheit massiv zu verkleinern – auch wenn es wahrscheinlich nicht möglich sein wird, sie gänzlich zu beseitigen. Es geht um Prävention im Bereich Ernährung und Sucht, aber auch um Feinstaubbelastung. Und es geht auch darum, den Zugang zu Gesundheitsleistungen niederschwelliger zu machen. In der Pandemiebekämpfung haben wir uns von Anfang an darum bemüht, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Wir übersetzen die wichtigen Informationen in bis zu 24 verschiedene Sprachen. Sozial benachteiligte Personen zu erreichen, ist auch beim Impfen eine Herausforderung. Aus Umfragen lässt sich erkennen, dass gerade ärmere Bevölkerungsschichten dem Impfen gegenüber eher kritisch eingestellt sind. Um alle Bevölkerungsschichten zu erreichen, sind wir deshalb auch auf Partnerorganisationen angewiesen, die in Kontakt mit diesen Menschen stehen. Ich denke, das Impfen ist neben dem Testen und den Hygieneregeln das effektivste Mittel, um sich vor einer Erkrankung zu schützen. Aber auch die Abgabe der Selbsttests, die ja auch gratis sind, ist hier ein wichtiges ergänzendes Element. Mit diesen Massnahmen versuchen wir auf verschiedenen Wegen, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Wir sind immer froh um alle Hinweise und Tipps, wie wir auch armutsbetroffene Menschen erreichen können. Aber wir sind in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen auch daran, in Unternehmen zu gehen, also dorthin, wo die Leute arbeiten, und Impfungen vor Ort anzubieten. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man an bestimmte Orte mit mobilen Einheiten geht und den Menschen, die man vielleicht sonst nicht erreicht, Impfungen anbietet. Die Kantone sind verpflichtet, Versicherte in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen Prämienverbilligungen zu gewähren. Die SKOS stellt in ihrem zweijährlichen Monitoring fest, dass die Sozialhilfe einen erheblichen Anteil der KVG-Prämien übernehmen muss, weil die Kantone die Höhe der Prämienverbilligung zu tief ansetzen. Ist sich das BAG dieses Problems bewusst? Wir sind uns bewusst, dass die Prämien eine bedeutende Belastung für die Haushalte darstellen. Die letztes Jahr eingereichte Prämien-Entlastungs-Initiative verlangt, dass maximal zehn Prozent des Einkommens für die Krankenkassenprämien aufgewendet werden sollen. Der Bundesrat ist der Auffassung, dass sich die Initiative nur auf die Finanzierung der Hilfsgelder konzentriert und die Kostendämpfung im Gesundheitswesen ausser Acht lässt. Der indirekte Gegenvorschlag zur Initiative sieht nun vor, dass der Kantonsbeitrag zu den Prämienverbilligungen an die Bruttokosten im Gesundheitswesen geknüpft wird. Dadurch erhoffen wir uns eine verbindlichere Klärung der Prämienverbilligung. Die Ergebnisse dieser Studie liegen erst im August vor. Wir erwarten repräsentative und präzisere Hinweise auf den Gesundheitszustand von Sozialhilfebeziehenden in der gesamten Schweiz. Wir möchten auch wissen, wie Sozialhilfebeziehende die Versorgungsangebote in Anspruch nehmen. Ob sie auf Leistungen verzichten oder keinen Zugang zu Leistungen finden. Ein weiteres Thema ist die mangelnde Gesundheit als Hindernis für die Arbeitsmarktintegration. Aus anderen, weniger umfassenden Studien wissen wir, dass die körperliche und psychische Gesundheit von Sozialhilfebeziehenden schlechter ist als in der übrigen Bevölkerung. Armut geht oft einher mit Gesundheitsproblemen und mit geringen Möglichkeiten, für die eigene Gesundheit zu sorgen. Die Studie zeigt auf, dass eine engere Zusammenarbeit von Stellen der Sozialversicherungen mit medizinischem Fachpersonal sinnvoll sein könnte, um die Betreuung zu verbessern. An meiner früheren Stelle als CEO der Universitären Psychiatrischen Kliniken, UPK, in Basel ist es uns gelungen, die IV-Stelle des Kantons auf den Campus der UPK zu holen. Es hat sich herausgestellt, dass es sehr vorteilhaft ist, wenn die Patientinnen und Patienten – sofern sie es möchten – schon während der Behandlung versuchen, mithilfe der IV-Stelle die Rückkehr an den Arbeitsplatz anzugehen. Es hat sich klar gezeigt, dass es ein guter Ansatz ist, beides von Anfang an zusammenzubringen. Es ist nicht nur aus Sicht der Sozialversicherungen ein Vorteil, sondern auch mit Blick auf die Gesundheit. Denn keine Arbeit zu haben, ist auch ein enormes Gesundheitsrisiko. Es ist nicht an uns, ihnen Ratschläge zu geben. Aber ich hoffe, dass den Kantonen und den betroffenen Stellen mit dieser und anderen Studien für sie wertvolle Grundlagen zur Verfügung stehen und auf den Handlungsbedarf aufmerksam machen. Bei der Prävention gilt immer je früher, umso besser. Leider mussten wir einige Projekte depriorisieren und nach hinten schieben. Die Strategie «Gesundheit 2030» ist für mich elementar. Sie lag schon vor, als ich mein Amt im letzten Herbst übernahm. Wir werden sicher noch analysieren, was wir aus der Pandemie gelernt haben, und die Strategie allenfalls noch anpassen. Zentral für mich ist das Thema Digitalisierung. Nicht nur das BAG ist nicht genügend digitalisiert, sondern das ganze Gesundheitswesen. Das müssen wir angehen, auch wenn es eine riesige Aufgabe ist. Da sind wir aber nicht allein. Die Gesundheitssysteme sind weltweit bei der Digitalisierung eher etwas im Hintertreffen. Auch der Zugang zum Gesundheitssystem für alle ist für mich ein zentrales Thema. Es muss uns gelingen, diese Ungleichheiten zu beseitigen. Hier wird es vor allem darum gehen, die Gesundheitskompetenzen in der Bevölkerung zu verbessern. Dann möchte ich die Prävention auch von nicht übertragbaren Krankheiten wieder mehr in den Fokus rücken, von Krankheiten also, die durch Tabak, Alkohol, falsche Ernährung oder zu wenig Bewegung verursacht werden. Gerade in armutsbetroffenen Bevölkerungsschichten gibt es Handlungsbedarf. Ein weiteres sehr wichtiges Thema ist der One-Health-Ansatz, der Gesundheit ganzheitlich und im Zusammenspiel mit Tier, Mensch und Umwelt betrachtet. Die Feinstaubbelastung beispielsweise ist ein Umweltthema, das aber die Gesundheit des Menschen betrifft. Oder nehmen wir das Problem der Antibiotikaresistenzen. Es hilft nicht viel, wenn wir beschliessen, die Verwendung von Antibiotika beim Menschen besser zu steuern, ohne gleichzeitig den Einsatz von Antibiotika bei der Nutztierhaltung ebenfalls anzupassen. Das Antibiotikum kommt zudem über das Grund- und Trinkwasser wieder zu den Menschen zurück. Zu diesem Thema haben wir bereits eine Informationskampagne lanciert. Zur Umsetzung des One-Health-Ansatzes stehen wir selbstverständlich mit anderen Bundesämtern bereits in engem Kontakt. Trotz der Pandemie sind wir in diesen Bereichen nicht untätig geblieben. Ein grosser Teil des Bundesamtes für Gesundheit kümmert sich durchaus noch um diese anderen Themen. Das Virus wird uns voraussichtlich auch noch ein paar Jahre begleiten und nicht von heute auf morgen verschwinden. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir bis Ende des Jahres in einer besseren Situation sind und andere Themen wieder mehr Gewicht erhalten. Ingrid Hess

«Wichtig ist, den Sachverhalt genau abzuklären.»

NICOLE HAUPTLIN: Unrechtmässiger Bezug ist immer wieder ein Thema unserer Klientinnen und Klienten, gerade wenn es um die Frage der Rückerstattung geht. In rund ein bis zwei Prozent aller Fälle der UFS wird den Sozialhilfebeziehenden ein strafrechtlich relevanter unrechtmässiger Sozialhilfebezug vorgeworfen. Sehr viele dieser Fälle entpuppen sich aber als unrechtmässiger Sozialhilfebezug, der keine strafrechtlichen Folgen hat, oder als ungerechtfertigte Bereicherung. Wenn noch keine Strafanzeige erfolgt ist, macht die UFS eine Einschätzung, ob der unrechtmässige Bezug strafrechtlich relevant sein könnte, und interveniert gegebenenfalls bei der Behörde. Liegt die Anzeige bereits vor, berät sie die betroffene Person über das weitere Vorgehen und vermittelt ihr, falls notwendig, eine Strafverteidigerin oder einen Strafverteidiger, der ihnen bei den weiteren Schritten zur Seite steht. Die betroffene Person wird darüber aufgeklärt, wie sie in Zukunft unrechtmässigen Bezug vermeiden kann. In einem ersten Schritt müssen Sozialarbeitende abklären, ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt. Für die Prüfschritte gibt es diverse Schemata. Sehr vereinfacht gesagt, muss die Person die Behörde getäuscht haben, die Behörde muss daraufhin ihre Leistungspflicht falsch eingeschätzt und deshalb zu viel Geld ausbezahlt haben. Wenn dies der Fall ist, dann muss noch in Erfahrung gebracht werden, ob die Person diese Täuschung wissentlich und willentlich begangen hat, um mehr Leistungen zu erhalten. Nur wenn auch dies zutrifft, muss eine Anzeige geprüft werden. Im Übrigen ist die Anzeigepflicht kantonal geregelt. Im Kanton Zürich muss beispielsweise das Gesetz über die Gerichts- und Behördenorganisation im Zivil- und Strafprozess beachtet werden. Dieses besagt: «Behörden und Angestellte des Kantons und der Gemeinden zeigen strafbare Handlungen, die sie bei Ausübung ihrer Amtstätigkeit wahrnehmen, an. Ausgenommen von dieser Pflicht, aber zur Anzeige berechtigt sind Personen, deren berufliche Aufgabe ein persönliches Vertrauensverhältnis zu Beteiligten oder deren Angehörigen voraussetzt.» Doch, wenn ein solch strafrechtlich relevanter unrechtmässiger Bezug vorliegt, schon. Sozialarbeitende auf kommunalen Sozialdiensten haben immer einen behördlichen Auftrag, üben also, sobald sie im Dienst sind, immer Amtstätigkeit aus. Beobachtungen, die sie ausserhalb der Arbeitszeit machen, fallen nicht unter die Amtstätigkeit. Sozialarbeitende, die von privaten Institutionen angestellt sind, fallen auch nicht unter die Anzeigepflicht. Prinzipiell müssen Sozialarbeitende auf Ämtern im Kanton Zürich alle Fälle melden, auch solche mit geringfügigen Deliktsummen. Ob diese dann angezeigt werden, entscheiden dann die Verantwortlichen der Strafverfolgung. Gerade in Bagatellfällen kann auf eine Anzeige verzichtet werden. Sozialarbeitende müssen gut abklären, ob ein unrechtmässiger Bezug strafrechtlich relevant sein könnte oder nicht oder ob gar nur eine ungerechtfertigte Bereicherung vorliegt. Es kann sogar sein, dass eine verschwiegene Einnahme gar keine Rolle spielt. Nicht relevant sind zum Beispiel Geschenke in kleinerem Umfang. Spielraum gibt es auch bei grösseren zweckgerichteten Zuwendungen Dritter. Hier könnten Sozialarbeitende verlangen, dass der Klient oder die Klientin subito eine Bestätigung über den Zweck der Zuwendung durch die Drittperson vorlegt. Insbesondere wenn es sich um einen Zweck handelt, der nicht durch den Grundbedarf gedeckt ist, und deshalb Situationsbedingte Leistungen hätten gesprochen werden können, kann eine Anrechnung und somit ein ungerechtfertigter Bezug verneint werden. Beispielsweise wenn ein Kurs zur Weiterbildung damit finanziert wurde. Eine ungerechtfertigte Bereicherung liegt immer dann vor, wenn die Behörde aus Versehen eine Leistung ohne Rechtsgrund ausrichtet, zum Beispiel eine Doppelzahlung oder das vergessene Anrechnen von Unterhaltszahlungen. Man spricht hier auch von einem Verwaltungsfehler. Bei der Frage, ob im jeweiligen Fall ein Verwaltungsfehler vorlag oder ob die Falschberechnung oder Falschzahlung durch die mangelnde Mitwirkungspflicht des Klienten oder der Klientin verursacht wurde, ist die Argumentation der Sozialarbeitenden von wesentlicher Bedeutung. Ein Verwaltungsfehler kann wie bis anhin durch Verrechnung in den Folgemonaten ausgebügelt werden. Eine Aktennotiz, in der Sozialarbeitende ihren Fehler notieren, sobald sie ihn bemerken, ist für die Beweislage sehr sinnvoll. Wie immer lautet die juristische Antwort: Es kommt darauf an. Es ist notwendig, dass die Vorgehensweise bei einem unrechtmässigen Bezug und bei Verdacht auf eine strafrechtliche Relevanz im Team oder im Sozialdienst besprochen und festgehalten wird. Damit kann Willkür vermieden werden. Ein Prüfschema, das Sozialarbeitenden hilft, die möglichen strafbaren Fälle zu eruieren, ist sicher auch wertvoll. Doch ist es auch notwendig, dass sich jede einzelne Fachperson ihr Rollen- und Professionsverständnis vor Augen führt. Zu oft wird zu schnell zur Keule der Anzeige gegriffen. Sozialarbeitende müssen immer auch den Klientinnen und Klienten zuhören und dabei Ermessen ausüben und abwägen. Besonders psychisch stark beeinträchtige Personen und Personen, die sich gerade knapp mit den Sozialarbeitenden verständigen können, haben oft nicht verstanden, was die Sozialhilfe als Einnahmen zählt und was nicht. Ihnen fehlt es am geforderten Vorsatz für eine Verurteilung wegen unrechtmässigen Sozialhilfebezugs. Und sie müssen eingestehen, dass auf Ämtern Fehler passieren, dass sie keine Maschinen sind, die immer alles korrekt machen. Ob Sozialarbeitende unrechtmässigen Bezug oder Sozialhilfemissbrauch zur Anzeige bringen, hängt davon ab, ob und wie stark sie sich für die Berufsethik einsetzen. Achten die Sozialarbeitenden ihren Berufskodex und erinnern sich daran, dass die Soziale Arbeit dafür kämpfen muss, um als Profession anerkannt zu werden, so kann es eigentlich auf die Frage der Anzeigepflicht nur eine Antwort geben: Die möglichen Folgen für den Klienten oder die Klientin, den Sozialarbeitenden und die Institution müssen insgesamt verantwortbar sein. Zöge wirklich jeder kleinste Verdacht auf Sozialmissbrauch eine Anzeige und ein Verfahren nach sich, könnte nicht mehr sozialarbeiterisch gearbeitet werden. Es könnte kein Vertrauensverhältnis mehr zwischen Sozialarbeitenden und ihren Klientinnen und Klienten entstehen. Diese müssten in ständiger Angst vor den Sozialarbeitenden leben und müssten zum Selbstschutz auf jede Mitteilung, die über das Einreichen der verlangten Unterlagen hinausgeht, verzichten. Das hätte zur Folge, dass Soziale Arbeit auf Sozialdiensten nur noch Administration und Verwaltung wäre. Dies wäre jedoch mit den Ansprüchen, welche die Soziale Arbeit an sich selbst stellt, aber auch denjenigen Ansprüchen, welche die Gesellschaft an die Soziale Arbeit hat – Teilhabe fördern, Hilfe zur Selbsthilfe geben usw. – nicht mehr vereinbar. Ich kann sagen, dass ich sehr viele Entscheide sehe, in denen die Staatsanwaltschaft keine strafbare Handlung sieht und die Strafuntersuchung einstellt. Viele der Anzeigen sind offensichtlich voreilig gestellt worden. Das tut mir vor allem für die Klienten leid: Sie werden verdächtigt, angeschuldigt, verhört, fürchten eine Landesverweisung und können am Schluss zwar aufatmen, weil sie nichts Falsches getan haben, sie werden aber für die anstrengende Zeit des Verfahrens nicht entschädigt. Mir tut es auch leid, dass ihr Glaube an den Rechtsstaat und die Gerechtigkeit durch solche unbegründeten Anzeigen leidet. Mein Rat ist also: Klären Sie den Sachverhalt genau ab, schreiben Sie ausführliche Aktennotizen, und setzen Sie sich für das Wohl Ihrer Klienten dort ein, wo Sie einen Spielraum haben. Ingrid Hess

Verein Sozialinspektion geht Verdachtsfällen nach

Bei begründetem Verdacht auf Sozialhilfemissbrauch klären die Fachleute des Vereins Sozialinspektion die Arbeits-, Familien-, Einkommens-, Vermögens- und Wohnverhältnisse von Sozialhilfeklientinnen und Sozialhilfeklienten ab. Voraussetzung für einen Inspektionsauftrag ist, dass der Sozialdienst vorgängig alle eigenen Möglichkeiten zur Ermittlung des Sachverhalts ausgeschöpft hat. Die Sozialinspektorinnen und Sozialinspektoren verfügen über eine abgeschlossene und anerkannte Ausbildung auf Tertiärstufe oder eine gleichwertige Ausbildung auf Tertiärstufe oder eine gleichwertige Ausbildung im juristischen Bereich, im Sozialbereich oder im Sicherheitsbereich. Einen spezifischen Ausbildungslehrgang für Sozialinspektoren gibt es nicht. Das nötige (Fach-)Wissen wird sich laut Geschäftsführer Roger Schürch während der täglichen Arbeit angeeignet. Zudem müssen die Inspektoren diverse Kurse im Bereich Sozialhilfe absolvieren. Es sei nicht Ziel des Vereins, möglichst viele potenzielle Delinquenten zu überführen, sagt Roger Schürch. «Erfolgreich sind wir, wenn wir feststellen können, dass alles in Ordnung ist, und die Verdachtsmomente geklärt sind.» Im Jahr 2019 ergaben sich bei insgesamt 26 328 Sozialhilfebeziehenden im Kanton Bern 140 begründete Verdachtsfälle, die der Sozialinspektion zur Abklärung übergeben wurden. Bei 85 Fällen bestätigten die Abklärungen den Verdacht. Entkräftet wurde der Verdacht bei 13 Fällen, in den anderen Fällen wurden die Ermittlungen abgebrochen oder keine eindeutigen Hinweise gefunden. Im von den Corona-Schutzmassnahmen geprägten Jahr 2020 wurden der Sozialinspektion weniger Fälle zugewiesen, und die Ermittlungen waren erschwert, da keine Hausbesuche mehr durchgeführt werden konnten. «Der persönliche Kontakt am Domizil der Klienten ist für die Ermittlungen von grosser Bedeutung», erklärt Schürch. Auch die Überwachung ohne Wissen des Betroffenen wird laut Schürch von den Sozialinspektoren durchgeführt. Als Folge der Corona-Schutzmassnahmen wurden Gespräche vor der Haustüre durchgeführt statt in der Wohnung, oder man verzichtete ganz auf Hausbesuche. Wichtig seien ferner immer wieder auch Abklärungen im Ausland. Die Schwierigkeit ist dabei, dass sich das Sozialhilfegesetz nicht zu Abklärungen im Ausland äussert. Aus diesem Grund werden Auslandsabklärungen nur mittels Vollmacht der Klienten durchgeführt. Nach Abschluss der Ermittlungen übergibt die Sozialinspektion die Abklärungsergebnisse in einem Bericht an den zuständigen Sozialdienst und gibt eine Handlungsempfehlung ab bzw. eine Empfehlung zur Sanktionierung. Diese können eine Kürzung der Sozialhilfe vorsehen oder die Einstellung der Leistungen, die direkte Bezahlung von Miete und Krankenkasse, die Rückerstattung der unrechtmässig bezogenen Leistungen sowie eine Anzeige gemäss Strafgesetzbuch. Die Abklärungen der Sozialinspektorinnen und -inspektoren werden für öffentliche Sozialdienste im Kanton Bern über den Lastenausgleich finanziert und erfolgen somit ohne separate Rechnungsstellung. Ingrid Hess

«Soziales Engagement ist Teil unserer Kultur.»

Martin Volkart: Es war für uns, wie für die Gastroszene überhaupt, natürlich eine sehr schwierige Zeit. Die Genossenschaft war ein gesundes Unternehmen, doch Corona hat uns in einem Mass getroffen, das so nicht vorstellbar war. Aber wir sind froh, leben wir hier in diesem Land. Wir erhielten schnell Kredite und konnten damit die Liquidität sichern. Wir erhielten Kurzarbeitsentschädigung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und waren zum Glück gegen eine Pandemie versichert. Jetzt kommt noch die Härtefallentschädigung, sodass wir schliesslich einigermassen gut über die Runden kommen werden. Im vergangenen Sommer lief es zudem wirklich erfreulich gut. Es kamen erstaunlich viele Touristen, gerade aus der Westschweiz. Ja, das haben wir. Die Stadt kam von sich aus auf uns zu. Bei privaten Vermietern waren es intensive Verhandlungen, aber das ist ja normal, denn das sind Geschäftsbeziehungen. Ein Vorteil für uns war sicher, dass wir eine Genossenschaft sind und nicht shareholderorientiert. Nein, wir mussten niemanden entlassen. Dies war und ist immer unser oberstes Ziel, und ich bin froh, dass es uns tatsächlich gelungen ist. Die Ausbildung unserer 15 Lehrlinge war natürlich nicht ganz problemlos, da man nicht kochen und servieren konnte. Da mussten wir uns etwas überlegen. Unsere sieben Lehrlinge im Abschlussjahr haben ihre Prüfungen dennoch allesamt mit Bravour bestanden. Es hat uns alle aber sehr viel Energie gekostet. Ich denke, das Naturell von Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, ist sicher eher anpackend, offen, kontakt- und festfreudig. Gerade für die Jungen war es eine grosse Belastung, zu Hause eingesperrt zu sein und nichts tun zu können. Zudem scheint die Krise auch ein Moment für Veränderung zu sein. So sind wir davon überrascht worden, wie schwierig es aktuell ist, neue Mitarbeitende zu finden. Arbeiten am Abend und am Wochenende ist offenbar noch einmal unattraktiver geworden. Genossenschaften sind ein geniales Konstrukt. Der Vorteil ist vor allem, dass niemand hinter uns steht, der Gewinne sehen will. Nicht das Kapital herrscht, sondern die Genossenschaftler. Wenn von 400 Genossenschaftsmitgliedern eines das halbe Kapital eingebracht hat, hat er oder sie dennoch nur eine Stimme. Es ist damit eine sehr demokratische Unternehmensform. Es gibt keine Shareholder, denen Gewinn ausgeschüttet werden muss. Man kann Reserven äufnen, die Mitarbeitenden am Gewinn beteiligen oder auch die Betriebe laufend in Schuss halten. Ja. Viele Mitarbeiter sind auch Genossenschafter. Und 2018 erhielt jeder und jede 2000 Franken zusätzlich ausbezahlt, egal welche Funktion oder Aufgabe er oder sie innehatte. Aber es hängt von den Werten ab, die sich die Genossenschaft gibt. Es gibt Genossenschaften die keine gute Wertegrundlage haben und nicht gut funktionieren, und genauso gibt es Aktiengesellschaften die hohe Werte haben. Die Genossenschaft Baseltor hat sich hohe Werte gesetzt. Wir wollen gut zu unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schauen, sie sollen fachlich und menschlich wachsen können. Das gilt besonders für die Lehrlinge. Unsere Mitarbeiter bleiben deshalb überdurchschnittlich lange. Manche bleiben 20, 30 oder 40 Jahre lang bei uns. Die Genossenschaft wurde 1978 im selbst verwalteten, basisdemokratischen «Löwen» gegründet. Man diskutierte, argumentierte und stritt, tage- und nächtelang, heisst es in den Berichten. Was ist über 40 Jahre später aus der Utopie der Pionierzeit – kollektiv zusammenleben und arbeiten, die Gesellschaft durch Gastronomie und Kultur verändern – geworden? Passt zu den ursprünglichen Ideen ein stetig wachsendes Unternehmen? Es ist tatsächlich ein Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Es gab auch einige wenige Genossenschafter, die austraten, weil es die Kollektivbeiz, in die sie mal eingetreten waren, nicht mehr gab. Manche sagen, das Baseltor sei mittlerweile ein Konzern, der sich immer mehr einverleibe. Ich denke, man kann nicht 40 Jahre den Pioniergeist der Gründerzeit bewahren und ansonsten nichts tun, sich nicht weiter entwickeln. Man muss jedoch mit den der Genossenschaft zugrunde gelegten Werten mit Sorgfalt umgehen und darf die Grundwerte nicht verraten. Als wir vor über 20 Jahren beschlossen, das «Solheure» zu übernehmen, gab es heftigen Widerstand. Manche fürchteten, das gefährde das Mutterhaus. Im Nachhinein muss man sagen, dass dieser Entscheid und auch die weiteren richtig waren, denn ohne das Wachstum wäre das Unternehmen heute wohl mit grossen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. Aber natürlich darf man auch eine andere Position haben und das falsch finden, was wir machen. Wir wollen hingegen probieren, zu zeigen, dass es möglich ist, mit einem KMU auch in einer schwierigen Branche erfolgreich zu sein und diese Werte gleichzeitig einzuhalten. Und auf die Art, wie wir es machen, können wir eine Ausstrahlung nach aussen haben. Wenn man hingegen nur in einer ganz kleinen Zelle aktiv ist, dann ist die Gefahr gross, dass man nur unter sich bleibt. Dann hätten diese Werte, für die wir stehen, keine Breitenwirkung. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht selbst die Gäste wegnehmen, uns sozusagen kannibalisieren. Wir waren bisher ja nicht diejenigen, die Projekte entwickelten und dann Lokale zum Kauf suchten. Es waren immer Opportunitäten von aussen, die wir prüften und wo wir uns überlegten, ob es zu uns passt. Wir hatten in diesem Sinn nie eine Wachstumsstrategie. Solothurn hat nur 17 000 Einwohner, und dennoch gibt es hier so viele gute Beizen. Das ist schon aussergewöhnlich. Wir werden unsere Strategie aber nächstes Jahr überprüfen und dabei auch die Frage der «guten Grösse» selbstkritisch und auch im Kontext von Covid-19 prüfen. Die Köche der Genossenschaft kochten im Turnus im April immer dienstags für die Gassenküche Adler. Profis kochten also für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Die Gerichte konnten bei der Gassenküche als Take-away abgeholt werden. Welche Rolle spielt das soziale Engagement in der Genossenschaft? Dass das soziale Engagement Teil unserer Kultur ist, ist selbstredend. Wir bilden Lehrlinge aus, und wir bieten pro Betrieb einer Person, die nicht die volle Leistung bringen kann, einen Arbeitsplatz. Immer wieder beschäftigen wir auch Flüchtlinge. Das funktioniert manchmal gut, manchmal auch nicht. Nicht alles läuft nur über Projekte. Es gibt da zum Beispiel einen älteren Mann, der musste ins Altersheim, aber dort gefällt es ihm nicht. Er kommt nun täglich mit dem Rollator in die «Couronne», die ja unser edelster Betrieb ist, und dort sitzt er oft lange, isst etwas, trinkt etwas. Manchmal zahlt er, manchmal wieder nicht. Das ist total schön. Alle lieben ihn und er uns. Dennoch: Wir arbeiten in einer anspruchsvollen Branche, in der man einfach schauen muss, wie man unternehmerisch gut über die Runden kommt, nicht nur in Krisenzeiten, aber dann ganz besonders. Und wir wollen in jedem Fall Entlassungen verhindern. Dennoch sollten wir uns sicher immer wieder fragen, was wir noch tun könnten. Das ist so. Im «Solheure» kann man immerhin für 14 Franken einen Hamburger essen, und man kann auch einfach nur ein Bier trinken. Auch im neuen «Viktor» gibt es preiswerte Kleinigkeiten. Wir versuchen, wie eine Familie zu sein, nach innen, aber auch nach aussen. Es gibt viele Gäste, die kommen seit 10, 20 oder sogar 30 Jahren. Ins «Solheure» kommen manche jeden Tag, es ist ihr Zuhause. Sie sind auch jetzt wieder da und freuen sich, dass wir wieder geöffnet haben. Besonders sind auch die Arbeitsbedingungen. Wir haben einen Minimallohn, der bei 4000 Franken im Monat liegt. Und das Verhältnis tiefster zu höchstem Lohn ist 1 zu 2,5. Ausserdem können unsere Mitarbeitenden inklusive Lehrlingen in allen Betrieben als Gäste zum halben Preis essen und trinken. Auch haben wir eine Parität zwischen Frauen und Männern im Vorstand, und in den Betriebsleitungen und im Kader liegt der Frauenanteil bei 60 Prozent. Dass die Bedingungen gut sind, sieht man auch daran, dass etwa 25 Mitarbeitende schon 10 Jahre im Unternehmen sind, die Hälfte davon seit über 20 Jahren. Am Anfang erhielten wir von vielen Künstlern Kunstwerke. Irgendwann waren die Räume vollgehängt bis zur Küche runter. Klar könnten wir in den Restaurants Ausstellungen organisieren, aber das ist aufwendig, und die Geschmäcke sind sehr unterschiedlich. Und da wir eine Genossenschaft sind, müsste es eine demokratische Geschmacksfindung geben, was ein vielleicht eher komplexes Unterfangen wäre. Es ist auch einfach beschränkt Energie vorhanden, um solche Projekte neben dem Alltäglichen zu realisieren. Ich denke, dass wir ein wertvoller Teil in Solothurn sind. Als Gastrobetrieb leisten wir einen Beitrag an eine lebenswerte Stadt. Das spürte man gerade jetzt durch diese Krise. Ich denke, dass die Werte der Genossenschaft viel mit der lokalen Verbindung mit dem Ort zu tun haben und deshalb wirklich etwas fehlen würde, wären die fünf Beizen und Restaurants der Genossenschaft Baseltor nicht da. Für die Zukunft geht es nach Covid-19 vorerst darum, eine gesunde Basis im Unternehmen zu garantieren. Mit den Herausforderungen rund um die Suche von guten Mitarbeitenden wollen wir uns als wirklich vorbildlicher Arbeitgeber weiter verbessern. Ich denke, es sind schliesslich meist nicht die grossen Würfe, die eine gute Gastronomie und Hotellerie ausmachen, sondern das tägliche engagierte Arbeiten mit viel Herz. Ingrid Hess

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